Für immer für die Nachwelt verloren

Wissenschaftliche Analyse zeigt: In Rotterdam gestohlene Ölgemälde wurden verbrannt

Samstag, 10. August 2013

Rede und Antwort standen die Experten des Analysezentrums im Nationalen Geschichtsmuseum, Dr. Migdonia Georgescu, Dr. Zizi Baltă, Museumsdirektor Dr. Ernest Oberländer-Târnoveanu und Dr. Gheorghe Niculescu.

Die Spektralanalyse dieses gelben Pigmentbröckchens gibt Aufschluss über seine genaue atomare Zusammensetzung.
Fotos: Nina May

Der Schaden für die Kunstwelt ist kaum zu ermessen, doch nun wissen wir es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit: Mindestens drei der im Oktober 2012 aus der Kunsthalle in Rotterdam gestohlenen Bilder - vielleicht sogar alle - sind für die Nachwelt für immer verloren. Ohne Krieg, ohne Erdbeben, ohne Großbrand oder Naturkatastrophen, einfach mutwillig und gedankenlos vernichtet. Aus Angst vor Strafverfolgung im heimischen Ofen verbrannt, um die Spuren zu verwischen. Vergeblich, denn mit modernen wissenschaftlichen Mitteln lässt sich sogar „post-mortem“ feststellen, was einmal ein wertvolles Gemälde war...
Der Tat verdächtigt wurde die Mutter eines der Täter. Die am 1. März 2013 im Landkreis Tulcea in ihrem Haus sichergestellte Asche war daraufhin von Kriminalisten akribisch zusammengekratzt und von der Direktion für Investigation von Taten der Organisierten Kriminalität oder im Rahmen des Terrorismus, DIICOT, am 26. April an das Zentrum für physikalisch-chemische und biologische Untersuchungen des Nationalen Geschichtsmuseums (MNIR) zur Analyse übergeben worden. „Lässt sich feststellen, ob hier tatsächlich alte Ölbilder verbrannt wurden?“ lautete die einfache Frage. Nicht mehr, aber auch nicht weniger sollten die Forscher herausfinden. Das Ergebnis präsentierte Museumsdirektor Ernest Oberländer-Târnoveanu zusammen mit den an der Untersuchung beteiligten Wissenschaftlern in einer Pressekonferenz am 8. August 2013.

Wenn Atome  Geheimnisse verraten

Blitzlichtgewitter, der infernalische Lärm umliegender Baustellen in der Bukarester Altstadt und der herbe Duft schwitzender Journalisten erfüllt den ohnehin akustisch unglücklichen Veranstaltungssaal. Vor der Expertenrunde eine undurchdringbare Wand an Kameramännern, Kabeln und Aufnahmegeräten. Schweißperlen tropfen von den Stirnen. Die hinteren Stuhlreihen sind leer, alles drängt sich im Halbkreis so weit wie nur möglich nach vorne. Im Raum schwebt die Frage nach dem Schicksal der sieben gestohlenen Meisterwerke von Pablo Picasso, Henri Matisse, Claude Monet, Paul Gauguin, Meyer de Haan und Lucian Freud, von denen bisher jede Spur fehlt. Neben dem Museumsdirektor sitzen sogenannte Marker-Spezialisten, die mit Lichtmikroskop, Elektronenmiskoskop,  Röntgen-Diffraktionsanalyse, Atom-Spektroskopie, mit ultraviolettem oder polarisiertem Licht nach eindeutigen Spuren in den Proben von Asche, Metall-, Holz-und Papierresten, Fasern und anderen Rückständen gesucht haben. Das Ergebnis gibt Aufschluss über die atomare und molekulare Zusammensetzung der Asche, die wiederum Rückschlüsse auf das zulässt, was verbrannt worden sein mag.

Alte Ölbilder, erklärt Oberländer-Târnoveanu einleitend, bestehen aus einem Rahmen aus ganz bestimmten, trockenen Hölzern. Darauf befestigte man mit Metallnägeln oder -spangen eine Leinwand aus Baumwolle oder Leinen, die zur Zeit der besagten Künstler mit Knochenleim behandelt und dann geschliffen wurde. Manchmal wurden auch Eisenoxide oder andere typische Substanzen hinzugefügt, um die Oberfläche glatt und geschmeidig zu machen. Auf die Leinwand malte man damals mit Pflanzenölfarben, denen Mineralpigmente begegeben wurden – bis zum 11. Jahrhundert in höchst individuellen Techniken und von den Künstlern selbst hergestellt, später jedoch kommerzialisiert und daher ein wenig einheitlicher.
Da Atome nicht verbrennen, kann man auch in der Asche noch ganz gezielt nach diesen bekannten, üblichen Beimischungen - etwa Eisen oder Blei – in ihren für die Ausgangssubstanz typischen Proportionen suchen.

