Früherziehung auch für die Ärmsten

„Kindergarten für jedes Kind“ in Tărlungeni und Zizin

Donnerstag, 03. Mai 2012

Leslie Hawke und „Ovidiu Rom“ können mehr als nur gute Absichten vorweisen.

In der kleinen Wohnung in Zizin müssen gleich drei Generationen leben.
Fotos: der Verfasser

„Uns geht es richtig schlecht, Chef! Acht Kinder haben wir. Und die Schwiegermutter und zwei Enkelkinder.“ Crina Chiriţă sagt, ihre Familie sei eine der ärmsten in Zizin – ein Dorf in der Gemeinde Tărlungeni, rund 15 Kilometer von Kronstadt/Braşov entfernt. Heute hat sie Besuch – Journalisten aus Kronstadt und Bukarest wurden von dem Verein „Ovidiu Rom“ eingeladen, sich vor Ort selbst ein Bild zu machen, wie Roma leben.

Viele, zumeist schlecht gekleidete Kinder, kleine, dicht aneinander gedrängte Hütten ohne Wasser- und Gasversorgung, ohne Garten, entlang einer schmalen, holprigen Straße wo der Kleinbus nur schwer vorankommt – die Armut macht sich auf den ersten Blick bemerkbar. Bald hat es sich im Roma-Viertel herumgesprochen, dass gefilmt und fotografiert wird. Die Menge vor dem Hof wird größer und lauter. „Wollt ihr noch einmal zeigen, wie unfähig und heruntergekommen die Zigeuner sind? Warum sollen wir wieder ins Fernsehen? Braucht ihr unsere Wählerstimmen?“ Die Leute sind neugierig aber auch aufgebracht. Sie beruhigen sich etwas, als sie von Sorin, ein junger Roma und „Vermittler“ („mediator“), also Ansprechperson zu den Behörden, erfahren, dass es um den Kindergarten gehe. Der Kindergarten, den es in Zizin nicht gibt, sondern nur im Nachbardorf Cărpiniş. Und wohin nur einige Roma-Kinder per Kleinbus pendeln. Einerseits gibt es zu wenige Plätze und andererseits wollen viele Mütter ihre Kinder nicht so weit von zu Hause wissen.

Die Mitarbeiter von „Ovidiu Rom“ sind von dem lauten und nicht gerade begeisterten Empfang selber unangenehm überrascht. Die Journalistengruppe sei zu groß, bei angemeldeten Einzelgesprächen könne man sachlicher miteinander sprechen und mehr erfahren. „Was sollen wir mit 2 Millionen im Monat machen? Ohne Geld kann man nichts machen. Wir haben kein Schwein, kein Huhn, kein Pferd. Mein Mann ist Tagelöhner und bekommt mehr aus Mitleid etwas Arbeit und Geld im Dorf“, klagt die schmächtige schwarzhaarige Crina. Inzwischen laufen Kinder im lehmigen Hof hin und her, posieren für die Fotografen oder gaffen einen an.

Bürgermeister Iosif Kiss hatte uns bei einer Begegnung in der Schule im Gemeindevorort klipp und klar gesagt, zuerst müssten die Roma die Möglichkeit haben, für sie passende Arbeiten durchzuführen, Geld zu verdienen, Verantwortungen zu übernehmen. Das Bürgermeisteramt sei auch bereit, Grund für sie zur Verfügung zu stellen, nur seien die notariellen Kosten bei der Grundbucheintragung so hoch, dass niemand sich so was leisten kann.
Bei „Ovidiu Rom“ setzt man die Prioritäten anders. Zuerst Bildung und dabei Früherziehung, also Kindergarten als Schwerpunkt sei enorm wichtig, um den Ärmsten der Armen zu helfen, den Kindern Chancen für eine bessere Zukunft zu geben. In die Praxis umgesetzt werden soll das durch das Programm „Kindergarten für jedes Kind“. Jene Familie, die ihre Kinder ohne Unterbrechungen zum Kindergarten bringen, erhalten Lebensmittelcoupons („tichete sociale“) im Wert von 50 Lei pro Monat und pro Kind. Damit kann man bei manchen Geschäften Lebensmittel einkaufen. Das Projekt läuft seit vorigem Schuljahr in Absprache mit dem Unterrichtsministerium. In diesem Jahr sind es 38 Kindergärten in 20 Gemeinschaften aus zwölf Landeskreisen. 1400 Kinder aus benachteiligten Familien (nicht nur aus den Reihen der Roma) sind Nutznießer dieses Angebotes.

Maria Gheorghiu und Leslie Hawke, die 2004 gemeinsam „Ovidiu Rom“ auf die Beine gestellt haben, können viel über ihre Arbeit und ihre Erfahrungen sprechen. Leslie Hawke, die Mutter des US-Schauspielers Ethan Hawke, hat dafür auf ein sorgenloses Leben in New York verzichtet. Wie es dazu kam, was erreicht wurde und wie es mit der Früherziehung benachteiligter Kinder hierzulande weitergehen sollte, mehr darüber auf Grund des mit ihr geführten Gespräches in der nächsten KR.

Tărlungeni und Zizin sind die einzigen Ortschaften im Kreis Kronstadt wo „Kindergarten für jedes Kind“ läuft. Hinzu gekommen ist nun, dank dem Konzern Glaxo SmithKline, auch eine gesundheitliche Komponente, da richtige ärztliche Betreuung und Ernährung genau so wichtig sind wie Bildung. 150.000 Euro stellt der Konzern im Rahmen seines europäischen Regionalprogramms für Rumänien in den nächsten drei Jahren bereit die, unter anderem, regelmäßige ärztliche Untersuchungen, Impfungskampagnen, Erziehung im Bereich Familienplanung ermöglichen sollen.

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