Für alle Beteiligten unvergesslich

Cristian Măcelaru dirigiert in Bukarest Bachs Matthäus-Passion

Freitag, 09. März 2018

Der langanhaltende Schlussapplaus war für alle mitwirkenden Musiker wohlverdient.
Foto: Virgil Oprina

Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion gehört zu den grandiosesten Musikwerken, die jemals komponiert wurden. Deren Aufführung ist stets eine Herausforderung für Orchester, Chor und Solisten, denn die Dimensionen des Oratoriums, seine metaphysische Tiefe und musikalische wie emotionale Vielschichtigkeit bedürfen einer Aufführung, die diesen Ansprüchen gerecht wird. Das Nationale Jugendorchester Rumäniens wagte sich an dieses große Meisterwerk, das für die Instrumentalisten völliges Neuland darstellte. Unter der Leitung des Dirigenten Cristian Măcelaru wachsen die jungen Musiker über sich hinaus und machen den Abend des 4. März 2018 im Bukarester Athenäum zu einem für alle Beteiligten unvergesslichen Erlebnis.

Cristian Măcelaru gehört zu den weltweit besten jungen Dirigenten. Der gebürtige Temeswarer, der in den USA studierte und dort residiert, ist Träger des hoch angesehenen Solti-Dirigierpreises (2014). Seit mehreren Jahren mit dem Philadelphia Orchestra verbunden, einem der besten Orchester der Welt, dirigierte er mittlerweile die meisten großen Orchester der USA – New York Philharmonic, Chicago Symphony Orchestra u.v.m. Seine Engagements in Europa führten ihn unter anderen zum Concertgebouw Orchester Amsterdam, dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, dem Deutschen Symphonieorchester Berlin oder der Tschechischen Philharmonie in Prag. Seine Dirigate sind Ergebnis konzentrierter, intensiver Arbeit an der Partitur, sie haben Tiefe und eine klare und deutliche Aussage, regen zur Auseinandersetzung an. Sowohl der Kontext der Entstehung des Werkes wie auch die Bedeutung des aufgeführten Werkes für die heutige Zeit sind für den Maestro von großer Bedeutung.

Măcelarus Dirigat ist äußerst präzise, seine Gesten sind auf das Wesentliche reduziert, gleichzeitig aber einfühlsam, expressiv und voller Energie, die sich sogleich auf alle Mitwirkenden überträgt, sodass das Orchester mit sichtlicher Freude bei gleichzeitig höchster Konzentration agiert. Das Ergebnis ist an diesem Abend eine sehr feinfühlige, nuancenreiche und authentische Interpretation der Matthäus-Passion, jenseits jeder Routine. Das Publikum ist schnell in stilles und verinnerlichtes Staunen versetzt. Über die ganze Dauer dieses fast dreistündigen Werkes herrscht eine sagenhafte Spannung in der Luft, während sich die Geschichte vom Leiden und Sterben des Erlösers entfaltet.

Mit dem unvergleichlichen amerikanischen Tenor Nicholas Phan als Evangelist hat Maestro Măcelaru einen Partner zur Seite, der einen wesentlichen Beitrag zum Erfolg des Abends hat. Er bewältigt die Partitur mit unglaublicher Leichtigkeit, perfekter Aussprache, einer schier unendlichen Wandlungskraft und höchstem Einfühlungsvermögen. Der Evangelist ist der Faden, der das Geschehen zusammenhält und Bindeglied zwischen Orchester, Chor und Sängerensemble. Phan gibt dem Geschehen Dramatik und die nötige Tragik und findet die Balance zwischen der Rolle des Erzählers und jener des engagierten Protagonisten.

Das junge einheimische Sängerensemble – Rodica Vică (Sopran), Antonela Bărnat (Alt), Cristian Hodrea (Bass) – ist solide, wobei Iustinian Zetea (Bass) als Jesus besonders hervorzuheben ist. Der Bukarester Preludiu-Chor unter der Leitung von Voicu Enăchescu erweist sich an diesem Abend ebenfalls als ein hervorragendes Ensemble, das werkgetreu, sensibel und bedacht gleichzeitig Tiefe, Licht und Dramatik ins Geschehen bringt. Besonders deutlich werden diese Kontraste in Măcelarus sehr stringenter Lesart von „So ist mein Jesus nun gefangen“, im Dialog zwischen Sopran und Alt und dem ersten Orchester einerseits sowie Chor und zweites Orchester andererseits. Hier offenbart sich beispielhaft die gesamte Dramatik der Passion, die sehr anschaulich mit rein musikalischen Mitteln erreicht wird. Eine sehr intensive Szene, die unter die Haut geht.

Während des Konzerts wird deutlich, wie gerne die jungen Musiker dem Maestro auf dieser Reise folgen. Es ist ein Markenzeichen dieses wunderbaren Ensembles: Begeisterung, Begabung, Präzision und der stetige Wille, den Konzertabend zu einem einmaligen Ereignis werden zu lassen. Aus der Erfahrung vieler selbst erlebter Konzerte des Nationalen Jugendorchesters Rumäniens in Berlin (im Konzerthaus sowie – als erstes rumänisches Orchester überhaupt – in der Berliner Philharmonie im Rahmen des Festivals Young Euro Classic) und in Bukarest kann ich sagen: es ist immer ein besonderes Konzert, das beglückt. Orchester und Maestro passen gut zusammen – eine gute Voraussetzung für eine lange und ertragreiche musikalische Freundschaft.

Es zeigt sich, dass das von dem Cellisten und Musikpädagogen Marin Cazacu vor genau zehn Jahren ins Leben gerufene Orchester das erfolgreichste und bedeutendste Musikprojekt der letzten Jahrzehnte in Rumänien ist.

Bachs überwältigendes Opus wird an diesem Abend im März im Athenäum zu Bukarest zu einem besonderen Erlebnis. Die Arien „Erbarme dich, mein Gott“ (Alt, mit Violinsolo), „Aus Liebe will mein Heiland sterben“ (Sopran, mit Flötensolo) oder „Mach dich, mein Herze, rein“ (Bass) erscheinen dabei beispielhaft für die Authentizität der Darbietung, die in besonderer Weise berührt. Jede Szene fügt sich musikalisch perfekt in das Gesamtgefüge ein, sodass sich ein perfekt ausbalanciertes Gesamtbild entfalten kann.

Lange nach dem Verhallen des Schlusschors, der Pause des Innehaltens vor den lang anhaltenden Standing Ovations für Dirigent, Orchester, Chor und Solisten, klingt die Musik des Leipziger Thomaskantors im Herzen derjenigen weiter, die diesen besonderen musikalischen Abend in Bukarest miterlebt haben. Seltenes Glück.

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