Gegen den Strom

Zu Besuch bei evangelischen Glaubensgeschwistern entlang der Seidenstraße (VI)

Freitag, 15. Dezember 2017

Wandern im Stolby-Nationalpark
Foto: der Verfasser

Wir ließen die verbotene Stadt, den Platz des himmlischen Friedens, die chinesische Mauer und Pekings Wolkenkratzer hinter uns und traten den langen Heimweg an. In Ulan Bator hatten wir unseren VW-Bus stehen gelassen. Wir mussten bei den mongolischen Zollbehörden schriftlich die spätere Abholung garantieren, sonst hätten wir nicht nach China ausreisen dürfen.

Sibirischer Buddhismus

Wir erreichten erneut die Russische Föderation und durchquerten Burjatien in Richtung Baikalsee. Die Burjaten machen gerade einmal ein Drittel der Bevölkerung aus. Viele bekennen sich zum Buddhismus, doch auch der Schamanismus spielt eine große Rolle im Glaubensleben der Burjaten.

Ganz in der Nähe der Hauptstadt Ulan Ude befindet sich eines der größten buddhistischen Klöster Russlands: Iwolginski Dazan. Im Jahr 2002 wurde die Leiche eines Hambo-Lamas hierhin überführt. Die Legende besagt, dass sich der Mönch in einen meditativen Zustand versetzte, in welchem er  1927 verstarb. Der einbalsamierte Leichnam befindet sich auch heute noch in dieser meditativen Stellung und ist in einer Vitrine in einem Tempel der Klosteranlage untergebracht. Nur buddhistischen Pilgern ist es erlaubt diesen Raum zu betreten. Dem wachhabenden Mönch erzählten wir, wir seien ebenfalls eine Art Pilger zu Glaubensgeschwistern entlang der Seidenstraße. Tatsächlich machte er eine Ausnahme und wir durften das Heiligtum betreten, um zu meditieren. Zum Schluss drehten wir noch einmal alle Gebetsmühlen. Das Drehen der Gebetsmühlen dient nach buddhistischer Auffassung dazu, gutes Karma anzuhäufen.

Im 16. Jahrhundert unterwarf der Kosake Jermak im Auftrag des Zaren Iwan des Schrecklichen (1547-1587) das wilde Sibirien. Als Sibirien bezeichnet man den Teil der russischen Föderation, der vom Ural bis zum Pazifischen Ozean reicht. Im Norden grenzt das Land an den Arktischen Ozean und im Süden an die Mongolei und an China. Schon bald ließ der Zar Iwan Strafkolonien in Sibirien einrichten. Menschen aus eroberten Gebieten wurden hierher verfrachtet. So kamen schon im 16. Jahrhundert Lutheraner aus dem Baltikum nach Sibirien. Erste Forschungsexpeditionen wurden von Peter dem Großen (1696–1725) initiiert und von seinen Nachfolgern gefördert. So führte der Däne Vitus Bering eine Expedition nach Kamtschatka. 1829 reiste auch Alexander von Humboldt durch Sibirien. Später waren es Gouverneure in den jungen sibirischen Städten, die im 19. Jahrhundert deutsche Siedler aus dem europäischem Russland motivierten, in dieses Land zu ziehen, das so groß ist wie ein Kontinent und einen Reichtum hat, der weltweit einmalig ist. Ein Land der Extreme.

Die Deportationen der stalinistischen Zeit brachten Deutschstämmige in diese Gebiete, deren Leben geprägt war durch Zwangsarbeit und Erniedrigung und durch die fast vollständige Zerschlagung ihres christlichen Lebens. Nach dem Ende der Sowjetunion lebte auch in Sibirien das evangelische Gemeindeleben wieder auf. 1992 wurde die Evangelisch-Lutherische Kirche im Ural, Sibirien und Ferner Osten (ELKUSFO) gegründet. Sie ist flächenmäßig die größte lutherische Kirche der Welt. Der Bischofssitz befindet sich in Omsk. Die entferntesten Gemeinden sind in Wladiwostok, Magadan und auf der Insel Sachalin.

Erntedankfest am Baikalsee

Wir erreichten den Baikalsee, den tiefsten und ältesten See der Welt. Nicht weit vom Baikalsee feierten wir am 1. Oktober das Erntedankfest zusammen mit Pastor Thomas Graf Grote und der kleinen evangelischen Gemeinde. Diese entstand 2000 mit jungen Erwachsenen und Jugendlichen aus der Pfadfinderarbeit in einer Kleinstadt etwa 20 Kilometer von Irkutsk entfernt. Heute sind diese jungen Leute erwachsen. Sie bilden den Kern der Gemeinde.

In seiner Predigt dankte Thomas Graf Grote für all das, was er im vergangenen Jahr erleben durfte. Uns, die wir der russischen Sprache nicht besonders mächtig waren, zeigte er zeitgleich Bilder. Anschließend an den Gottesdienst gab es noch eine gemeinsame Mittagsjause mit den Glaubensgeschwistern.

