Gegen den Strom

Zu Besuch bei evangelischen Glaubensgeschwistern entlang der Seidenstraße (IV)

Freitag, 01. Dezember 2017

Zu Besuch beim Verein „Dacia“ der Rumänen in Kasachstan
Foto: Richard Raus

Wir verabschiedeten uns von Bischkek und machten uns auf den Weg zum großen Bruder Kasachstan. Bis zur Grenze sind es gerade einmal 30 Minuten. Auf dem Plan stand Almaty am Fuße des Tienshan-Gebirges. Bis 1997 war Almaty die Hauptstadt Kasachstans. Heute heißt die Hauptstadt Astana, doch noch immer gilt Almaty als das kulturelle Zentrum des Landes.

Kasachstan ist das größte und wirtschaftlich stärkste Land in Zentralasien. Wie Turkmenistan besitzt es große Öl- und Gasreserven. 1991 war Kasachstan der letzte Staat, der sich von der Sowjetunion lossagte. Seitdem wird es von dem mittlerweile 77-jährigen Nursultan Nasarbajew regiert.

In Almaty wollten wir wichtige Organisationen der deutschen Minderheit in Zentralasien besuchen. Im „Deutschen Haus“ wurden wir von Olga Stein empfangen, die eigentlich das Berufs- und Informationszentrum in Karaganda leitet. Von ihr erfuhren wir, dass es in Kasachstan noch etwa 180.000 Deutschstämmige gibt. Zwar sind sie im ganzen Land verteilt, doch lebt der Großteil im Norden Kasachstans. Bis zur großen Auswanderungswelle in den 1990er Jahren waren rund eine Million „Nemzy“. Sie werden von der deutschen Bundesregierung unterstützt.

Ein Deutsches Wochenblatt in Zentralasien

Unter Stalin wurden die Deutschen, die in Osteuropa und dem Kaukasus lebten, nach Sibirien und Zentralasien deportiert. In Kasachstan wurden sie in sogenannten „Trudarmeen“, also Arbeitsarmeen, organisiert und in Arbeitslager interniert. Sie wurden beim Bau von Eisenbahnlinien und Industrieanlagen, im Bergbau oder beim Holzfällen eingesetzt. Nicht wenige wurden in Kolchosen als Erntehelfer angesiedelt. Nach dem Tode Stalins 1953 verbesserte sich ihre Situation nach und nach.

Trotz der langen Zeit der Unterdrückung hat die lutherische Kirche in Kasachstan überlebt. Heute hat sie 2500 Mitglieder in 50 Kirchengemeinden, die im ganzen Land verstreut liegen. Sie werden von zehn Geistlichen betreut.

Im Deutschen Haus in Almaty ist die Redaktion der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ untergebracht. Sie ist die einzige Wochenzeitung in deutscher und russischer Sprache in ganz Zentralasien und erscheint mit einer Auflage von bis zu 2000 Exemplaren. Für den deutschsprachigen Teil ist Othmara Glas zuständig, die vom Institut für Auslandsbeziehungen als Redakteurin nach Almaty entsandt ist. Sie erklärte uns die Schwerpunkte des Blattes: Die Autoren greifen in ihren Artikeln nicht nur wichtige Ereignisse aus dem Umfeld der deutschen Minderheit auf, sondern auch gesellschaftliche, soziale und politische Themen aus Deutschland, Kasachstan und den zentralasiatischen Nachbarstaaten.

Nach diesem Treffen waren wir mit Jugendlichen der deutschen Minderheit verabredet. Mit ihnen erkundeten wir später Almaty. Vorher besuchten wir mit ihnen das evangelische Bethaus von Almaty. Hier dient Pastor Gennadi. Bis er zum Geistlichen ordiniert wurde, war er Soldat, Funker und Physiker. Heute betreut er etwa sechzig Seelen. 1990 waren es noch 2000 Kirchenmitglieder.

Bis 1993 hieß die Stadt Alma-Ata, was so viel wie „Vater der Äpfel“ bedeutet. Rund um Almaty gibt es dichte Felder mit wilden Äpfeln. Es ist wohl die kosmopolitischste Stadt Kasachstans: gut gepflegt mit vielen Straßencafés, in denen man nicht selten europäische Sprachen hört. In einem dieser Cafés erzählten uns die beiden Jugendlichen Christina Libricht und Alexander Wiebe von ihren Zukunftsplänen. Während Alexander demnächst mit seiner Familie nach Deutschland auswandern wird, will Christina bleiben. Sie studiert Germanistik und pendelt jeden Tag von einem Dorf außerhalb.

