Für das Bedürfnis der Allgemeinbildung und des Studiums

Kronstädter Kreisbibliothek setzt diesbezügliche Tradition weiterhin fort

Freitag, 24. Mai 2013

Der Hauptsitz der Kronstädter Kreisbibliothek auf der Postwiese.

Daniel Nazare, Direktor der Kronstädter Kreisbibliothek. Fotos: Dieter Drotleff

Heutige öffentliche Bibliotheken bauen meistens ihre Bestände auf ältere Sammlungen auf, setzen aber auch eine Tradition fort bezüglich des Interesses der Nutzer dieser Institutionen für die Erweiterung ihrer Fortbildung oder der Fortführung ihres Studiums. Geht man vom Beispiel Kronstadts aus, so muss man vor allem an die im 16. Jahrhundert gegründete Gymnasialbibliothek zurückdenken für die ein eigenes Gebäude errichtet wurde.

In diese wurden Bücherbestände aufgenommen; Johannes Honterus schrieb 1543: es „ist eine öffentliche Bibliothek errichtet worden und mit allerhand guten Schriftstellern, theologischen, medizinischen, juristischen,  und was es sonst an geschmackvollen Schriftstellern gibt, versehen worden“. Als erste rumänische Bibliothek in Kronstadt  ist die der orthodoxen Kirche Sankt Nikolaus aus dem Schei-Viertel zu betrachten die Kataloge aus den Jahre 1693 und 1753 vorzuweisen hat. Diese verzeichnen beachtliche Buchbestände. Allein die Schulbibliothek umfasste, 1944 als die russischen Truppen einmarschierten, rund 40.000 Bände. Der Großteil musste dem städtischen Archiv überlassen werden. Ein weiterer Teil konnte gerettet werden und wurde vom Archiv der Schwarzen Kirche übernommen.

Heute umfasst die öffentliche Kreisbibliothek rund 700.000 Bücher und Periodika von denen 650.000 digitalisiert worden sind. Die Institution als solche hat einen enzyklopädischen Charakter und  versucht allen Nachfragen nachzukommen, seien es allgemeinbildende, berufliche oder informative Interessen. Als öffentliche Institution wird sie vom Kronstädter Kreisrat finanziert und hat mehrere Filialen im Stadtgebiet.

Im Kreisgebiet gibt es 26 Bibliotheken, die mit einem vollen Programm den Interessenten zur Verfügung stehen. Dieses sind, außer der George Bari]iu-Bibliothek in Kronstadt, die von Zeiden, Fogarasch, Weidenbach, Săcele, Rosenau, Reps, Törzburg, Neustadt, Drăguş, Dumbrăviţa, Marienburg, Heldsdorf, Hârseni, Hoghiz, Hamruden, Nußbach, Moieciu de Jos, Ormeniş, Poiana Mărului, Tartlau, Racoş, Petersberg, Tărlungeni, Vama Buzăului und Wolkendorf. Weitere sieben Gemeindebibliotheken haben nur halbes Programm, während 23 Ortschaften nicht über derartige Einrichtungen verfügen. Darunter sind auch drei Städte Predeal, Viktoriastadt und Zărneşti. Die jeweiligen Ortschaften müssen diese aus dem eigenen Haushalt finanzieren, sodass aus dieser Evidenz ersichtlich wird, welche Stadt- oder Gemeinderäte diesbezüglich finanzielle Mittel zur Verfügung stellen oder keine Mittel haben.

Spricht man mit Daniel Nazare, Direktor der Kreisbibliothek George Bariţiu, die außer der spezifischen Tätigkeit als Buchverleiher auch Forschungen durchführt, die Kulturzeitschrift ASTRA herausbringt und nicht nur Buch- sondern auch Kunst- oder Dokumentarausstellungen organisiert, so ist leicht feststellbar, welch großes Arbeitsvolumen da durchgeführt wird. Auch ist diesbezüglich die von den Mitarbeitern der Bibliothek, Ruxandra Nazare, Horia Moaşa und Alice Roman, ausgearbeitete Studie bezüglich der Rolle der Bibliotheken die diese allgemein auf die jeweilige Gemeinschaft ausüben, sehr ansprechend.           
   
Die Vergleiche mit den Aktivitäten von ausländischen Bibliotheken sind vielsagend. Beispielsweise sind die Bibliotheken in den USA zu 100 Prozent digitalisiert, während dieser Prozentsatz 1997 in Rumänien erst bei 44 Prozent lag. Nach 2000 wurden im Rahmen der Kreisbibliothek diese Voraussetzungen weit verbessert; mit Unterstützung des Landesprogramms Biblio-net und der Stiftung „Bill & Melinda Gates“ wurden die öffentlichen Bibliotheken im Kreisgebiet teilweise mit Computern ausgestattet, die vor allem der Gemeinschaft auch für ihre diesbezügliche Ausbildung, aber auch der Kommunikation und Information dienen. Diesbezüglich ist die Kreisbibliothek wegweisend auch was die eingegangenen Partnerschaften mit andern Institutionen oder Stiftungen betrifft. 

