Gegen den Strom

Zu Besuch bei evangelischen Glaubensgeschwistern entlang der Seidenstraße (V)

Freitag, 08. Dezember 2017

Selfie auf der Chinesischen Mauer
Foto: der Verfasser

Über gute Straßen ging es über das russische Altai-Gebirge zur mongolischen Grenze voran. In der Mongolei angekommen, hörten auch schon die geteerten Straßen auf. Die nächsten Tage sollten wir die guten Asphaltstraßen Russlands sehr vermissen. In der Mongolei gibt es fast nur Staubpisten, was sich voraussichtlich in einigen Jahren verändern wird. Chinesische Bauunternehmen bauen sehr kräftig an der Infrastruktur des Landes. Hin und wieder kamen wir in den Genuss dieser neuen chinesischen Straßen und holten etwas Zeit auf. Aber es gab auch Tage, an denen wir nicht mehr als 200 km zurücklegen konnten. In der Mongolei schlägt die Zeit halt etwas anders, Wir mussten unseren Zeitplan einhalten, um die Hauptstadt zu erreichen, denn wir hatten einen festen Termin für unseren Flug zum letzten Ziel an der Seidenstraße: Peking.

Am meisten faszinierten uns die unendlichen Weiten des menschenarmen und grenzenlosen Hochlandes zwischen Russland und China. In der Mongolei leben gerade einmal 1,9 Menschen pro km2. In Rumänien sind es 84,4 Menschen pro km2. Insgesamt leben etwa 3 Millionen Menschen in der Mongolei, davon sind ein Drittel Nomaden, die sich mit Viehzucht beschäftigen. Mehr als ein Drittel der Menschen leben in der Hauptstadt Ulan Bator und das andere Drittel in Kleinstädten.

Die Viehzucht ist der größte Wirtschaftszweig des Hochlandes. Über 800.000 Menschen ziehen auch heute noch von Lagerplatz zu Lagerplatz, um gute Weideplätze zu finden. Der Wechsel der Jahreszeiten bestimmt das Leben der Nomaden. Unterwegs fielen uns die vielen Pferdeherden auf. Es heißt, in der Mongolei leben mehr Pferde als Menschen. Das Pferd ist der ganze Stolz der Nomaden und ihr Reichtum zugleich. Ein mongolisches Sprichwort sagt: Wenn ein Mongole von seinem Pferd getrennt wird, was bleibt ihm denn noch übrig als zu sterben. Die Pferde haben vor 800 Jahren auch die Horden von Dschingis-Khan bis zu uns nach Europa gebracht. Alle Eroberungszüge wurden zu Pferd geführt und es entstand für eine kurze Zeit das größte Weltreich der Menschheitsgeschichte. Nun waren wir es, die sich in diese Weiten wagten. Im Gepäck mit dabei: unsere Siebenbürgenfahne. Damit hätte Dschingis-Khan nicht gerechnet.

Ein unkonventionelles Nachtlager

Am frühen Abend erreichten wir im nördlichen Teil der Gobi-Wüste die Kleinstadt Gobi-Altai. Hier schien es etwas belebter zuzugehen. Den Grund erfuhren wir in einem der wenigen Hotels der Stadt: ein Ärztekongress fand gerade in dieser Einöde statt. Viele sind aus der Hauptstadt hierhin geflogen. Alle Herbergen der Stadt waren somit ausgebucht. Für uns war diese Auskunft nicht besonders erfreulich. Mitte September ist das Klima in der Mongolei schon sehr herb und kalt und eine Nacht im Zelt hätten wir wohl schwer durchgehalten. Wir fragten, wo denn die nächste Herberge sei. Die Antwort lautete: 400 km entfernt. Als die nette mongolische Empfangsdame in unsere verzweifelten Gesichter blickte, machte sie uns doch noch einen Vorschlag, den wir freudig annahmen. Wir durften unser Nachtlager im Konferenzraum des Hotels aufschlagen.

Als wir am nächsten Tag wieder auf gute Asphaltstraßen stießen, wussten wir, die Hauptstadt ist nicht mehr weit. Vorher aber machten wir noch einen Abstecher nach Charchorin. Hier stand einst die Hauptstadt des mongolischen Reiches. Von hier aus regierten Dschingis-Khan und seine Nachfahren einst das Weltreich. Vom mittelalterlichen Karakorum ist heute nicht viel übrig geblieben. Das Deutsche Institut für Archäologie aus Bonn bemüht sich in Zusammenarbeit mit mongolischen Kollegen, die Spuren der alten Stadt wieder freizulegen. Wo man längere Zeit den Khans-Palast vermutet hatte, steht heute das buddhistische Kloster „Erdene Zuu“. Es gehört mit Sicherheit zu einem der faszinierendsten Orte der Mongolei. Mit viel Aufwand wurde das Kloster restauriert, nachdem es unter dem stalinistischen Terror 1937 fast vollständig zerstört worden war. Stalinismus und Kommunismus sorgten auch in der Mongolei dafür, dass die Religion ein Opfer des Systems wurde. Nach 1990 konnte das Kloster wieder in Betrieb genommen werden und zieht heute viele Menschen an. Der Buddhismus hat im Alltag der Mongolen seinen Platz zurück erobert.