Thomas Graf Grote war als Forstunternehmer nach Irkutsk gekommen, um Holz nach Deutschland zu exportieren. Im fernen Sibirien entdeckte er seine Berufung zum Pastor und dient nun seit Jahren der Gemeinde in Irkutsk. Die Gemeinde von Schelechow bemüht sich vor allem um Projekte im sozialen Bereich. Z.B. leben Kinder mit Down-Syndrom in Russland in Isolation, denn viele Eltern schämen sich für diese Kinder. Die Gemeinde in Schelechow setzt hier Zeichen. Sie bieten Unterricht und Beschäftigung für diese Kinder mit Beeinträchtigungen an. Es wird der Öffentlichkeit bewusst gemacht, dass auch diese Kinder eine Würde haben und Respekt verdienen. Kindern aus ärmeren Familien werden Nachhilfestunden angeboten. Gemeinsam mit Pfarrer Grote besichtigten wir dieses Projekt, bevor wir uns verabschiedeten.

Die Hauptverkehrsroute bis ins europäische Russland liegt in Südsibirien. Entlang dieser Route gibt es die größten Städte Sibiriens: Krasnojarsk, Novosibirsk, Omsk, Tscheljabinsk u.a. In all diesen Städten gibt es heute kleine evangelische Gemeinden. Wir besuchten die meisten davon. Wir begegneten Menschen, feierten Andachten und Gottesdienste oder unternahmen etwas mit ihnen. All diese warmherzigen Begegnungen vermittelten uns ein angenehmes Gefühl. Die Menschen freuten sich über unseren Besuch als Zeichen der Solidarität im Jahr der Reformation. Auch hier im fernen Osten wollen sie nicht in Vergessenheit geraten.

In Krasnojarsk, der Geburtsstadt von Helene Fischer, trafen wir Pastor Piwowarow Gleb. Der junge Pastor hat das Studium im theologischen Seminar von Nowosaratowka bei Sankt Petersburg abgeschlossen und bemüht sich nun um den Gemeindeaufbau. So gibt es Pläne, das aktuelle Bethaus zu einer Kirche auszubauen. Bei Gleb fiel uns die evangelikale Art auf, die uns sonst nur aus der Freikirche bekannt ist und uns aus Siebenbürgen ungewohnt ist. Gleb bemüht sich, Leute für die Gemeinde anzuwerben: er verteilt Faltblätter in der Universität mit Evangelisationsangeboten, es werden junge Leute zu Sportaktivitäten eingeladen, mit einer Gruppe trifft er sich regelmäßig in einem Café in der Innenstadt zu Bibelgesprächen. Mit jungen Erwachsenen aus der Gemeinde trafen auch wir uns, um einen gemeinsamen Abend zu verbringen.

In Novosibirsk lernten wir das Gegenteil davon kennen. Hier ist die Gemeinde konservativer. Das Gemeindeleben findet noch in deutscher Sprache statt. Im Bethaus trafen wir uns mit einigen Damen aus der Gemeinde und hielten eine Andacht. Wir erfuhren die Schicksale dieser Frauen, die alle noch Deutsch sprachen. Beeindruckt hat uns die Geschichte von Maria: ihre Eltern wurden von der Wolga nach Norilsk am Polarkreis verbannt. Im Nickelkombinat sollten sie arbeiten. Norilsk ist die nördlichste Großstadt der Welt und dahin kann man nur über den „Schicksalsfluss“ Jenissei gelangen. Der Sommer dauert dort gerademal zwei Wochen. Für kurze Zeit kann es bis zu zwanzig Grad warm werden. Erst als Rentnerin entschied sich Maria in den wärmeren Süden von Sibirien zu ziehen. Ihre Kinder leben auch heute noch in Norilsk.

Bischofsitz in Omsk und Schwester Luise

Wir erreichten den Bischofssitz in Omsk. 1994 wurde hier das Christuskirchenzentrum eingeweiht. Das  mit einem Architektenpreis gekrönte Backstein-Bauwerk gehört zu den ersten Kirchenneubauten in Russland seit der Oktoberrevolution. Die evangelische Landeskirche in Hannover ist die Partnerkirche der ELKUSFO. Sie unterstützt den Unterhalt dieses Zentrums, das mit deutschen Geldern erbaut wurde. Im September 2016 erlag der amtierende Bischof Otto Schaude einer Krebserkrankung. Die Synode vom Oktober 2016 wählte Alexander Scheiermann zum Bischof. Im April wurde er in sein Amt eingeführt. Vorher diente er als Pastor in Saratow an der Wolga. Er gehört zu den Rückkehrern aus Deutschland.

Pfarrer Eugen Filippow lud zur Bibelstunde ein. Wir erzählten den Teilnehmern über unsere Heimat und von unseren Erlebnissen. Es war wohl eine der längsten Bibelstunden, meinte der Pfarrer anschließend zu uns.

