Gegen den Strom

Zu Besuch bei evangelischen Glaubensgeschwistern entlang der Seidenstraße (II)

Samstag, 18. November 2017

Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde der Vorsitzende der kommunistischen Partei, Nyyazov Saparmyrat, Staatsoberhaupt. So geschah es in allen zentralasiatischen Republiken. Der Machtmissbrauch ging bis ins Absurde. Sein Buch: „Ruhnama“ sollte, seiner Ansicht nach, das wichtigste Werk für die Turkmenen werden – wichtiger noch als der Koran. Der Inhalt selbst ist eine konfuse Schilderung der Geschichte des turkmenischen Volkes und ihrer Heldenhaftigkeit. Saparmyrat selbst sah sich als Nachfahre von Alexander dem Großen und dem Propheten Mohammed.

Das Buch wurde in allen Schulen und Universitäten zur Pflichtlektüre. Ein Arzt musste bei seiner Prüfung Kenntnisse über das Buch vorweisen. Wer die Führerscheinprüfung ablegen wollte, musste das Buch auswendig kennen. Es wurde in über vierzig Sprachen übersetzt. Unternehmen, die in Turkmenistan auf Aufträge spekulierten, ließen das Buch in ihre Landessprache übersetzen, um in die Gunst des Diktators zu gelangen.

2006 starb der Diktator plötzlich an Herzversagen und sein Zahnarzt, Gurbanguly Berdimuhamedov, ergriff das Zepter. Die erhoffte Öffnung des Landes blieb aus. Er führt den diktatorischen Regierungsstil seines Vorgängers fort.

Stadt der Superlativen: Aschgabat

Turkmenistan besteht zu achtzig Prozent aus Wüste. Mitten in der Wüste erhebt sich eine Stadt aus Marmor und Gold. Eine der surrealsten Städte der Welt lag vor uns: die Hauptstadt Aschgabat. Es ist eine Stadt der Superlative: das größte Riesenrad der Welt, die größte Dichte an weißen Marmorgebäuden, das größte Gebäude in Form eines Vogels befinden sich hier und die Busstationen sind klimatisiert. Vor zwanzig Jahren war es noch eine kleine sowjetische Garnisonsstadt.

Heute fährt man durch eine fast menschenleere Geisterstadt. Entlang riesiger Boulevards reihen sich Wohnblöcke aus italienischem Marmor. In der Stadt gibt es einen Wettkampf der Denkmäler, vor allem die der beiden Diktatoren. Gasreserven und Erdöl bescheren dem Staat hohe Geldeinnahmen. Dennoch lebt der größte Teil der Bevölkerung in engen Wohnungen in Armut. Ein Studium kann sich kaum einer leisten. Dafür sind Gas, Strom, Wasser und Salz kostenfrei.

In Aschgabat empfing uns Alin Barbu vom rumänischen Konsulat. Seit den neunziger Jahren gibt es bilaterale Beziehungen zwischen Rumänien und Turkmenistan. Rumänien gehört zu den wenigen europäischen Staaten, die eine diplomatische Vertretung in Turkmenistan unterhalten. Rumänien importiert für etwa 60 Mio. Euro Gas aus Turkmenistan.

Wir wollten etwas über das Schicksal der rumänischen Minderheit erfahren. Alin Barbu erzählte uns, dass offiziell weniger als hundert Menschen rumänischer Abstammung in Turkmenistan leben. Diejenigen, die in Zeiten der Sowjetunion aus der Republik Moldau hierher umgesiedelt wurden, haben das Land in Richtung Russland verlassen. Der rumänische Staat ist übrigens das einzige europäische Land, das Studenten aus Turkmenistan Stipendien anbietet. Zurzeit sind es 25 Stipendien pro Jahr und 150 Studenten aus Turkmenistan studieren derzeit in Rumänien.

Nahe der iranischen Grenze soll es noch eine kleine evangelische Hausgemeinde geben. Diese kann sich nur im Vorborgenen treffen. Außer der russisch-orthodoxen Kirche ist keine andere christliche Konfession in dem islamischen Staat geduldet. Leider konnten wir diese Gemeinde nicht aufsuchen, da sie nicht auf unserer vorgegebenen Transitroute lag.

