Für ein Jahr über den Tellerrand schauen

YFU-Verein ermöglicht Schülern fremde Länder und Schulsysteme kennenzulernen

Sonntag, 09. März 2014

Die ehemalige Geschäftsführerin, Christiane Cosmatu, gründete YFU Rumänien zusammen mit ihrem Mann im gemeinsamen Wohnzimmer.

Im YFU-Büro wird nicht nur der Schüleraustausch organisiert – hier werden Seminare geplant, Schulpräsentationen koordiniert und die Buchhaltung erledigt.
Fotos: Elisa Werner

Für ein Jahr in einem unbekannten Land bei einer anderen Familie leben und neue Leute kennenlernen? Für die meisten jungen Leute ist dies ein lang gehegter Traum, der, wenn überhaupt, erst im Studium in Form eines Auslandssemesters in Erfüllung geht. Dabei ist es möglich, schon während der Schulzeit ein fremdes Land kennenzulernen – und das für ein ganzes Jahr. Der Verein „Youth for Understanding“ (YFU) bietet ein internationales Austauschprogramm an, für das sich Schüler auf der ganzen Welt bewerben können. Bis heute konnten insgesamt 517 Jugendliche über YFU Rumänien für ein Jahr lang ein fremdes Land erkunden.

In Rumänien ist die Organisation seit 1994 tätig und entsendet Jugendliche in Länder auf der ganzen Welt. Angefangen hat die Organisation als ein Ableger des deutschen YFU-Komitees, erklärt Christiane Cosmatu, ehemalige Geschäftsführerin der YFU Rumänien. „Alles begann bei uns im Wohnzimmer“, sagt Cosmatu lächelnd. Nun ist die Vertreterin des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien (DFDR) als Unterstaatssekretärin im Departement für Interethnische Beziehungen tätig. Im Schuljahr 1994/1995 wurden die ersten 13 Austauschschüler in die verschiedensten Regionen Deutschlands geschickt. Durch ein Darlehen des Internationalen Komitees richtete sich der Verein 2006 ein kleines Büro in Bukarest in der Calea-Moşilor 280 ein. Hier werden nun Seminare, Auswahlgespräche und der Austausch selbst organisiert.

In diesem Büro sitzt zurzeit Patriciu Cosmatu, der Ehemann von Christiane. Momentan vertritt er die Geschäftsleiterin Laura B²l²nescu, die sich im Schwangerschaftsurlaub befindet. An den Wänden des Büros hängen Zeitpläne für die Seminare und Präsentationen, Selbstgebasteltes und Briefe der Austauschschüler sowie viele Gruppenfotos mit lächelnden Jugendlichen. „YFU ist für normale Schüler gedacht. Zum Zeitpunkt der Gründung gab es bereits Projekte für sozial oder körperlich benachteiligte Kinder und ebenso für die Hochbegabten. Für ein normales, gesundes Kind, ohne herausragende Leistungen, wurde jedoch nichts angeboten“, sagt Patriciu Cosmatu.

Von der Bewerbung bis zur Rückkehr

Anfang jedes Jahres werden für das Austauschprogramm freie Plätze ausgeschrieben. Um daran teilnehmen zu können, müssen sich die Schüler beim YFU Rumänien bewerben. Dabei müssen nicht nur allerhand Formulare ausgefüllt werden, die Schüler brauchen weiterhin eine Empfehlung eines Lehrers und müssen ihren Lebenslauf in einem Essay verfassen. Auch die Eltern der Schüler sind gefordert: Sie sollen einen Brief schreiben, in dem sie sich vorstellen und das Familienleben beschreiben. Sie müssen außerdem eine Erklärung abgeben, in welcher Höhe sie zu dem Austausch beitragen und ob sie noch etwas mehr zahlen können, um jenen Schülern, die keine Finanzierungsmöglichkeiten haben, etwas unter die Arme zu greifen.

Auf die Bewerbung folgen dann die Auswahlgespräche, bei denen die Bewerber sich vorstellen und in Gruppen bestimmte Probleme lösen müssen. „Dabei sieht man, wie reif die Schüler sind, wie sie auf andere Schüler eingehen und ob sie Rücksicht auf die Schüchternen nehmen – so sehen wir, ob die Bewerber eine gewisse soziale Kompetenz, die wir suchen, mitbringen“, erklärt Christiane Cosmatu. Manchmal müssen zusätzlich noch individuelle Interviews geführt werden, wenn sich die Seminarleiter noch kein genaues Bild von einem Schüler machen konnten.