Ulan Bator: Buchmesse zwischen Jurten und Hochhäusern

Pünktlich einen Tag vor Abflug erreichten wir Ulan Bator, die kälteste Hauptstadt der Welt. Die Stadt befindet sich im Umbruch. Es gibt ein sehr hohes Verkehrsaufkommen. Man meint, die ganze Bevölkerung aus dem Hochland ströme plötzlich in die Stadt hinein. Moderne stößt auf Nomadentradition: das Zentrum der Stadt ist von neuen Hochhäusern geprägt, in den Randbezirken reihen sich die Jurten zwischen den Wohnblocks. In der Mongolei gibt es keine deutschsprachigen Gemeinden, aber es gibt Menschen, die Deutsch sprechen. Das Goethe-Institut ist in dieser Hinsicht sehr aktiv und bietet zahlreiche Sprachkurse an.

Michael Heinst, der Leiter des Goethe-Instituts in Ulan Bator, empfahl uns einen Besuch der Buchmesse am zentralen Sukhbataar Platz. Markant ist dort das Parlamentsgebäude. Davor thront der Nationalheld, Dschingis Khan. Das Goethe-Institut betreibt auch einen Bücherstand bei diesem Buchfestival. Der mongolische Präsident Elbegdorj hatte angeordnet, dass jeden Samstag im Monat September dieses Buchfestival stattfindet. Er vertritt die Meinung, die Mongolen müssten mehr Literatur lesen. Unsere Vermutung, dass beim Buchfestival nicht viel los sein werde, sollte sich als völlig falsch herausstellen. Der Andrang an den Bücherständen war riesig, insbesondere der Ansturm auf die englisch- und deutschsprachigen Stände war groß.

Unsere letzte Etappe vor Beginn der Rückreise meisterten wir angenehm per Flug. Wir erreichten die letzte Station unserer „Seidenstraßen-Expedition“. In der chinesischen Hauptstadt, Peking, erwartete uns Ralf Richter, Pfarrer der deutschen evangelischen Auslandsgemeinde. Er war positiv angetan von unserem Besuch. Kaum jemand, der Peking besucht, fragt auch nach der evangelischen Auslandsgemeinde.

In China gibt es zahlreiche Religionen, zu den traditionellen zählt man den Buddhismus, Taoismus und Konfuzianismus, wobei der Konfuzianismus eher einer Philosophie mit ethischen Grundsätzen gleicht. Heute gehört das Christentum (protestantisch und römisch-katholisch) zu den am schnellsten wachsenden Religionen in China. Die Volksrepublik China gewährt Religionsfreiheit. Diese unterscheidet sich stark von unserem europäischen Verständnis der Religionsfreiheit, wo jeder glauben darf, was er möchte. Religionsfreiheit in China bedeutet, dass man das Recht hat, an eine oder sogar auch mehrere der fünf staatlich genehmigten Religionen zu glauben (Buddhismus, Taoismus, Islam, Katholizismus und Protestantismus). Während im westlichen Denken das Christentum sich in vielen Konfessionen entfaltet, sieht die chinesische Wahrnehmung hier diese zwei genannten Religionen. Was also „Religion“ ist, definiert somit der Staat. Die erlaubten Religionen müssen zusätzlich eine sogenannte „Patriotische Vereinigung“ besitzen. Diese patriotischen Vereinigungen der Kirchen, gehen auf die von einem chinesischen Theologen formulierten Drei-Selbst-Prinzipien zurück: Selbsterhaltung, d.h. finanziell selbstständig zu sein und keine ausländische Hilfe annehmen, Selbstverkündung, d.h. das Evangelium durch einheimische Kräfte zu verkünden, Selbstverwaltung, d.h. die Kirche in China selbstständig, ohne ausländischen Einfluss zu verwalten.

Eine Auslandsgemeinde

Die Evangelische Gemeinde in deutscher Sprache in Peking gehört nicht zu dieser „Drei-Selbst-Bewegung“, sondern ist als Auslandsgemeinde der Evangelischen Kirche in Deutschland untergeordnet und genießt zudem auch diplomatischen Schutz. Offiziell dürfen in ihr nur ausländische Staatsbürger Mitglied werden.

