Geburtstagsfest im Banne der Vergangenheit

„Aniversarea“ von Dan Chişu in den rumänischen Kinos

Freitag, 10. November 2017

Familienpatriarch Mircea Albulescu: für ihn war es die letzte Hauptrolle vor seinem Tod

Spätestens seit dem Spielfilm „Das Fest“ des dänischen Dogma-Regisseurs Thomas Vinterberg aus dem Jahre 1998 betritt man als Filmliebhaber das Kino mit gemischten Gefühlen, wenn das Geschehen auf der Leinwand von einem Festmahl oder einer Geburtstagsfeier handeln soll. Man erwartet Enthüllungen und Entlarvungen von grässlichen Vorgängen in der Vergangenheit, schreckliche Selbstzerfleischungen von Familien, Aufdeckungen von Lebenslügen und andere dramatische Krisensituationen.

Dan Chişus jüngster Film „Aniversarea“ (Die Geburtstagsfeier) geht dabei einen ähnlichen Weg wie Cristi Puius Streifen „Sieranevada“, der im vergangenen Jahr in die rumänischen Kinos kam. Die Feste, die in diesen beiden Filmen gefeiert werden, führen allerdings nicht tiefer in die jeweilige Familie hinein, obwohl hier wie dort Generations-, Beziehungs-, Paar-, Berufs-, Jugend- und Altersprobleme, die die entsprechende Familie begleiten, beherrschen und erschüttern, durchaus zur Darstellung kommen. Die eigentliche Intention des jeweiligen Regisseurs, der jeweils zugleich Drehbuchautor ist, gilt vielmehr dem Zustand der gegenwärtigen Gesellschaft, innerhalb deren sich die Geschichte der jeweiligen Familie entfaltet.

In Dan Chişus Film geht es um das Geburtstagsfest des Familienpatriarchen Radu Măligan, der in seiner großen Wohnung im Zentrum der rumänischen Hauptstadt, gleich neben dem Bukarester Athenäum, im Kreise der Großfamilie seinen 94. Geburtstag feiert. Das betagte Familienoberhaupt, grandios verkörpert von Mircea Albulescu in seinem filmischen Vermächtnis, ist ein pensionierter General des rumänischen Geheimdienstes, und so spielt das politische Geschehen naturgemäß eine wichtige Rolle bei den Gesprächen an der festlich geschmückten Geburtstagstafel. Jeder hatte, so Măligans früherer Chauffeur (Constantin Cojocaru), damals jeden in der Hand: Petru Groza, Gheorghe Gheorghiu-Dej, Nicolae Ceauşescu, Ion Iliescu, alle hatten sie Dossiers ihrer Vorgänger oder Nachfolger in Händen, um diesen damit nach Belieben zu schaden oder zu nützen. Das Drohspiel mit den Geheimakten, der Macht aus dem unergründlichen Off, setzt sich sogar noch an der Festtagstafel fort, wenn Herr Mătăsaru (Mircea Andreescu) dem inzwischen dement gewordenen Herrn Bobeica (Papil Panduru) mit geheimen Dossiers droht, um stante pede von Frau Bobeica (Coca Bloos) gleichfalls mit geheimen Schriftstücken bedroht und damit in die Schranken gewiesen zu werden.

Betrachtet man die Filmhandlung als Wirbelsturm, der wild um die Festtagstafel kreist, so ist der Jubilar dessen windstilles Auge. Die Szenen mit Mircea Albulescu gehören zu den eindrücklichsten des gesamten Films, und allein für diese lohnt sich der Kinobesuch. Ganz zu Anfang liegt der Jubilar in seinem Bett wie ein Toter auf einem Katafalk, und man erschrickt geradezu, wenn der bewegungslos Daliegende plötzlich seine linke Hand hebt und diese dann auf seinen Bauch sinken lässt. Die Waschung des alten nackten Körpers durch zwei weibliche Familienmitglieder ist als Leichenwäsche ante festum inszeniert, und geradezu beängstigend sind die durchdringenden Blicke Mircea Albulescus, wenn er seine Augen über die festlich angerichtete Tafel schweifen lässt und man nicht weiß, was er nun eigentlich tatsächlich sieht: das Festessen, die Festgäste, das Grauen der Vergangenheit, den Schmerz der Gegenwart, das Nichts, das unbarmherzig seiner harrt. Ein genialer Schachzug des Drehbuchautors und Regisseurs ist auch, dem greisen Protagonisten während der gesamten Dauer des Films eine stumme Rolle zuzuweisen. Erst im Abspann scheint Radu Măligan gegenüber Sandu (Emanuel Pârvu) zu Worten zu finden, die aber von der Musik übertönt werden. Ein bewegender Auftritt von Mircea Albulescu in seiner allerletzten Filmrolle!

