Gedächtnissicherung für die Nachwelt

Zweite Auflage des „Donauschwäbischen Martyrologiums“ erschienen

Freitag, 13. April 2018

„Der Versuchung und der Gefahr des Vergessens und Verdrängens wollen wir begegnen. Unser Blick richtet sich dabei in die Vergangenheit, weil Erinnerung immer auch Solidarität heißt. (...) Der Opfer von Deportation und Zwangsarbeit zu gedenken, heißt nachfragen, ihnen Aufmerksamkeit, ja ihnen Ansehen und Würde zu schenken und sich damit Gedanken zu machen. Gedanken gegen das Vergessen von Menschen in Verzweiflung und Not. Impulse zu setzen gegen Gedankenlosigkeit und Gleichgültigkeit. Nicht zuletzt schöpfen wir aus unserer Solidarität und aus unserem Mit-Leiden die Kraft zur Erinnerung. Unsere Compassion will zur Aktion werden, zur Aktion gegen das Vergessen, für aktive Erinnerung, das heißt, um alles zu tun, dass solche Verbrechen nie wieder geschehen.” Das Zitat stammt aus der Ansprache, die Papst Johannes Paul II. in Paderborn an die Deutsche Bischofskonferenz gerichtet hat.

Johannes Paul II. trifft sich in seiner Einschätzung mit vielen Persönlichkeiten, die sich über Erinnerung und ihre Rolle in der Geschichte Gedanken gemacht haben. Eine Auswahl von Denksprüchen in dieser Richtung darf nicht hinwegsehen über William Faulkner („Die Vergangenheit ist nicht tot, die Vergangenheit ist nicht einmal vergangen.”), Erich Fried (in seinem Gedicht „Jemand anderer” heißt es: „Tote Menschen sind tote Menschen. Wer immer sie waren./ Wer nicht nachfragt, wie Menschen sterben, hilft sie töten.”), Reinhard Koselek („Das Gedächtnis eröffnet den Weg zur Geschichte” und „Jeder Mensch hat das Recht auf seine eigene Geschichte, auf sein eigenes Gedächtnis, auf was für ihn WAHR ist”), Ingeborg Bachmann („Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar”) oder Richard von Weizsäcker („Nicht die Erinnerung, sondern das Vergessen ist und bleibt die Gefahr, und es kann sich auf allen möglichen Wegen heranschleichen”).

Wir gehören noch zu einer Erlebnisgeneration, in deren nahem Gedächtnis verankert ist, dass es Zeiten gab, wo 18 Millionen Menschen ihr Vaterland verloren haben, wo eine Million Menschen verschleppt/deportiert wurden, zwölf Millionen in die Flucht getrieben wurden und wo sechs Millionen Menschen (zählt man Stalins Russland hinzu, waren es 26 Millionen) fern von Kriegsschauplätzen ermordet wurden.

Es hat lange gedauert, bis die sozial-politischen Umstände es ermöglicht haben, in der Öffentlichkeit offen über das von Menschen angerichtete Grauen im 20. Jahrhundert zu sprechen. Wir erleben jetzt eine Zeit der Gedächtnissicherung für die Nachwelt. Dazu gehören im Banat die Initiativen der Stiftung „Das Dritte Europa”, mit der von der Kulturanthropologin und Fachfrau für Oral History Dr. Smaranda Vultur angeregten Sammel- und Publikationsbewegung, die sich ausführlich auch den Banater Schwaben gewidmet hat und jüngst einen aufschlussreichen Sammelband im prestigereichen Jassyer „Polirom”-Verlag herausgab.

Dazu gehört aber auch die Arbeit des Sankt-Gehards-Werks Stuttgart, das osteuropäische Martyrologium, zu dem alle Kirchen des ehemals kommunistischen Ost-europa eingeladen wurden. Davon erschien im Patrimonium-Verlag der Verlagsgruppe Mainz nach der Erstausgabe von 2016 eine zweite, erweiterte Ausgabe des „Donauschwäbischen Martyrologiums”, mit dem Untertitel „Die Opfer von Gewalt und Verfolgung bei den Donauschwaben in Jugoslawien, Rumänien und Ungarn im 20. Jahrhundert. Märtyrer und Bekenner unter Geistlichen, Ordensleuten und Laien”.

Das Buch erschien nach einer Idee und Vorarbeiten von Prof. Georg Wildmann und hat unter seinen Autoren Georg Krix, Rosa Speidel, Helmut Staudt, Erika Steinbach, Stefan P. Teppert, Maria Werthan, Hans Vastag u. a. Dem umfangreichen Buch (knapp 800 Seiten) vorangesetzt ist ein Vorwort des emeritierten Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, eines gebürtigen Donauschwaben. Er schreibt: „Wer all die menschlichen Schicksale, das vielfältige Leid, die unfasslichen Geschehnisse um unsere Landsleute verdrängt, der macht sie ein weiteres Mal zu Opfern, zu Opfern des Vergessens. (...) Der Opfer der donauschwäbischen Passion zu gedenken heißt, nachzufragen und sich Gedanken zu machen – Gedanken gegen das Vergessen so vieler Opfer und der von ihnen erlittenen Grausamkeiten. Wir wissen uns verbunden mit unseren Landsleuten, die unschuldig und auf grausame Art und Weise zu Opfern skrupelloser Machtinteressen, eines menschenverachtenden Nationalismus und einer menschenvernichtenden Politik wurden.“

