„Für Serbien ist es wichtig, das Land in die europäische Kultur wieder zu integrieren“.

Interview mit Nemanja Milenkovic, dem Vorsitzenden der Stiftung Neusatz 2021 (Fortsetzung vom 20. März)

Mittwoch, 27. März 2019

In diesem Gebäude in unmittelbarer Nähe des Rathauses in Neusatz hat die Stiftung „Neusatz 2021 – europäische Kulturhauptstadt“ ihre Büros, in der Parterre, in der ersten Etage und in der Mansarde.

Freies WiFi gibt es auch im Hinblick des Kulturhauptstadtjahres bereits jetzt in der Altstadt, bei der Festung Peterwardein und – wie es das Foto zeigt – an der Donau-Promenade. Diese ist mehrere Kilometer lang, es gibt eine breite Allee, Fahrradwege und eine Piste für Jogger. Fotos: die Verfasserin

Drei europäische Kulturhauptstädte wird es im Jahr 2021 geben: Neben Temeswar ist es das griechische Eleusis (Elefsina) sowie Neusatz/Novi Sad, in nächster Nähe, in Serbien. Zum ersten Mal ist dabei auch eine Stadt aus einem Kandidaten-Land dabei. Temeswar und Neusatz verbindet aber viel Kulturelles und Geschichtliches. Wie die Neusatzer sich auf das Jahr 2021 vorbereiten und wie sie mit Temeswar zusammenarbeiten, hat Nemanja Milenkovic, der Vorsitzende der Stiftung „Neusatz 2021“ in einem Interview mit der Redakteurin Ștefana Ciortea-Neamțiu erläutert, dessen Anfang wir vergangene Woche gebracht haben. Im ersten Teil ging es um die Projekte der Neusatzer sowie um die Zusammenarbeit mit Kulturakteuren aus anderen Städten, vor allem aber auch um die Zusammenarbeit mit Temeswar.

Welche Schwierigkeiten sehen Sie konkret an dem Projekt?

Als ich beim EXIT-Festival in einer leitenden Position mitwirkte, habe ich gelernt, dass man große Sachen, große Events auch vor einem Schlüsseljahr, in unserem Falle jetzt 2021, organisieren muss. Für mich war das eine Taktik, eine Strategie, damit die Menschen zusammenkommen. Z. B. bei der doppelten Neujahrsfeier in Serbien: Der 31. Dezember wurde immer am Tag, an einem offenen Platz gefeiert, der zweite Neujahrtag, im Januar, wurde immer nachts und immer in geschlossenen Räumen gefeiert. Jetzt hatten wir 50 Events an ungewöhnlichen Orten, in Museen, in traditionellen Räumen hatten wir DJs, das hat es noch nie gegeben. Wir haben begonnen, die Menschen daran zu gewöhnen. Für unser Team war das wirklich erschöpfend. Wir sind wie ein Start-Up. Es ist sehr schwierig, die Menschen dafür zu finden, die Tag für Tag zu arbeiten, strategisch zu denken - wir haben zirka acht Zielgruppen, damit meine ich die Stakeholder, den Bürgermeister, die regionalen sowie die Landespolitiker, die Medien, die selbstständigen Artisten, die Kulturinstitutionen, es sind ganz, ganz viele Menschen. Ich weiß nicht, ob unsere Kollegen in Temeswar diese Herangehensweise gewählt haben oder nicht, aber ich glaube, es ist ein gutes Rezept, wenn auch sehr schwierig. Dies sowie das Mitwirken. Wir haben viel in Kommunikation investiert. Wir reden, reden, reden. Wir bauen eine Kultur des Dialogs. Das sind die Sachen also, in denen wir in den nächsten zwei Jahren investieren wollen.

Bitte nennen Sie drei Dinge, die Sie zuversichtlich machen, dass es ein erfolgreiches Jahr 2021 wird sowie drei, die Sie bedenklich stimmen, so dass Sie vielleicht sagen, dass es auch Risiken gibt!

Weil ich im Bereich des Brandings arbeite, wünsche ich mir, eine sehr spezielle Stadt in dieser Region aufzubauen. Neusatz ist bereits eine spezielle Stadt, aber man kann mehr machen. Zweitens geht es mir um die Nachhaltigkeit und dass Kultur nicht nur diese passive Art des Genießens darstellt, wie in der kommunistischen Ära. Unserer Prinzipien sind Innovation und Nachhaltigkeit, es geht um Sponsorensuche, Zusammenarbeit, EU-Fonds, geschäftsmäßig arbeiten, es geht nicht nur darum, zu verkaufen, sondern aktiver, dynamischer sein, die Chancen erkennen. Für die Kulturinstitutionen haben wir zu diesem Zweck das Programm „Publika“ begonnen. Das Publikum ist ein Muss, es geht nicht darum, deine Tätigkeit, dein Werk zu degradieren, nur um es zu verkaufen, sondern es geht darum, zu fühlen, zu verstehen, was in den Augen des Publikums interessant wäre. Wichtig ist uns auch das Vermächtnis. Ich denke, die Menschen, die heute an diesem Projekt arbeiten, werden in fünf Jahren Manager von Institutionen sein, dann können sie das, was sie heute lernen, einsetzen, und durch den großen Stress, dem sie heute ausgesetzt sind, wird alles andere für sie Pusteblume sein.