Wir verabschiedeten uns von Alin Barbu und fuhren raus aus der Stadt in die Karakum-Wüste. Wir waren froh, die turkmenische Hauptstadt verlassen zu können, denn wir wurden auf Schritt und Tritt verfolgt und beobachtet. Außerdem war es uns untersagt worden, öffentliche Gebäude zu fotografieren.

Bevor wir unsere Zelte aufschlugen, machten wir noch einen Abstecher zum „Tor zur Hölle“. Hierbei handelt es sich um einen Krater, der seit 1971 aufgrund eines Unfalls durch entströmendes Gas in Flammen steht. Wir durchquerten die Karakum-Wüste – nach der Sahara die heißeste Wüste der Welt – und reisten in die nächste Diktatur ein: Usbekistan.

Der verschwundene See

Noch vor Abenddämmerung planten wir, den Ort „Muynak“, im autonomen Gebiet „Karakalpakstan“, zu erreichen. Muynak war einst der größte Hafen am Aralsee auf usbekischer Seite. In der örtlichen Fischkonservenfabrik waren einst dreißigtausend Menschen beschäftigt.

Hier konnten wir uns nun ein Bild davon machen, was Menschen anrichten könnten. Die Austrocknung des Aralsees ist die größte von Menschenhand verursachte Umweltkatastrophe der Geschichte. Der Aralsee ist nach und nach verschwunden. In den 1960er und 1970er Jahren hatten die sowjetischen Machthaber beschlossen, das Wasser des Amudarja, der Strom, der den Aralsee speiste, zur Bewässerung der extensiven Baumwollplantagen zu nutzen. Baumwolle ist noch immer eine der Haupteinnahmequellen des Landes. Vor dem ehemaligen Hafen der Stadt Muynak liegen heute jedoch nur noch Schiffwracks. Der Aralsee ist auf ein Zehntel seiner ehemaligen Ausdehnung geschrumpft. An diesem traurigen Ort schlugen wir bis zum nächsten Sonnenaufgang über den Schiffwracks unsere Zelte auf. Mit dem Sonnenaufgang kamen auch die Kühe. Sie wetzten ihre Rücken an den Schiffwracks und zogen weiter Richtung „See“ um da Sträucher zu fressen und Salz zu lecken. Wir brachen auf und kehrten zur „Seidenstraße“ zurück. Doch wie weit werden wir kommen mit unserem Treibstoff? In dem Land darf offiziell kein Diesel verkauft werden und unser Kleinbus ist ein Dieselfahrzeug.

Sämtliche Dieselvorräte werden auf den Baumwollplantagen genutzt und sollen somit dem „Wohl der Gemeinschaft“ dienen. Während der Erntezeit wird die gesamte Bevölkerung zur Arbeit herangezogen, egal ob Lehrer oder Ärzte. In diesem Jahr hat Präsident Schawkat Mirzijojew erstmals zugegeben, dass es Zwangsarbeit in Usbekistan gibt. Die Ausreise der Einheimischen ist zur Zeit der Baumwollernte strengstens verboten. Trotz des Verbotes kamen wir an den nötigen Treibstoff. Wir versuchten unser Glück hinter den „Tschaikhanas“ (Teestuben), wo LKW-Fahrer halten, auf dem Schwarzmarkt, und manchmal auch in den Hinterhöfen der Nachbarschaft unserer Herbergen. Da wir erfolgreich waren, stand uns nichts mehr im Wege, der alten Seidenstraße in Richtung Hauptstadt Taschkent zu folgen.

Bezaubernd und atemberaubend waren die Städte der alten Seidenstraße Chiwa, Buchara und Samarkand. Ein Gefühl wie in 1001 Nacht. Vom Registan in Samarkand heißt es, er sei einer der schönsten Plätze der Welt. Samarkand war einst die Hauptstadt des Reiches von Timur Lenk, der im 15. Jahrhundert seine Eroberungszüge von China bis zum Mittelmeer führte.