Anderseits gibt es auch Schwierigkeit bei der Erweiterung der bestehenden  Bestände durch Neuanschaffungen. Zum Teil auch aus Geldmangel, andererseits auch durch die Politik von Verlagen, die Neuerscheinungen nur gegen Bezahlung den Bibliotheken liefern. Diesbezüglich steht die Kreisbibliothek gegenüber anderen besser dank der Trägerschaft seitens des Kreisrates. So können die rumänischen und ungarischen Anschaffungen immer wieder erneuert werden. Schlechter steht es, was die deutschsprachige Buchproduktion betrifft. Diesbezüglich ist man mehr auf Schenkungen aus dem Ausland angewiesen, wie Direktor Nazare betont. Gelegentlich kommt die Bibliothek in Besitz deutscher Bücher durch Uwe Konst,  der immer wieder Schenkungen aus Deutschland überbringt.

Sehr gut steht die Bibliothek mit deutscher Literatur und Sachbüchern aus den Jahren noch vor der Wende da, sodass man, ausgehend von der Überlegung, die Anzahl der Bücher muss im Verhältnis zur Anzahl der jeweiligen Minderheit stehen, eigentlich sehr gut dasteht. Anderseits ist diese Proportion längst anderes. Durch eine bessere Zusammenarbeit und gegenseitiges Entgegenkommen mit den deutschsprachigen Institutionen aus dem Stadtgebiet könnte Positives geschaffen werden. Die Bibliothek befindet sich auch in Besitz eines Teils des Nachlasses des Komponisten Norbert Petri, so dass gelegentlich, wie im Vorjahr anlässlich dessen 100. Geburtstages,  auch weniger Bekanntes ans Licht gefördert werden kann.

Die Leitung der Kronstädter Kreisbibliothek zeigt den Lesern großes Entgegenkommen. Sie ist übrigens eine der wenigen öffentlichen Institutionen, die jeden Wochentag geöffnet hat. An den Arbeitstagen  steht diese zwölf Stunden, von 8 bis 20 Uhr, zur Verfügung, an den Wochenenden von 10 bis 14 Uhr. Alle Dienstleistungen sind unentgeltlich mit wenigen Ausnahmen wie die Ausstellung der Legitimationen, Ausdruck von Normativakten aus dem Regierungsblatt oder vom Internet, Fotokopien von Dokumenten aus den Beständen der Bibliothek, Vermieten von Räumen, wie beispielsweise die Mansarde des zur Bibliothek gehörenden Baiulescu-Hauses für andere Veranstaltungen.

Großen Anklangs erfreut sich die neu eingerichtete Abteilung für Kinder in der Bahnstraße 6 (Iuliu Maniu-Straße), wo diese auch mit dem vorhandenen Spielzeug sich entspannen können, besondere Programme für diese durchgeführt werden. Die Investition hat 40.000 US-Dollar betragen, und soll landesweit die modernste diesbezügliche Einrichtung sein. Seit November 2009 können hier die Kinder auch ihre Geburtstage begehen, ohne Gebühr an die Bibliothek zu zahlen.

Unentgeltlich bietet die Bibliotheksleitung Räume für Ausstellungen hiesiger bildenden Künstler. Sie hat eine eigene Kunstsammlung schaffen können und beherbergt gemeinsame Kulturveranstaltungen mit anderen Institutionen. Auch werden Filmabende nach einem bestimmten Programm – mit Ausnahme der Sommermonate – veranstaltet.
Nicht nur dank der vielen angeführten aber auch anderer Dienstleistungen, wirkt die Kreisbibliothek „George Bari]iu“ auch durch den architektonisch auffallenden Bau auf der Postwiese anziehend. Dieser wurde nach einem Projekt der Architekten Moritz Wagner und Constantin Nanescu in den Jahren 1927 – 1929 errichtet und beherbergte vor 1944 die Handelskammer. Nachher war hier zeitweilig der Sitz der Rumänisch-Sowjetischen Freundschaftsgesellschaft (ARLUS), dann  der Sitz der Redaktionen der Kronstädter Publikationen, einschließlich der „Volkszeitung“ bis 1968 als diese in die Goldschmiedgasse (Mihai Sadoveanu-Straße) übersiedelten. Ab dem Jahr wurde das Gebäude als Sitz der Bibliothek umgestaltet.

Die größte Sorge aber bereitet die Rückgabe durch Gerichtsbeschluss des Gebäudes an die Handels- und Industriekammer. Innerhalb von fünf Jahren von denen zwei schon verflossen sind, will der rechtmäßige Besitzer dieses übernehmen. Somit ist die Kreisbibliothek hier Mieter, und wie Daniel Nazare betont, wird gemeinsam mit dem Kreisrat an einer Zukunftsstrategie gearbeitet. Auch im Falle eines Neubaus kann eine derartige Institution nicht am Stadtrand errichtet werden. Und zentral gelegene Bauflächen gibt es nicht.  „Meist ist es so, dass die Wirtschaft Kulturinstitutionen fördert und nicht umgekehrt“, betont mit Wehmut der Direktor. Doch die Handels- und Industriekammer zeigt keine Nachsicht.

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