Für eine sichere Zukunft

Sonntag, 10. November 2013

Das deutsche Konzept der dualen Berufsausbildung soll Unternehmen in Rumänien helfen, gegen den real existierenden Fachkräftemangel anzukommen. In der Deutsch-Rumänischen Industrie- und Handelskammer (AHK Rumänien) haben diese die Schnittstelle zu den rumänischen Behörden gefunden, die eine lobenswerte Anpassungsfähigkeit zutage gebracht haben. Gemeinsam wird versucht, die Berufsausbildung in Rumänien wieder auf die Beine zu stellen.

Denn eines haben Rumänen in den vergangenen zwei Jahrzehnten anscheinend konsequent verdrängt: Im Volksmund heißt es, „der Beruf ist ein goldenes Armband“ (rum. Meseria e brăţara de aur) –  ist wohl weniger aktuell für die heutige Jugend. Die bereits vor der Wende 1989 eingebläute Haltung, dass erst ein Hochschulstudium einen zum Menschen mache, wurde durch die Öffnung des Marktes für private Universitäten nach 1990 gestärkt. In der Folge: Immer mehr Studenten, die das Falsche studiert haben, bevölkern das Land. Nur etwas mehr als ein Viertel der Mitarbeiter mit Hochschulabschluss tun beruflich auch das, was sie studiert haben. Das Ergebnis: Frustrierte Hochschulabsolventen, die nach jahrelangem Studium ihr Dasein als unterforderte Management-Assistenten oder Kassierer bei Banken fristen, wie AHK-Rumänien-Präsident Dr. Radu Merica in der Eröffnung des Presseclubs zum Thema „Berufsausbildung in Rumänien“ am vergangenen Dienstag erläuterte.

Derweil haben vor allem Unternehmen mit ausländischer Kapitalbeteiligung in Rumänien mit einem echten Fachkräftemangel zu kämpfen. Den Mythos von gut ausgebildeten Mitarbeitern, die hierzulande noch auf Investoren warten würden, entzauberte Stelian Fedorca, Berater des Bildungsministers und treibende Kraft hinter dem Projekt der dualen Berufsausbildung in Rumänien. Die verbliebenen gut ausgebildeten Fachkräfte seien mittlerweile in ihren 50ern und kaum jemand ist geeignet, ihre Nachfolge anzutreten. Denn es ist eben hipp, studiert zu haben. Doch genau das brauchen Unternehmen wie der Möbelhersteller Polipol im nordwestlichen Satu Mare/Sathmar oder Schaeffler in Braşov/Kronstadt nicht. Deswegen haben sie Berufsausbildungsprojekte auf die Beine gestellt, an deren zyklischen Enden jeweils Fachkräfte stehen, die den Fortbestand der Investitionen in Rumänien sichern – und weitere anlocken sollen. Denn erst wenn das System der theoretischen Berufsausbildung beim Staat und praktischen bei den privaten Unternehmen die ersten Fachkräfte hervorgebracht haben wird, kann wieder von den gut ausgebildeten rumänischen Mitarbeitern die Rede sein, die auf neue Investoren warten.
 
Berufsausbildung heute

Heute können Jugendliche am Ende des neunten Schuljahres entscheiden, ob sie die nächsten drei Jahre ihres schulischen Daseins mit Hinblick auf das Abitur und später auf ein Studium hin verbringen wollen. Alternativ steht ihnen eine zwei Jahre dauernde Ausbildung in ausgewählten Berufen zur Verfügung, wobei im ersten Jahr die Gewichtung zwischen Theorie und Praxis bei 60 zu 40 Prozent liegt und im zweiten Jahr bei 25 zu 75 Prozent. Ab 2014 wird diese Ausbildung auf drei Jahre erweitert, also ab Ende der achten Klasse. Am Ende winkt nach erfolgreich bestandener Prüfung der Nachweis einer abgeschlossenen Berufsausbildung. In dieser zweijährigen Ausbildungszeit verdienen Berufsschüler bis zu 400 Lei im Monat: 200 Lei zahlt der Staat als „finanziellen Anreiz“, 200 Lei der Ausbildungsbetrieb. Das soll verhindern, dass Jugendliche, die schon beschäftigt werden können, einer minderbezahlten Beschäftigung nachgehen. Stattdessen werden sie auf die Anforderungen des lokalen Arbeitsmarktes vorbereitet.

Denn die Ausbildungsplätze   im aktuellen Schuljahr 20.717, wie die Vertreterin des Nationalen Zentrums zur Entwicklung der beruflichen und technischen Ausbildung (CNDIPT), Felicia Săndulescu, eröffnet hat – werden ausschließlich aufgrund der Angaben der ausbildungswilligen Betriebe angeboten. Aktuell sind dies 1878 landesweit, sie brauchen in ihrer Mehrheit Kfz-Mechaniker und Gastronomie-Mitarbeiter. Denen stehen nach aktuellen Angaben etwas mehr als 12.000 Berufsschüler zur Verfügung. Die Diskrepanz legt deutlich dar, wie groß das Gefälle zwischen Angebot und Nachfrage ist. Denn die 1878 Betriebe hätten 20.717 Stellen zu besetzen. Freilich wird nicht jeder genommen, der sich um einen Ausbildungsplatz bewirbt. Uwe Kando, Leiter der einzigen selbständigen Berufsschule in Rumänien, der Deutschen Berufsschule Kronstadt (Şcoala Profesională Germană Kronstadt), hatte in diesem Jahr 250 Ausbildungsplätze für Mechaniker zu vergeben, doch nur 130 der Anwärter konnten aufgenommen werden. So sieht Fachkräftemangel aus.

Dabei haben die rumänischen Behörden eine bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit zutage gebracht. Zwar laufen die ersten Gespräche über die duale Berufsausbildung seit mehreren Jahren, erst seit Februar 2012 gibt es die gesetzliche Grundlage, um die Berufsausbildung landesweit zu etablieren – eben dual, nach deutschem Modell. Doch in der kurzen Zeit seitdem hat sich einiges getan. Am besten ist dies an der wenig bekannten Webseite
des CNDIPT abzulesen, unter www.alegetidrumul.ro. Dort gibt es nicht nur Leitfäden für die berufliche Ausbildung, auch alle Ausbildungsangebote im Land sind einsehbar. Allerdings hapert es noch an der Akzeptanz der Angebote, wegen dem Verständnis der Eltern, weiß Fedorca vom Bildungsministerium. Und dem negativen Image der Berufsausbildung, weiß Lorin Arz von Polipol. Und der Arbeit der schulischen Berufsberater im Land, die als Norm 800 Schüler im Jahr beraten müssten, weiß S²ndulescu vom CNDIPT. Daran und an vielem mehr müsse noch gearbeitet werden, hieß es abschließend. Für eine sichere Zukunft, denn diese „Berufsschule ist die Zukunft“,wie Fedorca schlussfolgerte.

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