Die Kirche bleibt stehen

Sonntagvormittag trafen wir in Taschkent ein, um da mit der evangelischen Gemeinde den Gottesdienst zu feiern. Deutsche Familien, die von der Wolga nach Taschkent gezogen waren, gründeten 1877 die erste evangelische Gemeinde in Zentralasien. Im Jahr 1896 erbauten sie ihre erste Kirche im neugotischen Stil. Heute gehört die Kirche zu den wenigen Gebäuden der Stadt, die unter Denkmalschutz stehen. Das große Erdbeben von 1966 legte das alte Taschkent in Trümmer, doch die Kirche stand weiterhin. In der sowjetischen Zeit wurde der Kirchturm abgetragen und die Kirche zweckentfremdet. Sie beherbergte die Verwaltung der Geologen, einen Hundezüchterverein und diente als Unterkunft für die Miliz. Mit der Wiedergründung der Gemeinde 1990 erhielt man die Erlaubnis, in diesem Gotteshaus wieder Gottesdienste zu feiern. 1994 wurden die Restaurierungsarbeiten abgeschlossen und die Kirche erstrahlte wieder in ihrem ursprünglichen Glanz. Heute zählt die Gemeinde 150 Seelen. Pastorin Ludmilla Schmidt hielt den Gottesdienst zweisprachig, auf Russisch und Deutsch. Ein kleiner Kirchenchor trägt zur Gestaltung des Gottesdienstes bei. Im Kirchenchor singt Barbara Cates mit. Früher war sie im diplomatischen Dienst der amerikanischen Botschaft. Nun ist sie im Ruhestand. Taschkent ist ihr zweites Zuhause geworden und sie kommt so oft wie möglich hierher und nimmt aktiv am Gemeindeleben teil.

Bei einem gemeinsamen Abendessen mit den Gemeindegliedern erfuhren wir mehr über die Belange der Gemeinde. 2015 wurde die Gemeinde hart auf die Probe gestellt. Wegen unglücklicher Umstände wurde die Gemeinde fast von den staatlichen Behörden verboten. Dank des Einsatzes von Ludmilla und Viktor Schmidt, dem Gemeindevorsteher, konnte dieses Schicksal noch abgewendet werden. Heute bemüht sich die Familie um den Gemeindeaufbau. Viktor Schmidt ist auch im deutschen Verein „Wiedergeburt“ aktiv. Die „Wiedergeburt“ kümmert sich um die Belange der deutschen Minderheit in den postsowjetischen Staaten. Ableger dieses Vereins gibt es auch in Buchara und Samarkand. Die Mitgliederzahlen sind in den letzten Jahren sehr stark gesunken. In der schweren Zeit unter Diktator Islom Karimov, der 2016 verstarb, haben viele alles daran gesetzt um nach Deutschland auswandern zu können. Viktor Schmidt und seine Familie sind jedoch geblieben.

Die gefährliche Passstraße
 

Wir verließen die Hauptstadt Usbekistans in Richtung Tadschikistan. Tadschikistan ist die ärmste Republik unter den zentralasiatischen Staaten. Das Land besteht aus neunzig Prozent karger Gebirgslandschaft. Bloß sieben Prozent des Landes sind landwirtschaftlich nutzbar. Das Land verfügt weder über Öl- noch Gasvorkommen. Der Großteil der Bevölkerung lebt in sehr bescheidenen Verhältnissen und muss mit etwa einem Euro pro Tag auskommen. Von 1992 bis 1997 tobte ein Bürgerkrieg in Tadschikistan. Das Land erholt sich nur schwer von den Folgen des Krieges.

Über eine der gefährlichsten Passstraßen der Welt und durch den angeblich gefährlichsten Straßentunnel der Welt ging es in die Hauptstadt Duschanbe. Der Name der Stadt bedeutet im Tadschikischen, ein persischer Dialekt, „Montag“ und bezieht sich auf die Montagsmärkte die einst da stattfanden.
 

Wo kommen die ganzen Luxusautos her?
 

In Duschanbe stand bis vor kurzem der weltgrößte Fahnenmast. Überraschenderweise sehen wir viele Luxusfahrzeuge in der Stadt. Sie gelten in Deutschland als gestohlen. Interpol hat ermittelt, dass eine sehr gut organisierte Autoschiebermafia die Fahrzeuge über Vilnius und Moskau auf Zügen in Containern bis Tadschikistan schmuggelt. Obwohl einige der Fahrzeuge als in Deutschland gestohlen identifiziert wurden, werden sie nicht ausgeliefert. Schließlich sind nicht wenige davon Teil des Fuhrparks der Präsidentenfamilie um Emomalij Rahmon.