Mit der Stummheit des Patriarchen, die zugleich die Stummheit einer Gesellschaft ist, welche sich ihrer eigenen Vergangenheit nicht stellt, sind in Dan Chişus Film thematisch weitere Handlungssequenzen verbunden. Denn zwei der Nachkommen Radu Măligans haben unabhängig voneinander zwei Geistliche, einen katholischen Priester (George Remeş) und einen rumänisch-orthodoxen Popen (Mihai Constantin), zu der Feier eingeladen, um den atheistischen Jubilar dazu zu bringen, vor den Gottesmännern die Beichte seines an Untaten reichen Lebens abzulegen, wozu es im weiteren Verlauf des Festmahls freilich nicht kommt. Auch der Dritte im Bunde, ein ebenfalls zur Feier eingeladener Psychologe (Marian Râlea), muss unverrichteter Dinge wieder abziehen. Das Vergangene wird totgeschwiegen, das Gespräch über das Leben auf die Zeit nach dem Tode vertagt.

Neben der Evokation der politischen Sphäre kommt im Film auch die Familie als Mischpoche zur Darstellung: die einen Familienmitglieder tun so, als wären sie, weil sie in Paris leben, unendlich reich, obwohl sie faktisch kurz vor dem Bankrott stehen; die anderen bewegen sich wie Erbschleicher durch die Wohnung, werfen ein Auge auf das teure Rosen-thal-Service und spekulieren, ob das eine oder andere Gemälde an den Wänden von [tefan Luchian stammen könnte; wieder andere, wie der cholerische Ducu (Râzvan Vasilescu), ein hohes Tier in der rumänischen Politik, sprechen bar jeder Pietät in Gegenwart des Jubilars von dessen baldigem Ableben.
Die krude Gegenwart bricht am Ende des Films in die unheile Familienwelt gewaltsam ein. Sandus un-eheliche Tochter, eine Drogenabhängige, hämmert gegen die Wohnungstür, die Nachbarn rufen die Polizei, und am Ende muss gar ein Krankenwagen kommen, um die zusammengebrochene Süchtige in ein Spital zu verfrachten.

Stilistisch interessant ist auch der Einsatz der Handkamera, die vom Sohn Tudor Măligans (Lucian Ifrim) bedient wird und das Geschehen auf der Leinwand immer wieder belebt. Vor allem in den zahlreichen konfliktualen Familienszenen bringt die Handkamera noch zusätzlich Hektik und Spannung in den allgemeinen Trubel.
Was Dan Chişus Film an Kohärenz und Stringenz vermissen lässt, ersetzt er durch eindrückliche Bildkraft (Liviu Pojoni Jr.) wie auch durch schauspielerische Qualität. Neben den bereits erwähnten (Alt-)Meistern der Schauspielkunst sind an dieser Stelle noch Simona Bondoc als Gattin des Jubilars, Adrian Păduraru als Herr Vulpe und Mădălina Constantin als Alina mit ihrem Gatten Jean (Frédéric Fisbach) lobend zu erwähnen. Alles in allem ein sehenswerter Film, der im Oktober seine internationale Premiere beim Warschauer Filmfestival erlebte und am heutigen Freitag neu in die rumänischen Kinos kommt!

Kommentare zu diesem Artikel

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*