Gedanken über das Unausweichliche

Oder gibt es Leben nach dem Weltuntergang?

Donnerstag, 20. Dezember 2012

Eine große Geschäftskette macht seit Tagen im Fernsehen Werbung mit dem Weltuntergang-Slogan. Facebook bereitet sich einerseits auf den Ansturm der „dummen Statusmeldungen“ am 21. Dezember vor, andererseits bestätigten auf einer der deutschsprachigen Weltuntergang-Afterparty-Seiten fast 350.000 Menschen ihre Teilnahme. Die Veranstalter versprechen einen „noch größeren Außenbereich mit Dinosaurier-Streichelzoo“. Meine Teilnahme habe ich bereits Anfang des Jahres zugesagt. Ob und in welchem Zustand ich hin gehe, kann ich noch nicht einschätzen.

Je näher das magische Datum – 21. Dezember 2012 – rückt, desto mehr Schwachsinn flattert in die Mailbox. Zutiefst christliche (ihrer Einschätzung nach) Menschen bieten einen Platz im „geheimen“ Bunker an. Selbstverständlich nicht gratis, denn ein solch Profit versprechender Weltuntergang kommt nicht jeden Tag. Die anderen ermutigen jeden „sich(sic!) Vorräte anzuschaffen und eine Zufluchtsstätte zu organisieren, wo man auch ohne Strom heizen kann. Wir kennen kein Datum – Herr hilf!“. Beim letzten Ausruf wachte der Theologe in mir kurzfristig auf. Sollten sich die wahren Christen so benehmen? Die frühen Anhänger des Christentums waren noch ganz erpicht darauf, den Herrn recht bald zu sehen. Doch scheinen die fast 2000 Jahre des Wartens nicht spurlos an den christlichen Kirchen vorbeigegangen zu sein. Die frühen Christen riefen noch „marana tha“ (Unser Herr, komm!). Die jetzigen flehen um Hilfe.

Wer an ein höheres Wesen, die Natur oder die kosmische Energie, nicht aber an den Gott der Bibel glaubt, hat die Hände nicht in den Schoß gelegt: Opfer werden gebracht, Gebete gesungen, eigene Energie ins All geschickt. Nebenbei vielleicht ein Bunker gebaut. Aber das scheint nicht verpflichtend zu sein. Man, vielleicht sogar die Menschheit, klammert sich aus allen Kräften am Leben fest. Der Selbsterhaltungstrieb ist beim Menschen eben sehr gut entwickelt. Nur wenige sind bereit, im Falle des Falles dieses einzigartige Ereignis nur zu beobachten. So etwas wird man nie wieder sehen!
Nun aber ernst. Kommt der Weltuntergang? Ja. Vielleicht sogar morgen. Womöglich am 21. Dezember oder erst am 22. Dezember des Jahres 15.765. Woher soll ich das wissen? Wussten es Mayas? Keine Ahnung. Sie wurden ja fast alle von den Missionaren ausgerottet. Wen soll man jetzt fragen?

Fragt man mich, ob ich Angst vor dem Weltuntergang habe, muss ich gestehen, ich weiß nicht einmal das. Es hängt davon ab, wie diese Apokalypse aussehen wird. Am wenigsten fürchte ich einen ausgewachsenen Weltuntergang mit vollkommener Auslöschung der Menschheit oder der Zerstörung der Erde. Dagegen kann man wirklich nichts tun. „Und was folgt?“, könnte man fragen. Die beste Antwort darauf gab der großartige englische Schriftsteller Terry Pratchett. Nachdem der Tod die Seele eines Königs mit seiner Sense vom Körper abgetrennt hat, stellt der nun körperlose König dem Tod dieselbe Frage. „Es kommt das, woran du dein Leben lang geglaubt hast“, antwortet der Knochenmann.
Die richtige Angst überkommt mich, wenn ich an die prähistorischen Verhältnisse denke, die herrschen könnten, wenn der Weltuntergang aus einer Reihe Katastrophen oder aus der Verschiebung der Pole bestehen sollte. Besonders im letzteren Fall wird die Zukunftsperspektive so düster wie das Mittelalter beschrieben: keine Kommunikation, keine Energie und folglich keine Technik. Wie lange können die meisten Vertreter der Spezies homo sapiens sapiens außerhalb des Stadtdschungels überleben? Ich werde es sicher nicht lange schaffen. Dazu fürchte ich, dass der unfreiwillig ausgewilderte homo sapiens die Zivilisationspatina, die sich der homo erectus im Laufe der Geschichte angelegt hat, recht bald abschütteln wird. Danach wird mir auch das Wissen darum nicht helfen, dass der römische Komödiendichter Plautus mich vorwarnte: „Lupus est homo homini, non homo“.

Doch wenn ich Nachrichten über solche Menschen höre, die den Weltuntergang in ihren luxuriösen Bunkern aussitzen wollen, sehne ich mich nicht nach dem eigenen Überleben. Ausgerechnet diese Menschen möchten nach dem totalen Debakel der ersten Auflage, die „Menschheit 2.0“ ins Leben rufen und die Welt bevölkern. Warum sollten ausgerechnet sie überleben? Weil sie es sich leisten können? Manch solcher Überlebende in spe hortet neben der Provision auch die Waffen, um das Seine vor den anderen zu beschützen. Einiges wird wohl nicht einmal der Weltuntergang ändern.
Nun bleibt nicht mehr viel Zeit bis zum nächsten und am besten vermarkteten Weltuntergang. Am 22. Dezember sind wir alle etwas klüger. Leben wir, werden sich manche freuen, dass sie den Weihnachtseinkauf bereits erledigt haben. Die anderen werden das Überleben der Menschheit auf ihre Opfer oder Gebete zurückführen. Den dritten könnte nach der ausgedehnten Afterparty nicht nur der Kopf wehtun, sondern auch der Samstag abhanden kommen. Doch seien wir ehrlich, ein kleiner Weltuntergang hätte uns nicht geschadet. Na dann, auf ein schönes Leben danach!

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