In Duschanbe war ursprünglich ein Besuch der evangelischen Gemeinde geplant. Doch schon im Vorfeld hatten wir von Bischof Alfred Eichholz aus dem kirgisischen Bischkek erfahren, dass die Gemeinde aus unterschiedlichen Gründen aufgelöst worden war.
 

Entwicklungshilfe aus Deutschland
 

In einem armen Land wie Tadschikistan sind verschiedene Organisationen im Bereich Entwicklungshilfe aktiv, so auch die Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH, die im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) Vorhaben für die Entwicklung strukturschwacher Länder durchführt.

Wir arrangierten ein Treffen mit Thomas Lux, dem Portfoliomanager der GIZ in Tadschikistan. Er bot uns einen ausführlichen Einblick in die Arbeit der GIZ. , die bereits seit 1995 den Aufbau des Landes durch Vorhaben der Technischen Zusammenarbeit insbesondere in den Schwerpunkten Nachhaltige Wirtschaftsentwicklung und Gesundheit unterstützt.

Während unseres Besuches stand auf der Agenda von Thomas Lux auch eine Dienstreise in die autonome Region Berg Badachschan im Pamirgebirge an, um sich dort mit Partnern eines Wirtschaftsförderungsprojektes zu treffen. Berg Badachschan lag auch auf unserem weiteren Weg und so durften wir uns der Delegation anschließen. Wir starteten unsere Expedition auf dem legendären „Pamir-Highway“. An der (noch) höchsten Talsperre der Welt, dem Nurek-Staudamm, hielten wir und Herr Lux wies uns auf ein Vorhaben der Finanziellen Zusammenarbeit hin, welches durch das BMZ gefördert wird. Es handelt sich dabei um eine Verteilerstation des Wasserkraftwerkes Nurek, welches im Rahmen eines Vorhabens der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) gebaut wurde. Mit dem riesigen Staudamm wird die Elektroenergieerzeugung Tadschikistans gesichert.
 

Yak, Yak, Yak
 

Ab Khrorog, der Hauptstadt der autonomen Region Berg Badachschan trennten sich unsere Wege. Entlang des reißenden Vanj-Flusses ging es über 700 km die Afghanische Grenze entlang. Karge Mondlandschaften und Siebentausender säumten unseren Weg. Wir überquerten die zweithöchste Passstraße der Welt: den Ak-Baital Pass (4655 m). Im Hintergrund: der Hindukusch. Die Grenze zwischen Tadschikistan und Afghanistan gehört zu einer der am meist bewachten Grenzen der Welt. Soldaten patrouillieren, Scharfschützen halten die Stellung. Der Grund ist nicht der Krieg in Afghanistan, wie man wohl meinen würde, sondern der Opium- und Heroinschmuggel. In der Vergangenheit wurden in dieser einsamen Landschaft bereits Tonnen an Rauschgift sichergestellt. Das Pamirgebirge, auch Dach der Welt genannt, ist sehr dünn besiedelt. Nur im Wakhan-Korridor, einem fruchtbaren Tal, das sich auf die beiden Länder aufteilt, gibt es Siedlungen. Die Einwohner dieses Landstrichs werden Pamiri genannt und gehören der Glaubensrichtung der Ismaeliten an, ein Zweig des schiitischen Islams.

Nur sehr langsam kamen wir voran durch diese atemberaubenden Berglandschaften. Unterwegs, nach Einbruch der Dunkelheit, kehrten wir bei Eiheimischen ein. Bevor wir die Grenze zu Kirgistan erreichten, trafen wir durch Zufall eine kirgisische Nomadenfamilie. Sie luden uns ein, über Nacht zu bleiben. Auf 4200 Metern übernachteten wir in einer Jurte. Zum Frühstück gab es vor allem Yak-Produkte: Yak-Milch, Yak-Butter, Yak-Käse, Yak-Joghurt und Eier. Wir haben die Gastfreundschaft der einheimischen Bevölkerung sehr schätzen gelernt. Das wenige das sie hatten, haben sie sehr gerne mit uns geteilt.

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