Nachdem die freiwilligen Mitarbeiter der YFU die Bewerber genau kennengelernt haben, legen sie fest, wer für das Austauschjahr in Frage kommt. Jene Schüler, die ausgewählt wurden, nehmen dann an einem Vorbereitungssemniar teil. Dabei erfahren sie allerlei Nützliches über ihr Aufenthaltsland, über Menschen und das Leben dort. Nach einem halben Jahr findet im Aufenthaltsland dann das nächste Seminar statt. Organisiert wird dies von der Partnerorganisation vor Ort. Da sprechen die Jugendlichen über ihre bisherigen Erlebnisse, aber auch über ihre Probleme und Sorgen. Ende des Jahres kommen alle Austauschschüler im Aufenthaltsland erneut zu einem großen Abschlussseminar zusammen.

Über das wieder Einleben ins Heimatland findet dann nach einer gewissen Zeit ein weiteres Seminar in Rumänien statt. „Das wieder Einleben ist oft nicht einfach, denn die Schüler kommen mit gewissen Vorstellungen zurück, die nun nicht mehr eins zu eins passen – vielleicht haben sie während des Austausches eine freizügigere Schule erlebt und empfinden die rumänische nun als sehr einschränkend“, sagt Christiane Cosmatu, deren Tochter mit YFU für ein Jahr nach Deutschland ging. Die Bewerbungen für das kommende Schuljahr laufen noch bis zum 15. März 2014.

Die Eltern müssen überzeugt werden

Mit der Zeit konnte YFU Rumänien die Anzahl ihrer Zielländer ausweiten. Erst kamen zu Deutschland, die USA und die deutschsprachige Schweiz hinzu. Heute können die Schüler unter 20 Ländern auf der ganzen Welt wählen. „Es sind jedoch nicht alle aktiv, da manche einfach nicht so gefragt sind“, erklärt Patriciu Cosmatu. „Länder wie Indien, Australien oder Neuseeland sind vielen dann doch zu weit weg“. Vor allem den Eltern sei es lieber, wenn die Kinder in der Nähe blieben. „Auch wenn die Eltern ihre Kinder während des Aufenthalts nicht besuchen dürfen, sind die meisten Eltern doch für einen Aufenthaltsort, der im Notfall innerhalb von zwei Stunden zu erreichen wäre“, fährt Cosmatu fort. Viele Eltern möchten zudem, dass ihre Kinder so schnell wie möglich die Schule und das Studium hinter sich bringen, um dann auf eigenen Beinen zu stehen. „Die Eltern sehen das Austauschjahr oft als ein verlorenes Jahr an und sind sehr auf die schulischen Leistungen ihrer Kinder fokussiert. Dafür ist das Programm aber nicht gedacht“, so Patriciu Cosmatu. „Es ist dafür gedacht, dass die Schüler andere Kulturen und Sitten kennenlernen, Toleranz entwickeln und neue Bekanntschaften schließen, die ihnen in der Zukunft weiterhelfen können“, erklärt Cosmatu.

Auch die Kosten kommen manchmal dazwi-schen. Nicht alle Familien können sich so ein Austauschjahr im Ausland leisten. Für solche Fälle ist es möglich, für bestimmte Länder, mit denen der Verein spezielle Unterstützungs-abkommen hat, Teilstipendien zu bekommen. „Die Eltern der Schüler müssen jedoch beweisen können, dass sie nicht die nötigen finanziellen Mittel haben“, sagt Patriciu Cosmatu. Es besteht zudem die Möglichkeit, sich Sponsoren zu suchen, die einen Teil der Kosten übernehmen. Dabei ist dann die Eigeninitiative der Schüler und Eltern gefragt.

„Rumänien ist mein zweites Zuhause!“

YFU organisiert nicht nur den Austausch rumänischer Schüler in andere Ländern, sondern auch den Aufenthalt von Jugendlichen aus aller Welt in Rumänien. Bisher kamen 33 Schüler – die meisten davon aus Deutschland. Auch in diesem Schuljahr leben zwei Deutsche in Rumänien, dazu kommen noch ein Schüler aus Schweden und eine Schülerin aus Thailand. Vom 20. bis zum 23. Februar trafen sie sich zum Zwischenseminar in Bukarest, um ihre bisherigen Erlebnisse zu besprechen. Eva Pfaller aus Deutschland hatte von allen die weiteste Anreise – sie wohnt bei einer Gastfamilie in Arad. Die anderen drei Schüler leben in Bukarest.

