Gegen das Vergessen

Das Musikfestival „Verfemte Musik“ zum zweiten Mal in Rumänien

Freitag, 12. Oktober 2012

„Gegen das Vergessen“ – diese drei Worte sind in Deutschland Synonyme für die Aufarbeitung der NS-Geschichte geworden. Es soll nämlich nicht vergessen werden, zu welch schrecklichen Taten der Mensch unter extremen Bedingungen fähig war, und dass eine Wiederholung eines totalitären Staates unbedingt vermieden werden muss.

Auch das Musikfestival „Verfemte Musik“ (Muzica suprimată) kämpft gegen das Vergessen und erbittet sich Wiederholungen in einem ganz anderen Sinne. Zum einen hat sich das Festival Kontinuität und Nachhaltigkeit auf die Fahnen geschrieben und daher fand es nun schon zum zweiten Mal in Siebenbürgen statt. Zum anderen sollen sich die Aufführungen sogenannter „verfemter Musik“, das heißt im Nationalsozialismus diffamierter Musik, mannigfach verbreiten.

In den vierteiligen Konzertreihen stehen außerdem Künstler im Vordergrund, deren Heimat in Rumänien liegt und Opfer des deutschen Fanatismus wurden. So zum Beispiel der Hermannstädter Norbert von Hannenheim, der durch sein breites Oeuvre auch in der zweiten Festivalperiode mit mehreren Klavierstücken vertreten war.

Mit vier Konzerten tourten die Interpreten und Organisatoren im Zeitraum vom 11. bis 30. September zwischen den Städten Schäßburg/Sighişoara, Hermannstadt/Sibiu, Mediasch/Mediaş und Kronstadt/Braşov hin und her. Ich hatte die Möglichkeit, dem ersten Turnus in Kronstadt beizuwohnen, der ein Klavier-Rezital und eine musikgestützte Gedichtrezitation beinhaltete. An einem Samstagnachmittag, als der Verkehrslärm in der Casa Mureşenilor noch durch die Fenster dröhnte, nahm der junge Pianist Moritz Ernst vor dem beschaulichen Publikum Platz, um uns die „Hohe Kunst der Fuge“ musikalisch näherzubringen.

So war das Klavier-Rezital überschrieben, das uns chronologisch durch die Auseinandersetzungen mit der Fugenkomposition ab dem 17. Jahrhundert führte. Angefangen mit Samuel Scheidt, einem deutschen Zeitgenossen von Heinrich Schütz, über den Superstar der Fugen Johann Sebastian Bach, über den bereits erwähnten Hannenheim bis zu dem italienischen Musikerneuerer Ferrucio Busoni.

Während Scheidt noch eine verständliche, fast bescheidene Fuge auf das Papier brachte, bewies Bach in seinem fulminanten Werk „Kunst der Fuge“, dass er diese Gattung beherrscht wie kein anderer vor ihm. Das Komponieren einer Fuge ist eine sehr logische Angelegenheit. Einem Thema, dem Dux (zu Deutsch: der Führer), folgt ein Begleiter, der Comes, es gesellen sich Gegenthema, Beantwortungen verschiedener Art, Durchführungen und Zwischenspiele dazu. Prägend jedoch bleibt das Thema, das sich im Laufe des Stückes immer wieder durch alle Stimmen zieht.

Dieses Herumexperimentieren mit Noten, dem Bach im besagten Werk eher eine wissenschaftliche Gewichtung beimaß als eine ästhetische, büßt nichts an der Schönheit bachscher Musik ein, die seiner Vokal- und Instrumentalmusik innewohnt. Ratio und Emotio müssen sich also keineswegs ausschließen, was auch Busoni mit seinem Stück „Fantasia Contrappuntistica“ vielfältig bewies.  
Moritz Ernst führte gewissenhaft und mit analytischem Gespür durch die Musikliteratur. Neben den hohen Ansprüchen kontrapunktischer Musik an die Konzentrations- und Fingerfertigkeit eines Pianisten, schaffte es Ernst zudem, im wahrsten Sinne des Wortes zu „führen“. Er nahm uns mit seiner Interpretation an die Hand durch das chaotische Notengewirr der anspruchsvollen Gattung und machte die Struktur der erklungenen Musik transparent.