Nach Martyrologien zu Ende des Mittelalters, in die schon Erkenntnisse des Augustinus und des Thomas von Aquino eingeflossen waren (vor allem Cesare Baronis Martyrologium universale, 1586), und weiteren Klärungen durch die Päpste Benedikt XIV. und Paul VI. lenkte vier Jahrhunderte später Johannes Paul II., der Osteuropäer (der unweit von Auschwitz aufwuchs), 1994 den Blick auf die Opfer von Nationalsozialismus und Kommunismus. In seinem Apostolischen Schreiben vom 10. November 1994 forderte er dazu auf, eine allumspannende Märtyrergeschichte des 20. Jahrhunderts zu verfassen, weil die Märtyrer, die „unbekannten Soldaten der Sache Gottes”, zurückgekehrt seien. Das Martyrologium sollte zur Jahrtausendwende fertig sein, forderte er die Bischofskonferenzen und Kongregationen auf. Voll befolgen konnten sie die päpstliche Aufforderung nicht, aber es gibt inzwischen eine Reihe von Martyrologien, die einen sehenswerten und breitgefächerten Grundbestand christlicher Leidensgeschichte bilden. 1999 erschien zweiteilig „Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts“ im Schöningh-Verlag, bereits 2000 eine zweite, durchgesehene Auflage, die Kardinal Karl Lehmann dem Papst in einer Privataudienz überreichte.

Es war (auch damit) der Beweis erbracht, dass das Volk der Deutschen nicht nur ein Volk der Täter, sondern auch weitgehend ein Volk der Opfer war, dass Nationalsozialismus und Rassenhass nicht nur Zustimmung, sondern auch aktive Bekämpfung und Auflehnung hervorgerufen hatten. In anderen Ländern und in der kommunistischen Zeit nannte man sie „Staatsfeinde”.

Man bemerkt sichtlich, dass auch das Schicksal der Donauschwaben den Autoren einige Erklärungsschwierigkeiten aufzwingt, die mit dem deutschen Verständnis von „politischer Korrektheit” im Bezug stehen. „Dieses Buch möchte ein Gedächtnismal sein, ein geistliches Monument, ein Mausoleum in Buchform”, schreibt Stefan P. Teppert in seiner „Einführung”. „Es fügt den Acta Martyrum der Christenheit ein modernes Kapitel hinzu. Für alle Donauschwaben, die im 20. Jahrhundert verfolgt wurden, soll es zeugen. Für alle unter ihnen, die Leid und Qualen zu erdulden hatten, die erniedrigt und gedemütigt, ihres Eigentums und ihrer Heimat beraubt, eingekerkert, gemartert und ums Leben gebracht wurden, sei es durch Nationalsozialisten oder Kommunisten, aus Missgunst oder in hasserfülltem Chauvinismus, sei es nur deshalb, weil sie als vermögend, einflussreich oder als deutsch galten oder weil sie im Namen des Christentums auftraten. Im Gedenken an erfahrenes Leid und an eigene Opfer dürfen allerdings das Leid und die Opfer aller einstigen Nachbarvölker nicht aus dem Blick geraten.”

Zum Schicksal der Donauschwaben in Tito-Jugoslawien schreibt Dr. Georg Wildmann und bringt gut dokumentierte und umfassende Übersichten über Ausrottungs- und Tötungslager, aber auch die Listen der Märtyrer (zwölf aus dem serbischen Banat, 14 aus der Batschka, je einen aus der Baránya, aus Slawonien, Syrmien, Dalmatien und Montenegro, je zwei aus Kroatien und Slowenien/der Untersteiermark, vier aus Bosnien), aber auch Listen zahlreicher Frauen, die ihr Leben gewagt haben: Elisabeth Wurtzky, Eva Eichinger, Katharina Striebel, Anna Schmidt, Theresia Hönisch, Elisabeth Jung, Anni Schreiner, Elisabeth Piry. Auch evangelische Geistliche werden als Märtyrer angeführt: Stephan Csepcsanyi, Franz Klein, der Bischof Philipp Popp, die Bischöfe Ludwig Wolf, Lajos Ordass.

Rumänien stellen Georg Wildmann und Maria Werthan vor. Als Märtyrer und Bekenner werden (hauptsächlich von Hans Vastag) aus dem Banat 59 Personen angeführt (Männer und Frauen), separat die Schwester Hildegardis Wulff und Bischof Augustin Pacha. Aus dem Sathmarer Land werden acht Märtyrer angeführt, zwei (Anton Durkowitsch und Josef Schubert) aus dem „übrigen Rumänien”.
Die Lage in Ungarn stellen Georg Wildmann und Georg Krix vor. Die Märtyrerliste hat Hans Vastag zusammengestellt. Sie umfasst 36 Personen (ausschließlich Männer).

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