Alle vier gehen während ihres Aufenthalts auf die Schule im Wohnort ihrer Gastfamilie. An das neue Schulsystem mussten sie sich erst einmal gewöhnen – auch weil der Unterricht auf Rumänisch stattfindet. „Das Schulsystem in Rumänien ist ganz anders als das thailändische: Hier gehe ich erst Nachmittags zur Schule und komme abends gegen 18 Uhr nach Hause, während es in Thailand schon morgens um 7 Uhr losgeht“, erzählt Panitchaya Panrak, die zusammen mit Midas Lundgren aus Schweden das Gheorghe-Laz²r-Kolleg in Bukarest besucht. Auch zu schwedischen Schulen gibt es viele Unterschiede. „In Schweden benutzen wir viel mehr Computer und Technik im Unterricht

. Hier beschränkt es sich auf Stift und Papier, was es manchmal schwieriger macht, zum Beispiel, wenn man einen Aufsatz schreiben muss: Mit dem Computer kann man einfach alles löschen und noch mal schnell von vorne anfangen“, erzählt Midas. Eva findet das deutsche Schulsystem etwas härter: „Es ist in Deutschland nicht so einfach gute Klausuren zu bekommen wie in Rumänien!“ Besser findet sie jedoch das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern: „Die Lehrer haben eine viel freundschaftlichere Beziehung zu ihren Schülern – das ist echt cool!“

In dem Zwischenseminar können die drei Schüler von ihren positiven Erfahrungen und Eindrücken der vergangenen Monate berichten. „Ich mag Rumänien, weil es hier vollkommen anders ist als in Schweden. Die Leute sind viel freier und scheuen sich nicht, Gefühle in der Öffentlichkeit zu zeigen“, erklärt Midas. Für Panitchaya ist es der erste Aufenthalt in einem europäischen Land. „Ich habe hier schon eine Menge erlebt und viele neue Freunde gefunden. Wenn ich die Chance habe, würde ich gerne wiederkommen, um sie zu besuchen“, sagt die Thailänderin. Auch Eva hat sich gut in ihrem Aufenthaltsland eingelebt: „Rumänien ist mein zweites Zuhause geworden!“

Erfahrungen, die dich für immer verändern

Während des Zwischenseminars in Bukarest wird viel unternommen: Die Schüler bekommen kleine Aufgaben, erkunden die Stadt und gehen ins Theater. Die beiden freiwilligen Leiter des Seminars können genau verstehen, wie sich die Jugendlichen gerade fühlen, da sie selbst am YFU-Programm teilgenommen haben. Die 19-jährige Ana Vîrlan und der 21-jährige Cristian Rodu waren beide ein Jahr lang in Deutschland. „Das ganze Austauschjahr verändert dich so sehr“, sagt Cristian. „Man lernt neue Leute kennen und hat die Gelegenheit, sich etwas ganz Neues aufzubauen“, fügt der junge Mann hinzu. Er lebte mit seiner Gastmutter und seinem Gastbruder in Duisburg.

Ana, wurde zuerst in der Nähe von Hamburg untergebracht, dann wechselte sie ebenfalls nach Duisburg: „Für mich war das Jahr wie eine große Entdeckungsreise“! In Deutschland leben würde sie aber nicht. „Es war eine gute Erfahrung, aber in Rumänien fühle ich mich zu Hause“. Cristian dagegen plant, wieder nach Deutschland zu gehen: „Ich möchte nach meinem Bachelor in Bukarest ein Masterstudium in Berlin abschließen“. Und einen Vorteil gegenüber anderer Auslandsstudenten wird er wohl haben. „Es ist doch ein Erfolgserlebnis, wenn man schaut, was für Biografien sich aus diesen Auslandserfahrungen entwickelt haben“, bemerkt Christiane Cosmatu. „Manche von den ehemaligen Austauschschülern haben europaweit Leitungspositionen übernommen“. Es kann nie schaden, über den Tellerrand hinaus zu schauen!

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