Für viele Gemeinden und Dörfer immer noch ein Traum

Trinkwasser- und Kanalisationsnetz besteht in einer einzigen Gemeinde im Fogarascher Gebiet

Samstag, 09. Mai 2015

Ein trauriges Bild bieten diese Häuserruinen in Bekokten/Bărcut im Fogarascher Gebiet. Von einer modernen Infrastruktur wie einem Wasser- und Kanalisationsnetz kann hier erst recht keine Rede sein.
Foto: Dieter Drotleff

Das gesamte Trinkwasser- und Kanalisationsnetz von Fogarasch/Făgăraş wird gegenwärtig erneuert. Die Arbeiten sind zu fast 70 Prozent abgeschlossen. Durchgeführt werden diese von einer in Hermannstadt/Sibiu ansässigen Firma, nachdem der Stadtrat beschlossen hatte, der Wassergesellschaft des Nachbarkreises beizutreten. Auch einige Gemeinden aus dem Umfeld taten den gleichen Schritt, doch bis zur Lösung dieses Problems werden in manchen Fällen noch Jahre vergehen.

Grund dafür ist neben der mangelnden Finanzierung die Passivität einiger lokaler Behörden. So befinden sich die im Umfeld befindlichen Gemeinden und Dörfer kaum auf einem europäischen Niveau, da sie noch  kein Trinkwasser- und Kanalisationsnetz besitzen und die Einwohner ihre Toiletten hinter dem Haus im Garten haben. Dagegen gab es vor den Kommunalwahlen 2012 Modernisierungsversprechen: Alle Kandidaten versicherten, in ihrer Amtszeit die ersten Infrastrukturarbeiten in ihren Ortschaften zu starten.

Es ist unzumutbar, dass im 21. Jahrhundert ein Großteil der ländlichen Ortschaften noch nicht über ein Minimum an Komfort wie fließendes Trinkwasser, entsprechend ausgestattete Badezimmer, Erdgaszufuhr oder asphaltierte Straßen verfügt. Nimmt man die Ortschaften im Fogarascher Gebiet unter die Lupe, so sehen die Dinge nicht besser aus als in anderen Landesteilen. Auf der kürzlich in Kronstadt abgehaltenen Tagung zum Thema „Karawane der europäischen Fonds“ erklärte der Präfekt des Kreises, Mihai Mohaci, dass 24 der 48 Gemeinden aus dem Kreisgebiet weder ein Trinkwasser- noch ein Kanalisationsnetz besitzen, und dass in weiteren 12 Orten nur eines dieser beiden besteht. Das Versprechen des Ministeriums für Verwaltung und regionale Entwicklung, bis 2018 sämtliche Ortschaften hiermit auszustatten, erscheint somit mehr als utopisch.

Drăguş - die lobenswerte Ausnahme

Vor zwei Jahren wurde die Gemeinde Drăguş zum schönsten Dorf des Landes gekürt. Nun bewarb sich die Gemeinde mit anderen 13 Ortschaften des Landes, um im Finale als Kulturgemeinde Rumäniens zu gewinnen und belegte einen beachtlichen dritten Platz. Hinzuzufügen ist aber auch, dass es die einzige Gemeinde im Fogarascher Gebiet ist, die mit einem Wasser- und Kanalisationsnetz ausgestattet ist und die sich zudem die Erdgaszufuhr gesichert hat. Das Frisch- und Abwassernetz wurde 2012 einschließlich einer Kläranlage in Betrieb genommen.

Die Arbeiten, für die eine europäische Finanzierung im Wert von 6,7 Millionen Lei herangezogen werden konnte, sind innerhalb von elf Monaten durchgeführt worden. Die Länge des Trinkwassernetzes wie auch der Kanalisation beträgt jeweils 12 km. Zwei Unternehmen aus Kronstadt sowie eines aus der Gemeinde führten die Arbeiten aus. Es blieb aber nicht dabei: Auf Initiative des Bürgermeisteramtes wurden ein Kinderspielplatz in der Gemeinde, ein Sportplatz mit Kunstrasen für die Schule sowie eine Skipiste eingerichtet. Im Kulturhaus kommt ein Aufzug für Gehbehinderte hinzu, und zudem soll ein Feuerwehrwagen mitsamt der erforderlichen Ausstattung erworben werden.