Schwester Luise kommt jedes Jahr aus Deutschland über die Wintermonate nach Omsk. Sie besucht von hier aus Menschen in entfernten Gemeinden, um mit ihnen Bibelstunden und Gottesdienste zu feiern. Dafür eignet sich der Winter am besten. Dann sind die sumpfigen Straßen zugefroren und ein Durchkommen ist möglich. Auch wir besuchten mit Schwester Luise sibirische Dorfgemeinden, wo heute noch Deutsche leben. Südlich vom Omsk liegt der „Deutsche Nationalrayon Asowo“. Ab 1893 gründeten russlanddeutsche Umsiedler aus dem europäischen Teil des russischen Kaiserreichs  in dieser Gegend mehrere Dörfer, in denen die deutsche Sprache und Kultur bis in die 1990er Jahre weitergegeben wurde und dadurch erhalten geblieben ist. Bis dahin bildete die deutsche Bevölkerung in den meisten Dörfern die Bevölkerungsmehrheit. Heute sind es etwa noch 4500, denn viele sind ausgewandert. Wir besuchten mit Schwester Luise jüngere und ältere Gemeindeglieder. Für uns war es ein uriges Gefühl, mitten in Sibirien einen hessischen Dialekt zu hören. Die Leute freuten sich sehr über unseren Besuch und immer wieder betonten sie, dass der liebe Gott sie durch die schweren Zeiten hindurch begleitet hat. Dafür dankten wir ihm in gemeinsamen Gebeten.

Mit der heranwachsenden Generation der Gemeinde erkundeten wir das Abendleben der Stadt Omsk. Am nächsten Tag fanden wir uns zum deutschsprachigen Gottesdienst um 10 Uhr ein, ein weiterer russischsprachiger Gottesdienst wird um 14 Uhr gehalten. Damit nimmt man einerseits Rücksicht auf die deutsche Vergangenheit und die Traditionen der Gemeinde, anderseits eröffnet es auch denjenigen den Zugang zur Gemeinde, die nicht in der Sprache beheimatet sind, sondern im evangelischen Glauben eine Heimat gefunden haben. Ich durfte die Predigt im Gottesdienst halten. Die Gemeinde blickt auf eine Brüdertradition zurück, also wurde das Abendmahl von einem der Brüder eingeleitet. Als in den schweren Zeiten der Verfolgung das kirchliche Leben verboten war, waren es gläubige und mutige Brüder, die die Verantwortung übernahmen und im Verborgenen ihre Gottesdienste hielten. Bischof Scheiermann, der die Tage immer wieder gerne Zeit mit uns verbrachte, lud uns vor Abreise zu sich ein. Seine warmherzige Art hat dazu beigetragen, dass wir uns in Omsk sehr wohlgefühlt haben.

Wir überquerten den Ural. Über Kasan, der Hauptstadt von Tatarstan, ging es nach Moskau.

Wieder zu Hause

Kurz nach unserem Besuch in Moskau stand dort ein wichtiges Ereignis an: der Besuch des deutschen Bundespräsidenten Frank Walter Steinmeier. Fast acht Jahrzehnte nach der Enteignung durch Josef Stalin hat der russische Staat die Moskauer Kathedrale St. Peter und Paul an die evangelisch-lutherische Kirche Russlands zurückgegeben. Nun erwartete man den deutschen Staatspräsidenten zu feierlichen Zeremonien in dem Gotteshaus.

In Moskau trafen wir auch Bischof Dietrich Brauer, geistlicher Führer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland, der Ukraine, in Kasachstan und Zentralasien, ebenso wie den Wolkendorfer Adolf Becker, der unsere Reise durch Russland organisatorisch tatkräftig unterstützt hatte. Gemeinsam warfen wir noch einen Blick auf das „Abtsdorfer“ Taufbecken, das 2012 in die Paulskirche in Moskau kam.

Von der russischen Hauptstadt aus trennten uns nur noch zwei Reisetage von zuhause. Das große „Reformationsabenteuer“ näherte sich seinem Ende. Jeder der jungen Mitreisenden hat einen Koffer voller Erlebnisse mitgebracht. Dankbar erinnern wir uns an all die Menschen in den Gemeinden mit denen wir Zeit verbringen durften.

Wir ließen die Bilder der atemberaubenden Landschaften, der alten Kulturen und Städte der Seidenstraße noch einmal Revue passieren. Mit den so weit entfernten Glaubensgeschwistern Reformation zu feiern, war das Besondere und das Außergewöhnliche, was diese Expedition ausmachte.

Ganz herzlich bedanken wir uns bei allen, die zu dem Erfolg dieses Projektes beigetragen haben und nie an seinem Sinn gezweifelt haben. Wir danken insbesondere unserer Kirchenleitung und unseren Förderern: dem Martin-Luther- Bund, dem Gustav-Adolf-Werk, dem Bayrischen Staatsministerium für Arbeit und Soziales und Familie über das Haus des Deutschen Ostens, der Österreichi-schen Landsmannschaft, der Kärntner Landlerhilfe und dem Hilfskomitee der Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben. Durch deren freundliche Unterstützung wurde dieses Projekt erst möglich.

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