Wovor ich Angst habe, das sind die Erwartungen. Es ist ein sehr schwieriges Projekt mit vielen Erwartungen, weil es so viele Stakeholder gibt. Es geht auch um die Kommunikation: Wenn man etwas tut und keiner sieht es, dann ist das nicht genug gewesen, denn man muss mit dem Publikum kommunizieren. Wir müssen viel kommunizieren, auch mit der jungen Generation. Es wird schwierig sein, aber ich glaube, wir machen auch da Schritte voran.

Sie glauben auch daran, dass es ein Branding-Prozess für die Stadt ist?

Auf jeden Fall. Nehmen wir das Beispiel EXIT, welches wie eine Revolution der jungen Menschen angefangen hat, die sich gegen das Milosevic-Regime erhoben haben, und zu einem Rebranding der Stadt geführt hat. Ich glaube, es wird diesmal ein stärkeres Branding der Stadt geben, nicht nur in den Augen der Touristen, sondern auch in den Herzen der Bürger. Unsere Herangehensweise an die jungen Menschen ist folgende: OK, das oder jenes gefällt dir nicht an deiner Stadt. Was gefällt dir aber? Und was machst du, um das, was dir nicht gefällt, zu ändern? Es geht viel um die Änderung der Mentalitäten.

Wie wünschten Sie sich, dass jemand, der 2021 nach Neusatz kommt, die Stadt in Erinnerung behält?

„Toll, was für eine Stadt!“

 

Projekte Neusatz – Temeswar

Über die Projekte der Stiftung „Neusatz 2021“ mit „Temeswar 2021“ hat Gyula Ribár, der Leiter des Teams für EU-Fonds im Rahmen der oben genannten Stiftung, folgendes für die BZ erklärt:

 

„Die Zusammenarbeit hat bereits in der Vorbereitungsphase begonnen, bevor die beiden Städte zu europäischen Kulturhauptstädten ernannt worden sind. Voriges wie auch vorvoriges Jahr hatten wir eine Reihe gemeinsamer Treffen, um Projekte zu suchen, die gemeinsam durchgeführt werden.

Neusatz, Temeswar und Rijeka haben ein gemeinsames Projekt angefangen, wodurch junge Professionelle zu Kulturmanagern ausgebildet werden sollten. Wir nennen es ‚Lab for European Project Making‘. Das ist erfolgreich. Und wird wahrscheinlich ausgebaut.

Ich möchte das Projekt nennen, wodurch wir kleine Stipendien, in Höhe von bis zu 1000 Euro vergeben. Diese sind für Künstler und Kulturmanager aus Neusatz gedacht, die nach Temeswar gehen und dort arbeiten und Projekte mit ihren Kollegen erarbeiten können. Wir planen, zehn Stipendien zu vergeben.

Ein anderes Projekt ist die sogenannte ‚Kunstkolonie‘. Wir wollen fünf Künstler aus Temeswar für fünf Tage zu uns einladen, um die Kulturszene in Neusatz zu kartographieren. Wir werden einen Workshop veranstalten, in dem sie ihre Ergebnisse präsentieren werden. Das wird im Mai oder Juni passieren.

Ein weiteres Projekt ist ein Besuch der Neusatzer in Temeswar, 20 Vertreter der Kulturszene aus Neusatz werden nach Temeswar fahren, um mit Kollegen von dort zusammenkommen; diese Studienreise ist eine sehr gute Chance für gemeinsame Projekte. Danach werden die Kulturakteure und Vertreter von Kulturinstitutionen aus Temeswar in Neusatz erwartet, somit wird es ein gegenseitiger Besuch.

Neben diesen Projekten haben wir auch eine Reihe von Zusammenarbeiten des Typs ‚artists in residence‘. Es geht um die junge Zirkusszene. Wir wollen Workshops für Akrobatik organisieren, diese wird im April sein, in beiden Städten.

Was das Jahr 2021 angeht, haben wir noch keine konkreten gemeinsamen Großprojekte. Aber bis Ende des Jahres oder Anfang des Jahres 2020 werden wir in Neusatz das komplette Programm für das Kulturhauptstadtjahr fertiggestellt haben“.

 


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