Die Rumänen in der Steppe

Von Almaty aus machten wir uns auf den Weg nach Astana. Zwischendurch stoppten wir in Karaganda. Ausländern ist Karaganda höchstens durch das KarLag, eines der größten Arbeitslager in der Sowjetunion bekannt.

Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn beschreibt in seinem Klassiker „Archipel Gulag“ die menschenunwürdigen Bedingungen in dem Lager. Vor Ort trafen wir uns mit Nicolae Pluschkis, dem Präsidenten des Vereins „Dacia“ der Rumänen in Kasachstan. In den Kriegsjahren kamen auch rumänische Soldaten als Gefangene ins KarLag. Wenn sie Glück hatten, heirateten sie eine Frau aus dem Lagerpersonal und lebten unter erleichterten Haftbedingungen im Gulag. Ein Großteil der rumänischen Minderheit, die heute in Karaganda lebt, wurde aus der sowjetischen Republik Moldau zwangsumgesiedelt. Nicolae Pluschkis jedoch kam 1980 als Basketballtrainer freiwillig nach Karaganda. Seit einem Besuch vor sechs Jahren, als eine Gruppe junger Erwachsener aus Siebenbürgen hier war, gab es keine Besucher mehr aus Rumänien. Im Juli dieses Jahres kam der rumänische Außenminister Teodor Melescanu nach Kasachstan. Pluschkis empfing uns im „Haus der Völkerfreundschaft“, einem sehr moderne Gebäudekomplex, der vom kasachischen Staat finanziert wird.

In Karaganda gibt es 24 eingetragene Volksgruppen. Die größte dieser Volksgruppen ist die deutsche. Aber es gibt auch Koreaner, Polen, Italiener, Ukrainer, Tataren und Rumänen. All diesen stehen Räumlichkeiten des „Hauses der Völkerfreundschaft“ zur Verfügung. Bei einem geselligen Gespräch zu rumänischem Weißwein und Pilzsalat erfuhren wir viel über die Belange und Projekte der rumänischen Minderheit, die wohl eine der aktivsten im Lande ist. Beeindruckt auch von dieser Begegnung verabschiedeten wir uns von Nicolae Pluschkis.

Geschichten aus dem Gulag

Bevor wir auf die Hauptstadt zusteuerten, besuchten wir das KarLag-Museum in Dolinka. Dieses Museum wurde vor nicht allzu langer Zeit in dem Hauptverwaltungsgebäude der Gulags des Gebietes Karaganda, das fast 500.000 km2 umfasst, eingerichtet. Wir waren positiv überrascht von der Gestaltung des Museums, das sich aus museumpädagogischer Sicht als sehr gelungen erwies.

Die gut ausgeschilderten und interaktiven Ausstellungsräume halfen uns die grausamen Lebenserfahrungen der Inhaftierten hautnah zu erleben. In all den Räumen waren lebensechte Wachsfiguren ausgestellt, aber auch Briefe oder kleine Habseligkeiten der Inhaftierten. Im Museum wird sogar eine Führung auf Englisch angeboten – eher eine Seltenheit in Zentralasien. Wir erreichten Astana, auch „Dubai der Steppe“ genannt. Am Horizont erblickten wir die Silhouette der modernen Hochhäuser der Stadt. Das Wort Astana bedeutet im Kasachischen „Hauptstadt“. Neben dem sowjetischen Zelinograd wurde regelrecht eine neue Stadt aus dem Boden gestampft. Die berühmtesten Architekten der Welt durften ihr Können hier unter Beweis stellen.

Eine neue Kirche im „Dubai der Steppe“

Mitte der neunziger Jahre beschloss Präsident Nursultan Nasarbajew die Hauptstadt aus dem südlich gelegenen Almaty in den nördlichen Teil der Steppe zu verlegen. Ein Grund könnte die Furcht vor Russland gewesen sein, da es im nördlichen Teil Kasachstans eine zahlenmäßig sehr starke russische Bevölkerungsgruppe lebt. Heute beeindruckt Astana mit seinen Prachtbauten und großen Boulevards. Der Bajterek-Turm mit der größten Glaskugel der Welt ist das futuristische Zentrum der Stadt. In der Kugel gibt es einen goldenen Handabdruck des Präsidenten. Legt man seine eigene Hand hinein, soll dies Glück bringen. Vom Turm aus hat man außerdem den besten Ausblick auf die Stadt, inklusive Präsidentenpalast und der vielen Parkanalagen. In der Hauptstadt soll der Reichtum und Fortschritt des Landes deutlich erkennbar sein.

