Gedenken an die Evakuierung

Ausstellungen wurden an der ersten Station der Pilgerreise mit Gottesdienst eröffnet

Dienstag, 05. August 2014

Bischof Reinhart Guib predigte beim Festgottesdienst zur Eröffnung der Ausstellung.

Pfarrer i. R. Wolfgang Rehner stellte die Ausstellung „Aufbruch ins Ungewisse“ im Hof des Teutsch-Hauses vor.

In der Johanniskirche und im Hof des Teutsch-Hauses sind die beiden Gedenkausstellungen zu sehen.
Fotos: Hannelore Baier

Hermannstadt - In einer Nachbarschaftstruhe begibt sich die Ausstellung „Glauben und Gedenken. Kirche unterwegs – 70 Jahre seit Evakuierung und Deportation“ auf eine Pilgerreise. Nachgegangen werden acht Stationen des Weges, den ein Teil der Siebenbürger Sachsen aus dem Norden Siebenbürgens im Herbst 1944 bei der Evakuierung bis zu ihrer Ansiedlung auf Drabenderhöhe zurückgelegt haben, sagte Stadtpfarrer Kilian Dörr. Die Ausstellung wurde am Sonntag mit einem Gedenkgottesdienst unter Beteiligung zahlreicher Gäste in der Johanniskirche feierlich eröffnet. Begleitet wird die von Elisabeth Binder gestaltete Exposition der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien (EKR) von der die Geschichte der Evakuierung darstellenden Ausstellung „Aufbruch ins Ungewisse“ des Verbands der Siebenbürger Sachsen e. V. in Deutschland, die in Zusammenarbeit mit der HOG Bistritz-Nösen, dem Siebenbürgen-Institut und dem Siebenbürgischen Museum erarbeitet worden ist. Diese Schau war im Hof des Friedrich-Teutsch-Hauses aufgestellt, wo auch das Buch „Wir Nösner“ vorgestellt wurde.

Symbolisch nachgegangen wird der Weg, den fast 40.000 evangelische Siebenbürger Sachsen aus 52 Gemeinden im Rehner und Nösner Ländchen sowie aus einigen Dörfern aus dem Norden von Schäßburg/Sighişoara in Trecks oder Zügen sowie Lastautos auf Befehl des sächsischen Generals Arthur Phleps gegangen sind, sagte Bischof Reinhart Guib in der Predigt. Bei der Vernissage der Exposition im Hof des Teutsch-Hauses wies Pfarrer i. R. Wolfgang Rehner darauf hin, dass diese Gemeinden nach dem Wiener Schiedsspruch von 1940 nicht mehr in Rumänien, sondern in Ungarn lagen. Rumänien stand, als der Evakuierungsbefehl im September 1944 erlassen wurde, bereits auf der Seite der Alliierten. Die Mehrzahl der Evakuierten sowie einige der auf eigene Faust Geflüchteten gelangten bis nach Österreich. Jene, die die Sowjettruppen einholten, wurden zurückgeschickt – ins mittlerweile Rumänien –, die es in das Hoheitsgebiet der West-Alliierten schafften, ließen sich in Österreich oder Deutschland nieder, andere zogen weiter in die USA oder nach Kanada. Was nahmen sie mit?

Die Ausstellung der EKR und die Pilgerreise sucht inhaltlich Antworten auf die Frage, welche Werte die Siebenbürger Sachsen auf die Flucht, aber auch auf jeden Lebensweg und in jedes neue Umfeld mitgenommen haben. Sie ist um die acht Begriffe aufgebaut, die diese Werte darstellen und das sind Glauben, Frömmigkeit, Gemeinschaft, Kirche, Diakonie, Geschichte, Bildung und Traditionen. Als Beispiel für den Glauben ist ein Auszug aus dem Taufregister mit dem Eintrag der Annemarie Leonhardt zu sehen, die aus Zuckmanteln/Ţigmandru evakuiert wurde, mit den Verwandten aus Kleinbistritz/Dorolea nach Österreich gelangte und aus deren eindrucksvoll geschilderten Erlebnissen Bischof Guib zitiert hat.
30 Interviews mit Evakuierten umfasst die Sonderausgabe des zum 500-Seiten-Buch gewachsenen Heftes „Wir Nösner“. Der Inhalt gebe zu 95 Prozent die Ausstellung „Aufbruch ins Ungewisse“ wieder und sei zweisprachig, um ihn auch jenen zugänglich zu machen, die das kulturelle und historische Erbe der Nordsiebenbürger Sachsen angetreten sind, sagte in der Präsentation Prof. Dr. Hermann Pitters. Bearbeitet wurden in wissenschaftlichen Beiträgen Urkunden aus deutschen und österreichischen Archiven sowie jenem aus Bistritz/Bistriţa, die Position der Darstellung bezeichnete Prof. Pitters jedoch als „eingeengt“: Die Ursachen der Evakuierung werden „verschwommen“ und der Vorgang selbst als „historische Notwendigkeit“ dargestellt. Bloß Volker Petri habe in seinem Schlusswort auch Schuld und Verblendung erwähnt.  
 
Die informative Ausstellung des Verbands der Siebenbürger Sachsen geht anhand von Illustrationen und Texten auf die Vorgeschichte der Evakuierung – u. a. die Feiern vor Riesenbildern von Hitler – das Organisieren der Trecks und deren Entscheidungs- und Verantwortungsträger sowie das unterwegs erlittene Leid ein. In der Darstellung vermisst hat Pfarrer Rehner das Schicksal jener 9594 Evangelischen, die 1945/1946 in Nordsiebenbürgen in so bitterer Not lebten, dass sie in den Dörfern Südsiebenbürgens betteln mussten. Einige wenige waren nicht mitgezogen, andere kamen freiwillig zurück, weil sie es sich nicht hatten vorstellen können, wie groß die Not nach Krieg, Deportation und Enteignung im Heimatort sein kann. Aus Kirchenbüchern im Archiv des Teutsch-Hauses zitierte Rehner, wie es Kirchenräte im Herbst 1945 dennoch schafften, die Schule und den Kindergarten in Bistritz und Sächsisch-Regen/Reghin zu eröffnen. Glauben, Gemeinschaft, Bildung ...  
 
„Glauben und Gedenken“ will als mehr als eine Veranstaltungsreihe verstanden werden. Es soll eine geistige Verknüpfung zwischen den in Siebenbürgen Verbliebenen und deren in Österreich und Deutschland lebenden Gemeinschaften sein. Die nächsten Stationen der Pilgerreise sind Sächsisch-Regen (24. August) und Bistritz (13.-14. September), Budapest (21. September) und Österreich – Wels und Seewalchen/Rosenau (27.-28. September) sowie Traun (17. und 19. Oktober). In Deutschland wird der Evakuierung in Rothenburg o.d.T. sowie in Nürnberg (26. Oktober) gedacht. Den Abschluss findet die Gedenkveranstaltung mit dem Hauptgewicht auf der Deportation in Karlsruhe (6. Januar) und auf Drabenderhöhe (18. Januar).

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