Seiburg ohne Wassernetz und Kanalisation

Dagegen verfügt die rund 2500 Bewohner zählende Ortschaft Seiburg/Jibert auch nach 25 Jahren seit der Wende über kein Trinkwasser- und Kanalisationsnetz. Gleiches gilt für die dazugehörenden Dörfer Stein/Dacia, Văleni, Leblang/Lovnic und Grânari. Somit sind die Einwohner immer noch auf die Brunnen in ihren Höfen angewiesen, wobei die Analysen zur Grundwasserqualität Anlass zur Sorge bieten. Die Internetseite des Bürgermeisteramtes verweist indessen auf ein Projekt, in dessen Rahmen drei der Ortschaften ein Trinkwassernetz erhalten sollen. Doch neben einer gesicherten Finanzierung fehlt nach wie vor die Genehmigung. Dennoch sollen bereits 20 Prozent der Wasserleitungen verlegt worden sein.

Die einzigen Arbeiten, die in den fünf Ortschaften vorgenommen wurden, sind jene an den örtlichen  Kulturhäusern sowie die Verlegung von Schotter auf einigen Straßen. Die lokale Bevölkerung ist unterdessen auf Landwirtschaft und Tierhaltung angewiesen, während sich 160 Familien zudem auf Sozialhilfe stützen müssen.

Besser stehen die Dinge in Rohrbach/Rodbav, welches zur Gemeinde Scharosch/Şoarş gehört. Der Bürgermeister betrachtet es als seine Priorität, die Trinkwasserzufuhr für dieses Dorf zu sichern. Die Arbeiten begannen 2013, und das neue Wassernetz wurde an die Leitung, die Großschenk/Cincu speist, angeschlossen. Für das Projekt sind 1,2 Millionen Lei veranschlagt, und bislang wurde es zu 70 Prozent umgesetzt. Durch finanzielle Engpässe geriet dieses jedoch ins Stocken. Nach dessen – nun auf unbestimmte Zeit verschobenen – Abschluss sollen 250 Haushalte aus Rohrbach an das Wassernetz angeschlossen sein.

Versprechungen für 2016 und 2025

Obwohl der Gemeindevorort Mândra an der Nationalstraße DN 1 liegt, verfügen weder dieser noch die dazugehörigen Dörfer Şona, Toderiţa, Ileni und Râuşor über fließendes Trinkwasser und Kanalisation. Hingegen erfolgte der Erdgasanschluss, und 600 der insgesamt 1280 Haushalte haben sich bereits an das Gasnetz angeschlossen. Laut dem Bürgermeister von Mândra sollen zwei dieser Dörfer, Ileni und Râuşor, ab 2016 über ein Trinkwasser- und Kanalisationsnetz verfügen. Der diesbezügliche Finanzierungsantrag wurde im Oktober 2014 eingereicht. Die Investition von 6,5 Millionen Lei soll von der Verwaltung des Umweltfonds gesichert werden, und der Arbeitsbeginn ist für dieses Frühjahr vorgesehen.

Die anderen drei Ortschaften haben sich der Hermannstädter Wassergesellschaft angeschlossen, die hier zukünftig die Wasserzuleitung und Kanalisation sicherstellen soll.

Weitaus hoffnungsloser ist die Lage in der Gemeinde Recea: Erst für 2025 bestehen die Chancen, die gesamte Kommune an das Trinkwasser- und Kanalisationsnetz anzuschließen. Die Projekte wurden bereits ausgearbeitet, doch die Machbarkeitsstudie steht noch aus. Zur Gemeinde gehören die Dörfer Dejani, Gura Văii, Berivoi und Iaşi. Interessant ist, dass das Trinkwasser für Fogarasch von den Quellen aus dem Dorf Iaşi abgezweigt wird.

Besser stehen die Dinge in der Gemeinde Ucea, in der die notwendigen Arbeiten begonnen haben. Neben der Einführung von Trinkwasser und Kanalisation sollen auch die Straßen von Ucea de Jos, das ebenfalls an der Nationalstraße DN 1 liegt, repariert und asphaltiert werden.

