Gedächtnis und Politik (V)

Platz der Deportation von Rumäniendeutschen in die Sowjetunion in der Erinnerungspolitik

Mittwoch, 22. April 2015

Auf lokaler Ebene gibt es in fast allen ehemals von Sachsen oder Schwaben bewohnten Dörfern eine Gedenktafel oder ein Mahnmal, die an die Deportation erinnern. Das Gedenken der Verschleppung erfolgt sehr oft mit dem Gedenken an die sächsischen oder schwäbischen Toten im Zweiten Weltkrieg zusammen. Meine Frage wäre, ob der Tod in einer Armee, die einen Vernichtungskrieg führte, dem Tod in den ukrainischen Kohlebergwerken gleichgestellt sein sollte. Vor allem dann, wenn wir die Tatsache in Betracht ziehen, dass die große Mehrheit der Letzteren, also der Deportierten, genau für die Teilnahme der Ersteren am Vernichtungskrieg gebüßt haben.

Ich fasse zusammen: Im Rumänien nach 1989 ist die Deportation in der Öffentlichkeit weitgehend anerkannt. Es war (und ist es noch) viel weniger problematisch, die „Deutschen” als ethnische Opfer der rumänischen Geschichte anzuerkennen, im Vergleich zu den Juden oder Roma. Das ist aber auch ein Beweis für den teilweise selektiven Umgang mit der faschistischen rumänischen bzw. rumäniendeutschen Vergangenheit.

Nach 1989 ist die Deportation zu einem wichtigeren Thema auch in Deutschland geworden, im Kontext eines größeren Interesses für „Deutsche als Opfer” und auch dank der Bemühungen der rumäniendeutschen Landsmannschaften. Das Moment 1995 ist auch in der Bundesrepublik Deutschland wichtig, wegen der großen Ausstellung über die Deportation der Südostdeutschen. Bei der Eröffnung der Wanderausstellung über die Deportation sprach Staatssekretärin Elena Zamfirescu im Namen des rumänischen Staates. Sie hob die Opposition der rumänischen Behörden zu dieser Maßnahme hervor und nannte die Deutschen „die ersten Märtyrer dieser Wende zum Bösen“. Eine „Wende zum Bösen“ setzt aber einen „guten“ Ausgangspunkt voraus, was problematisch ist, wenn man an die Geschichte Rumäniens in der Zwischenkriegszeit und während des Zweiten Weltkriegs denkt. Das bestätigt meine früheren Äußerungen über den selektiven Umgang mit der faschistischen Vergangenheit Rumäniens.

Bei den deutschen Teilnehmern gab es auch unterschiedliche Interpretationen der Geschichte. Natürlich gedachten alle der Deportation von Unschuldigen, aber die SPD-Bürgermeisterin der Stadt München, Gertraud Burkert, nannte „München“ als „Hauptstadt der Bewegung“ – gemeint war freilich die Nazi-Bewegung – als „Ausgangspunkt des Unheils“ und der Deportation der Südostdeutschen. Hingegen integrierte das CSU-Mitglied Gerhard Merkl, damals Staatssekretär in der Regierung Bayerns, die Deportation nicht nur in den Kontext der Vertreibung der Deutschen, sondern sogar in den Kontext des gesamten 20. Jahrhunderts: „Nimmt man die Heimatverluste nach dem Ersten Weltkrieg hinzu, später die Fluchtbewegung aus der DDR und den bis heute anhaltenden Strom von Aussiedlern, so haben in diesem Jahrhundert 25 Millionen Deutsche die Heimat verloren.“ Er sagte aber nichts über die Nazi-Bewegung und über den spezifischen Kontext des Zweiten Weltkriegs, d. h. der Kontext eines von Nazideutschland geführten Vernichtungskriegs. Die Sinndeutungen der Deportation sind also mehrfach und mit der Politik eng verbunden.

Noch eine interessante Sache zu der Veranstaltung aus dem Jahr 1995: Dazu gehört hat die Kranzniederlegung beim Kriegerdenkmal im Hofgarten in München. Möglicherweise geschah dies aus Mangel eines geeigneteren Mahnmals im Kontext der bayerischen Hauptstadt, aber das implizite Betrachten der Deportierten als „Krieger“ kann zu vielen heiklen Fragen führen.
Abschließend zwei zusammenfassende Betrachtungen zur deportationsverbundenen Gedächtnispolitik:

1. In einer echten rumäniendeutschen „Vergangenheitsbewältigung“ ist es wichtig, die Verbindungen zwischen November 1940, April 1943 und Januar 1945 zu betonen und in diesem Kontext das vereinfachte Narrativ der „Rumäniendeutschen als Opfer“ der Geschichte des 20. Jahrhunderts zu hinterfragen

2. Die rumäniendeutschen Deportationsopfer und die rumäniendeutschen Toten in der Wehrmacht und in der SS sollten nicht gleichgesetzt werden. Die zwei Phänomene sind eng verbunden, jedoch bedeutet das nicht, sowohl den Ersteren, als auch den Letzteren den politischen und symbolischen Opferstatus zu gewähren. Es ist eine echte Herausforderung, das tragische Leiden der Verschleppten anzuerkennen und gleichzeitig die vorherigen vielfältigen Verstrickungen mit dem Nationalsozialismus kritisch zu analysieren. Das vor allem in den letzten 25 Jahren weit verbreitete Opfernarrativ genügt jedoch nicht.

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