Gagausien – das wundersame Land am Rand

Horst Pfingsten berichtet in seinem neuen Buch von einer besonderen Reise an den Südosten Europas

Dienstag, 09. September 2014

Im deutschsprachigen Raum sind schon die Minderheitenverhältnisse in Rumänien meist nur schwer vermittelbar. Viele Deutsche machen nach wie vor große Augen, wenn sie auf die Deutschen in Rumänien angesprochen werden, und blicken erst recht ungläubig, wenn sie davon hören, dass es hierzulande sogar eine historische muslimische Minderheit aus Krimtataren und Türken gibt. Jedoch beim Stichwort „Gagausien“ oder „Gagausen“ fällt den meisten erst einmal gar nichts mehr ein. Ein neuer Band aus dem Hermannstädter Schiller-Verlag wird hier nun für Interessierte Abhilfe schaffen.

Der frühere Landarzt und Psychotherapeut Horst Pfingsten hat unter dem Titel „Gagausien. Reise in ein wundersames Land am Rande Europas“ einen neuen Reisebericht in Buchform vorgelegt, mit dem er seinen Band über die Dobrudscha von 2012 nun wunderbar fortschreibt. So hat er das im Westen wirklich nur eingefleischten Südosteuropaexperten bekannte Gagausien bereist und schildert auf 180 Seiten seine spannenden Eindrücke von Menschen, Landschaften, Begegnungen, Zuständen und Sehenswürdigem, auch wenn es dort kaum Sehenswürdigkeiten im klassischen Sinne gibt.

Pfingsten zitiert einen aktuellen Reiseführer zur Republik Moldau, wo es über Gagausien heißt, es sei das ideale Reiseziel für Touristen, die keine Touristen mögen. Es wird in dem Buch durchaus deutlich, dass Gagausien tatsächlich kein klassisches Reiseland ist und wohl auch nie wird. Der Buchautor greift hier eine traditionelle literarische Gattung auf, die in Zeiten von Internet und Fernsehreportagen heute zwar anachronistisch wirkt, vor allem bei wenig populären Reiseländern aber gleichzeitig sehr zielführend ist: den Reisebericht.

Das vorliegende Buch ist nun tatsächlich kein Reiseführer im klassischen Sinne, was schon das unkonventionelle Cover verdeutlicht, und auch keine journalistische Bestandsaufnahme, sondern eine gelungene Mischung aus Essay und Reportage mit einigen Exkursen, die für das Verständnis der Region und ihrer Geschichte unverzichtbare Informationen bereithalten. Der Buchautor erzählt, wie er als Rucksacktourist fußläufig auf seine Erkundungstour in der autonomen Region Gagausien zwischen der Ukraine, der Republik Moldau und Rumänien aufbricht und was er dabei dann so alles sieht, wahrnimmt und erlebt.

Pfingsten bereist und beschreibt die wichtigsten Orte wie Comrat, Beşalma, Congaz, Ceadîr-Lunga, Vulcăneşti und Cahul, schildert die abenteuerlichen Reisebedingungen per pedes, mit Bus oder Bahn, die Hotels und Restaurants und seine manchmal aberwitzigen Begegnungen mit den Menschen vor Ort, darunter immer wieder sehr originelle und kauzige Typen. Er beobachtet und berichtet völlig offen, mit einer fast kindlichen Neugierde und voller Empathie, also weder aus einer überlegenen westlichen Perspektive, noch mit einer falschen Romantisierung oder Verklärung. Besonders witzig sind die Schilderungen von Begegnungen mit Grenzbeamten, Schaffnern und mancher Verkäuferin oder Kellnerin, für die er oft der erste leibhaftige westliche Tourist überhaupt in Leben und Amtszeit oder Berufsausübung war.

Die Gagausen haben eine ganz besondere Prägung. Als vom Islam zum Christentum konvertiertes kleines Volk von weltweit rund 230.000 Menschen sind sie eher russophil. In der Republik Moldau haben sie deswegen 1994 auch eine eigene „Autonome Region Gagausien“ (Gagauz Yeri) gestartet, mit der Zusicherung im Verfassungsrang, im Falle einer Vereinigung der Moldau mit Rumänien nicht mitmachen zu müssen und sich für selbstständig erklären zu dürfen.
Die Landschaft, in der die Gagausen leben, ist bunt: Bulgaren, Türken, Rumänen, Russen und Griechen leben hier zusammen, in der autonomen Region und in Bessarabien.

Die Sprachverwirrung ist groß, die Sprache Gagausisch hat auch verschiedene Alphabete durchlaufen. Manche Ortsnamen werden selbst von den Gagausen unterschiedlich geschrieben, was oft auch an den historischen Wechselbädern lag, die das Volk und die Region durchlaufen mussten und die Pfingsten kundig beschreibt. Auch die zahlreichen deutschen Siedlungsspuren thematisiert er.

Pfingsten lässt sich auf Mentalität und Manieren, die Lebensweise und Lebensumstände der Leute  ein, auf die er trifft, darunter immer wieder deutsch- oder englischsprachige Menschen. Er beschreibt Museen und Volksfeste, abenteuerliche Busreisen und Restaurants, Städte und Dörfer, Straßen und Wege, sympathische und unfreundliche Menschen. Er  gibt Literaturtipps zu den seltenen Büchern und auch Romanen mit Bezug zu Gagausien oder aus Gagausien. Spannend ist auch sein Vergleich mit den Schilderungen von Andrzej Stasiuk in dessen berühmtem Buch „Unterwegs nach Babadag“.

Der vorliegende Band kann jedem nur empfohlen werden, der sich für Gagausien, die Gagausen und die gesamte Region interessiert. Der Schiller-Verlag beweist mit diesem unkonventionellen Band wieder einmal Mut zur Nische und profiliert sich einmal mehr als Verlag, der besonderen Themen und Büchern eine Chance gibt. Angesichts dessen, wie wenig Literatur es zu den Gagausen bisher gibt, ist dieser Band wirklich verdienstvoll.

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