Schon im 19. Jahrhundert waren deutsche Missionare in China aktiv. Der erste deutsche Gottesdienst in Peking fand 1882 statt. Der Zuwachs der Deutschen Bevölkerung hatte sich Anfang des 20. Jahrhunderts vervielfacht. 1914 wurde in Peking eine deutsche Schule eröffnet, die schnell aufblühte. Als Mao Zedong 1949 die Volkrepublik China ausrief, nahm alles ein jähes Ende. Alle ausländischen Pfarrer und Missionare mussten das Land verlassen. Gemeinden wurden aufgelöst oder halt in diesen „Drei-Selbst-Bewegungen“ vereinigt.

1984 begann Pfarrer Reinhard Gilster aus Hong Kong Reisen mit seelsorgerlichem Auftrag nach Peking zu unternehmen. Der Wunsch nach einer Wiedergründung der Gemeinde wurde immer größer. 1993 gelang dann schließlich dieser große Schritt und im Haus der Botschaft wurde der erste Gemeindekirchenrat gewählt.

Pfarrer Ralf Richter erzählte uns, dass heute die Zusammenarbeit mit der deutschen katholischen Gemeinde sehr eng ist. Man zieht am gleichen Strang. Die beiden Gemeinden sind nicht nur für Diplomaten und Botschaftsangestellte, sondern auch für zahlreiche deutsche Unternehmer eine Anlaufstelle oder auch ein Stück Heimat. Die Gemeinde erlebt sehr oft Veränderungen, da Menschen aus Peking wegziehen oder neue hinzukommen. Den Kern des Gemeindelebens bilden die wöchentlichen Gottesdienste, die in dem Gebäude der Deutschen Botschaft stattfinden.

Pfarrer Ralf Richter lud im Gottesdienst vor unserer Ankunft die Gemeindeglieder zu einem Gemeinschaftsabend mit unserer Gruppe ein. In der deutschen Botschaftsschule begegneten wir einigen Gemeindegliedern und erzählten ihnen mit Bildvortrag über unsere Heimatkirche in Siebenbürgen und über die vielen Eindrücke, die wir bei den Begegnungen unterwegs gesammelt haben. Sehr interessant waren auch die Gespräche mit Gemeindegliedern.

Wir lernten Bing Wang kennen und haben ihn die nächsten Tage für seine Hilfsbereitschaft sehr geschätzt. Bing studiert in Göttingen und spricht ein hervorragendes Deutsch. Er ist zwar kein Mitglied der Gemeinde, ist in dieser aber sehr aktiv und nimmt gern am Gemeindeleben teil.

Auf unserem Plan stand auch das Kennenlernen von deutschen Unternehmern.

Paul Kasper, ein Gemeindeglied aus unserer Heimatgemeinde in Siebenbürgen, war eine Zeit lang in der Nähe von Peking tätig. Er hat Anlagen für die Stahlindustrie aufgebaut. Von ihm erhielten wir den Kontakt zu Peter Roessner. Er empfing uns in seinem Büro in einem der Wolkenkratzer im wirtschaftlichen Zentrum von Peking. Noch zu DDR-Zeiten kam Peter Roessner nach Peking und war in der DDR-Botschaft tätig. Nach der Deutschen Einheit kehrte Roesner nach Deutschland zurück, aber es zog ihn wieder nach Fernost. Er kehrte zurück nach Peking. Diesmal wurde er in der freien Wirtschaft tätig. Er war als Produktionsmanager in der deutschen Metzgerei „Schindler“ aktiv. Heute ist er Produktionsmanager in der Firma „Faist“. Die Firma stellt u.a. Schallschutz für Ener-gieanlagen und Kraftwerke her.

Roessner erzählte uns, dass der chinesische Markt für deutsche Unternehmer sehr attraktiv sei. Es gibt ausreichend Arbeitskräfte und einen guten Investitionsmarkt mit Perspektiven. Mittlerweile gibt es zahlreiche deutsche Unternehmen in Peking. Beim Stammtisch in einer deutschen Brauerei tauschen diese sich regelmäßig aus.

Wir genossen noch den Ausblick auf die Skyline von Peking. Wir hatten klare Sicht, ein äußerst seltenes Phänomen. All der Smog war plötzlich verschwunden. Der chinesische Nationalfeiertag stand bevor und auf Anordnung waren alle Fabriken abgestellt.

Nach einem Spurt von 17 Kilometern zu Fuß über die chinesische Mauer, das einzige Bauwerk der Menschen, das man vom Mond sehen kann, stellten wir uns auf die lange Rückreise ein. Zunächst aber flogen wir zurück nach Ulan Bator.

(Schluss folgt)

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