Gedächtnis und Politik (II)

Platz der Deportation von Rumäniendeutschen in die Sowjetunion in der Erinnerungspolitik

Freitag, 17. April 2015

Neben diesen Heimkehrer-Reportagen oder Berichten gab es auch literarische Versuche, die Russlanddeportation anzusprechen. Erwähnen möchte ich eine Novelle, die im Jahr 1952 vom „Neuen Weg“ preisgekrönt und dann auch im „Almanach Neuer Weg“ aus dem Jahr 1953 veröffentlicht wurde, nämlich „Der Heimkehrer“ von Michael Pfaff. Zeitschriftenliteratur ist kein klassisches Medium der Politik oder der Erinnerungspolitik, aber im rumänischen Kontext der 50er Jahre war die Literatur politisch, diente den politischen und sozialen Zwecken des Staates und widerspiegelte dessen politische Ideologie. Deswegen meine ich, ist es sinnvoll, ein literarisches Stück in meine Darstellung miteinzubeziehen.

Im Zentrum der Novelle Michael Pfaffs steht der junge Walter Erk, ein Heimkehrer aus der Sowjetunion, der mit seinen Eltern und mit seiner Schwester in einem Dorf wohnt. Er möchte aber gerne in einer Fabrik in der Stadt arbeiten. Die Verschleppung spielt eine sehr wichtige Rolle im Dorfleben und der Autor macht keinen Hehl daraus:

1. Die Mutter ist verärgert, dass die Kinder am Sonntag nicht in die Kirche gegangen sind: „Es kann euch leid tun, dass ihr nicht in der Kirche wart, denn unser Pfarrer, man mag sagen, was man will, ist doch ein braver Mensch. Seine heutige Predigt hat euch Heimkehrern gegolten. Du hast natürlich gefehlt und die Leute haben das sofort gemerkt. Ich habe mich richtig schämen müssen, denn die Burgers waren alle dabei und man konnte es ihnen richtig ansehen, wie sie von der schönen Predigt ergriffen waren.“

2. Walter hat einen kleinen Konflikt mit seinem ehemaligen Lehrer, dem er auf der Straße begegnet. Der letztere meint: „Man ist doch mit euch schlechter umgegangen als mit Kriegsgefangenen. Ihr wart doch Zwangsarbeiter“, aber Walter widerspricht ihm: „...wir waren keine Zwangsarbeiter, sondern haben nur einen Teil von dem gut gemacht, was unsere Leute zerstört haben.“

3. Hochrelevant ist auch der Moment, in dem Walter einem anderen Deportierten begegnet. Dieser „erzählte seine Erlebnisse, die er ohne Bedenken aufbauschte und in Schauergeschichten umwandelte.“ Walter ist damit nicht einverstanden und sagt, er habe „solche Dinge nicht erlebt“.

Diese kurze, preisgekrönte Novelle ist ein Beweis dafür, dass es vor allem im Kontext der 50er Jahre in Rumänien staatlich gesteuerte oder vom rumänischen Staat akzeptierte Versuche gab, die Verschleppung anzusprechen. Zudem wurden auf der legislativen Ebene die Jahre in der Sowjetunion im Arbeitsbuch eingetragen. Offiziell betrachteten die rumänischen Behörden die Verschleppung demnach als echte Wiederaufbauarbeit.

Diese kurze Periode der Thematisierung der Deportation in den Seiten des „Neuen Wegs“ blieb eine Ausnahme. Nachher wurde über das Thema öffentlich nicht mehr gesprochen.

In der Novelle Pfaffs ist jedoch noch eine Erkenntnis zu finden: Es gab halboffizielle Räume, in denen man über die Verschleppung sprechen konnte und in denen man eine Art Vergangenheitsbewältigung, im Rahmen der Gemeinschaft, versuchen konnte. Gemeint ist der kirchliche Raum. Archivalische Quellen in dieser Hinsicht sind noch nicht ausgewertet, es gibt aber zum Beispiel Hinweise im Nachlass Friedrich Müllers, dass man die Deportation im Rahmen der sogenannten Gebetsstunden ansprach. Im „Zeidner Gruß“, dem Heimatblatt der Zeidner Heimatortsgemeinschaft, findet man ebenfalls Hinweise auf das vielfältige Ansprechen der Deportation im kirchlichen Raum, z. B. durch das Komponieren und Interpretieren von Liedern in Erinnerung an die während der Deportation Verstorbenen.

Zusammenfassend stelle ich fest, in Rumänien gab es während des Kommunismus keine echte top-down-Gedächtnispolitik, die Verschleppung wurde jedoch in den frühen 50er Jahren in diskursiven Integrationsversuchen angesprochen. Auch gab es halboffizielle Räume, wie z. B. die Kirchen, wo man über die Deportation in gewissem Maße sprechen konnte. Und die Deportationsjahre wurden als Arbeitsjahre (‚Wiederaufbauarbeit’) anerkannt.

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