Einen großen Schritt für die lutherische Kirche in Zentralasien war die Einweihung der neu erbauten „Christus-Erlöser-Kirche“ in diesem Sommer. Die Gemeinde in Astana blickt auf eine über 50-jährige Geschichte zurück. 1957 gelang es dem nach Zelinograd deportierten Pastor Eugen Bachmann einen rechtlichen Status für die Gemeinde zu erlangen und sie durften offiziell Gottesdienste feiern. Ein Bethaus wurde erbaut, in dem sie ihrem Glauben Ausdruck verleihen konnten. Das Viertel mit den Gebäuden aus Sowjetzeit sollte jedoch neugestaltet werden. Juri Nowgorodow, Bischof der evangelischen Kirche in Kasachstan, nutzte die Gelegenheit. Er kaufte ein Grundstück und begann mit der Errichtung einer neuen Kirche samt Gemeindezentrum. Viele Förderer und Geldgeber konnten für dieses Projekt gewonnen werden, nicht nur aus Deutschland, sondern aus Kasachstan selbst. Mit rund siebzig Prozent haben muslimische Unternehmer der Stadt das Bauvorhaben unterstützt. Vielleicht bewegte sie der Gedanke, dass sie den Bau eines Gotteshauses unterstützen. Die „Christus-Erlöser-Kirche“ konnte pünktlich zum 500. Jubiläum der Reformation fertig gestellt werden und am 17. September wurde das neue Gotteshaus eingeweiht.

Bei der Eröffnung trafen wir zufällig auf einen Landsmann. Freudig überrascht begrüßten wir Dr. Johann Schneider, Regionalbischof aus Wittenberg und Halle, in unserer siebenbürgisch-sächsischen Mundart. Viel Zeit für die Wiedersehensfreude blieb uns allerdings nicht, da bald auch schon der Festzug angeführt von Bischof Nowgorodow erschien.

Vor der Pforte überreichte der Bischof den Kirchenschlüssel Pastor Zhanibek Batenow. Er wird in dieser Kirche als Pfarrer der Gemeinde in Astana seinen Dienst tun. Anwesend waren außerdem Erzbischof Dietrich Brauer aus Sankt Petersburg, Bischof Sergej Maschewski aus der Ukraine, Ireneusz Lukas, Referent vom Lutherischen Weltbund, Probst Sauermann aus der nordischen Partnerkirche in Deutschland, Vertreter der amerikanischen Missouri Synode, Vertreter der römisch-katholischen Kirche, der russisch-orthodoxen Kirche und der Minister für religiöse Angelegenheiten in Kasachstan Nurlan Jermekbajew.

Ein Geschenk aus Hermannstadt

Nach der Austeilung des Abendmahls, das die Gottesdienstbesucher mit strahlenden Gesichtern empfingen, folgte eine Reihe von Gruß- und Dankesworten. Auch unsere kleine Delegation aus Siebenbürgen kam zu Wort. Von Bischof Reinhart Guib überbrachte ich ein kurzes Grußwort und erwähnte das Geschenk, das per Kurierdienst vom Bischofsamt aus Hermannstadt an die Kirchenkanzlei in Astana geschickt worden war: Weiße liturgische Textilien, die früher in der Gemeinde von Holzmengen ihren Nutzen hatten.Auf dem anschließenden Empfang lernten wir einige Gemeindeglieder kennen. Beeindruckt haben uns zwei achtzigjähre Herren: Sie erzählten uns, sie seien mit dem Auto aus Deutschland angereist. Infolge der Perestroika sind sie aus dem sibirischen Omsk nach Deutschland ausgesiedelt. Trotzdem sind sie ihrer Heimat verbunden geblieben und fahren jedes Jahr mit dem Auto von Deutschland nach Omsk. Bei der Einweihung der neuen Kirche wollten sie gern dabei sein und kamen dieses Mal ein Stückchen weiter bis nach Astana.

Auch wir wollten weiter, besuchten noch schnell den Reifendienst hinter der Kirche und machten uns von Astana weiter gen Osten auf.

(Fortsetzung folgt)

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