„Wir sind nie mehr zu Hause – Verse in Dur und Moll über Ausgrenzung, Auswanderung und Heimweh“ – wurde die zweite Veranstaltung mit Text und Musik übertitelt. Hierbei wurden zu den Komponisten, deren Leben aus Vertreibung und Verfolgung bestand, Dichter mit ähnlichen Schicksalen gesellt. Darunter waren die Siebenbürger Wolf von Aichenburg und Frieder Schuller, die im sozialistischen Rumänien einer Diktatur ausgesetzt waren, in denen der deutschen Minderheiten großes Leid zugefügt wurde.

Außerdem trug der Sprecher Oskar Ansull Poesie von Mascha Kaleko, Else Lasker-Schüler, Rainer Maria Rilke und Berthold Viertel vor. Dazu akzentuierte, imitierte oder widerlegte der Pianist Moritz Ernst die entstandene Stimmung mit ausdrucksstarken Klavierwerken von den Großen der Klavierliteratur Johannes Brahms, Béla Bartók, Claude Debussy und Arnold Schönberg.

Gegen die Bekanntheit derartiger Namen kommen die ebenso im Konzert erklungenen verfemten Musiker Philip Herschkowitsch, Viktor Ullmann und Hannenheim nicht an. Schade, bedenkt man, dass es nur die politischen Umstände waren, die zur Unwissenheit über deren Talent führten.

Philip Herschkowitz etwa, in Jassy/Iaşi geboren, studierte in Wien, flüchtete vor den Nationalsozialisten in die Sowjetunion, wo er die Antipathie der Kommunistischen Partei nicht weniger zu spüren bekam. Sein Leben blieb als Jude gebrandmarkt und als Komponist weitgehend chancenlos. Hannenheim kam 1944 nach einem schizophrenen Anfall in eine nationalsozialistische Euthanasieklinik und verstarb dort an Herzversagen. Viktor Ullmann, der sich selbst als konfessionslos bezeichnete, wurde wegen seiner jüdischen Wurzeln 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Hoffnungsvoll widmete er sich dort dem musikalischen Leben und komponierte viel in dieser Zeit. 1944 wurde er in Auschwitz-Birkenau vergast.

Alle drei sind Schönbergschüler gewesen. Sie standen dem musikalischen Aufbegehren in Form von schonungsloser Dissonanzbehandlung, wie sie Schönberg in seiner Zwölftonlehre an seine Schüler weitergab, nahe. Ähnlich wie in der Fuge ist diese Art der Komposition an viele Regeln geknüpft und erscheint für den Laien wirr und für den Kenner strukturiert. Auch hier vereinen sich Ratio und Emotio. Sehr ausdrucksstark erklingt ihre Musik, teilweise befremdend, aber nie klagend oder wehleidig. Die Würde, die ihnen teilweise genommen wurde, eroberten sie unerkannt in ihrer Musik zurück.

Sie erklingt stark und widerstandsfähig. Dagegen setzen sich die gesprochenen Worte ab. Manchmal erscheinen sie melancholischer und zarter. Ein anderes Mal wiederum wird es witzig. Manchmal erklingen sie aber auch so abstrakt wie die Musik. Doch vor allem sind die Gedichte authentisch. Und dies nicht zuletzt durch den Vermittler der Worte, Ansull, der mit viel Empathie in die Welt des Dichters abtauchte.

Auch Ernst gab auf dem Klavier sein Bestes und bemerkenswert sind die Bandbreite seiner Ausdrucksqualitäten und sein analytischer Überblick in den sperrigen Partituren. Womöglich gab auch das Klavier sein Bestes, in diesem Fall aber war sein Bestes nicht genug. Da klirrte und zerrte es doch sehr in den lauten Passagen, fehlte es zum Teil an Eleganz in den ruhigeren. Viel Lärm von außen und die Enge des Konzertraumes schränkten zudem eine konzentrierte Atmosphäre ein. Insofern schade, da wir es ansonsten auf allen Seiten mit Profis zu tun hatten. An den Komponisten, Interpreten und der deutschen Organisatorin Heidemarie Ambros lag es auf jeden Fall nicht. Ihnen sind nur mehr öffentliche Anteilnahme und ein geeigneteres Instrumentarium bei ihrem engagierten Projekt im kommenden Jahr zu wünschen.

Letzte Konzerte des Festivals mit dem Programm „Hebräische Melodien und ein Hauch von Jazz“ waren in Schäßburg, in Mediasch und in Hermannstadt angekündigt.

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