Dennoch entspricht die Gesamtlage noch nicht den Standards eines EU-Mitgliedsstaates, die auch für ländliche Ortschaften ein Minimum an Infrastruktur voraussetzen. Zieht man zusätzlich in Betracht, dass das Problem der Müllentsorgung noch immer ungelöst ist und keine zentralen Sammelstellen existieren, so verfinstert sich dieses Bild umso stärker.

Kommentare zu diesem Artikel

Hugo, 14.05 2015, 19:19
Aus eigener Erfahrung ist mir mein Brunnenwasser lieber als das Leitungswasser von der Wassergesellschaft z.B. Apa Tarnavei, wenn ich mal in Medias bin. Das riecht und schmeckt immer noch nach Chemie, einen simplen Tee kann man damit nicht machen, sondern muss Wasser im Kanister kaufen. Solange es aber keine Kläranlagen gibt, ist der Bau zentraler Versorgungssysteme sinnlos, da sonst das Trinkwasser genauso mit Chemie behandelt werden muss, um genießbar zu sein. Zudem bezahlt man auch ständig für ominöse "Leitungsverluste", auch wenn man keinen Liter verbraucht hat.
An meinem Wohnort gibt es auch keine der genannten Versorgungsleitungen, allenfalls die Müllabfuhr kommt jetzt monatlich.
Am ehesten wäre die Versorgung mit Gas anzustreben, da viele noch ständig Flaschen kaufen müssen, sowie der Bau von Kläranlagen, um die Abwässer zu sammeln und zu reinigen, und danach erst eine zentrale Trinkwasserversorgung.
Und diese kann im nächsten Städtchen z.B. manchmal im Sommer nicht ausreichend Trinkwasser liefern, da verstehe ich, wenn die Leute ihre Brunnen behalten wollen, denn diese wären, um den Anschlußzwang durchzusetzen, schnell verboten.
Dan hat mit seiner Beschreibung Recht, aber wohl steht auch die Korruption mancher Verbesserung im Weg. Hier wird jedes Jahr die Ortsstraße miserabel geflickt, es bleibt ein Holperweg voller Löcher. Und wo vor einiger Zeit asphaltiert wurde, ist der Belag schon zerbröselt, weil kein Unterbau vorhanden ist und schlechtes Material mit zuwenig Bindemittel verwendet wurde.
Und ein Skandal ist das Fehlen von Ausbildungs-und Arbeitsstellen für junge Leute, die entweder ins Ausland gehen müssen oder Tagelöhner/arbeitslos werden und keine Aussicht auf eine vernünftige Zukunft haben.
Tourist, 12.05 2015, 22:16
in den eher ärmeren Gemeinden wollen die Leute keine Trinkwasserleitung und keine Kanalisation, weil sie die monatlichen Gebühren fürchten. Einmal angeschlossen kommt man nie mehr davon weg. Selbst wenn die EU 90% an die Gemeinde für die Bauarbeiten zahlt, wollen die Leute das oft nicht. Klingt paradox, ist aber so. Nitratwerte sind denen egal, so lange sie nichts zahlen müssen. Wasser schöpft man einfach aus dem eigenen Brunnen.
dan, 09.05 2015, 09:04
Zutreffender Artikel!
Die miserable Situation, was die allernotwendigste Infrastruktur betrifft auf dem Land -auch im Kreis Kronstadt- in Rumänien zeigt, wo wir stehen.

Doch wenn die Bevölkerung und die Volksvertreter, die in den Dörfern das Sagen haben, eben nicht die notwendige Sensibilität und Notwendigkeit für Trinkwasser und Infrastruktur sehen, wird sich auch nichts ändern.
Denn ansonsten hätte sich schon lange was geändert.

Wichtiger als Trinkwassernetze scheinen mir die Verbesserung der Bildungsmöglichkeiten für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.
Auch auf dem Land.
Denn nur durch geeignete Bildung kann die Sensibilität steigen.
Und nur so sieht die Mehrheit der Bevölkerung ein, daß wir auf dem Land quasi noch teilweise im Mittelalter stehen, was Trinkwasser, Kanalisation, Straßen und Schulen betreffen.

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