Was Pigmente, Fasern und alte Nägel erzählen

Hinzu kommt die Analyse unverbrannter Fragmente, etwa Faserreste, Metall oder Pigmentbröckchen. Letztere wurden in mehreren Farben unter dem Lichtmiskroskop identifiziert und daraufhin weiter analysiert. Es fanden sich Reste blauer, roter, hellblauer, grauer und gelber Pigmente, zum Teil noch in chemischer Verbindung mit Leinwandrückständen, die farblich zu den gesuchten Gemälden passen. Da Metallteile nicht verbrennen, konnte zudem eine Reihe von Nägeln sowie eine Metallspange aus der Asche isoliert und gezielt untersucht werden. Aus der mikroskopischen Analyse der Metalloberflächen sowie von Schnittflächen des Materials ergab sich, dass es sich um die damals üblichen, handgeschmiedeten Nägel handelte! Somit war also nicht nur klar, dass hier tatsächlich Ölbilder verbrannt worden waren, sondern auch, dass es sich um Kunstwerke aus der gefragten Zeit handelte.
Die Nägel verschiedener Art und Länge gaben aber auch Aufschluss darüber, dass mindestens drei Gemälde in den Flammen aufgegangen sein müssen. Die einzige vorhandene Metallspange passt hier nicht ins Bild und könnte daher von dem vierten Gemälde stammen.
Des weiteren stellte sich durch Analyse des Oxidationsstadiums der Metalloberflächen heraus, dass sich die Nägel bis vor Kurzem noch unter Luftabschluss befanden – also eingebettet in die Ölschicht des Gemäldes – bis sie durch den Verbrennungsprozeß freigesetzt wurden und daher nun Spuren kurzzeitigen Sauerstoffkontakts aufweisen.  

Komplexes wissenschaftliches Puzzle

Man kann also nicht nur feststellen, welche Materialien verbrannt wurden, sondern auch, in welchem Verhältnis sie wann zueinander standen - was im vorliegenden Fall die These, es handele sich um alte Ölbilder, untermauert. Spuren von Titan deuten darüberhinaus auf später erfolgte Restaurationsarbeiten an den Gemälden hin. Dies wurde aus Rotterdam, wo man die Vorgeschichte der Kunstwerke kennt, bestätigt. So ergibt sich aus dem chemisch-physikalischen Puzzle ein immer vollständigeres Bild mit hoher kriminalistischer Relevanz - auch wenn sich im streng wissenschaftlichen Sinne nicht mit 100-prozentiger Sicherheit beweisen lässt, dass es sich tatsächlich um genau diese Bilder handelt. Denn dazu hätte man sie zum Vergleich schon vor dem Verbrennen analysieren müssen.... was prinzipiell nicht geht, weil man für die Proben das Kunstwerk beschädigen müsste.

Bei den verbrannten Ölbildern handelt es sich laut Oberländer-Târnoveanu wohl um „Femme devant une fenetre ouverte, dite la Fiancee“’ (1988) von Paul Gauguin, „La Liseuse en Blanc et Jaune“(1919) von Henri Matisse, „Woman with Eyes Closed“(2002) von Lucian Freud und möglicherweise das „Autoportrait“ (etwa 1889 bis 1891) von Meyer de Haan. Keine Aussage können die Wissenschaftler dazu machen, ob sich unter den verbrannten Meisterwerken die ebenfalls gesuchten Tuschegrafiken und Pastelle auf Papier befanden. Gut möglich, dass alle Kunstwerke den Flammen zum Opfer gefallen sind.
Den Journalisten ist bei der Fragerunde am Schluss eine gewisse Enttäuschung anzumerken: Hundertprozentige Aussagen gibt es nicht, die erhoffte sensationelle Schlagzeile bleibt wohl aus. Die präsentierten Untersuchungsmethoden zeugen zwar von akribischer Detektivarbeit, doch Wissenschaft überzeugt eben nur, wenn man sich auf Details einlässt und den Blick hinter die Kulissen der Technik nicht scheut. Vielleicht aber schreckt die Feststellung, was man im Nachhinein alles feststellen kann, zumindest weitere Kunsträuber von der Zerstörung ihrer Beute ab. Es wäre schließlich nur gerecht, wenn das Strafmaß für nachweislich vernichtete Kunstwerke ungleich höher wäre als das für später sichergestellte.

Kommentare zu diesem Artikel

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*