„ … gegen Rekordwesen und den Gipfelwahnsinn …“

Meisterwerke der frühen siebenbürgischen Fotografie in Hermannstadt

Freitag, 24. Oktober 2014

Landschaft mit der Burg Rosenau. Bildbeilage zum Jahrbuch des SKV, VI. Jg. (1886), nach einer Fotografie von Leopold Adler. Brukenthalmuseum, Sammlung für Dokumentargrafik

Hermannstadt - Heute, um 16 Uhr, findet, wie die ADZ bereits ankündigte, in der Galerie für Zeitgenössische Kunst des Brukenthalmuseums die Vernissage der Ausstellung „Soft Tourism“ statt, ein Gemeinschaftsprojekt der Evangelischen Kirchengemeinde A.B. Hermannstadt, des Brukenthalmuseums und des Umweltamts Hermannstadt.  Dem 1880 gegründeten „Siebenbürgischen Karpathen-Verein“ galt das Fotografieren als Schlüssel zur Entdeckung des Naturgefühls. In diesem Sinne kürt das Jahrbuch des Vereins von 1922 die Fotografie ausdrücklich zu dem, was der Verein bereits seit seiner Gründung selbst sein wollte, zu einem „Erziehungsmittel für die Jugend“: „Durch Zusammenfassung der jungen Amateurphotographen zu gemeinsamer Arbeit soll ein lang gehegter Plan endlich verwirklicht werden. Herr Photograph Seppi Fischer hat sich bereit erklärt, 6-8 Jungens und auch Mädel auf gemeinsamen Ausflügen in die Geheimnisse und die Kunst der Landschaftsphotographie einzuführen. Die Wanderungen mit dem photographischen Apparat sollen zunächst den betreffenden selbst und dann auch ihren Kameraden die Augen öffnen und schärfen für die Schönheiten unserer heimischen Landschaften und sollen damit ein recht wirkungsvolles Gegengewicht gegen das in der Touristik so widerliche Rekordwesen und den Gipfelwahnsinn schaffen.“ (SKV-Jahrbuch 1923, S. 47).
In diesem Absatz ist uns ein inniges Selbstbekenntnis des SKV erhalten.

Tatsächlich griff der SKV – jenseits der zahllosen Dokumentaraufnahmen von Schutzhütten und Kurstationen – auf anspruchsvolle Fotografien zurück, um den Reiselustigen durch das Kunstfoto zum Karpatensturm – genauer gesagt: zur friedfertig-naturnahen Erholungsreise – zu reizen. Extreme wie den unter vorgehaltener Hand erwähnten, offenbar erheblichen Alkoholkonsum der Wandergäste auf den Schutzhütten, das Vandalisieren der Natur oder den zitierten „Gipfelwahnsinn“ kritisierte der SKV unerschrocken – auch über das Medium des Bildes. Wie die ideale Symbiose von Mensch und Natur aussah, wurde den Reiselustigen vor allem mittels Fotografien vermittelt, denen die auf Harmonie ausgelegten Kompositionsprinzipien der Kunstakademien – etwa Tiefenstaffelung und Staffagefiguren – zugrunde lagen. Als der SKV sich einen eigenen „photographischen Vereins-Apparat“ anschaffte, wurden den Mitgliedern die Leihgebühren nur für den Fall erlassen, dass sie keine anderen als „landschaftliche Aufnahmen“ vornähmen: Die Mitglieder machten sich nun ihre eigenen Bilder.
In der Ausstellung lässt sich beobachten, wie die frühen Fotografen Siebenbürgens das Erbe der Maler antraten, und wie dieses faszinierende Erbe schließlich durch den SKV werbeträchtig zur Förderung eines nachhaltigen Tourismus, eines „soft tourism“, eingesetzt wurde.
Die Ausstellung „Soft Tourism. Die Liebe zur pittoresken Landschaft in der frühen siebenbürgischen Fotografie“ in der Galerie für Zeitgenössische Kunst des Brukenthalmuseums (Quergasse/Str. Tribunei Nr. 6) bleibt bis zum 30. November 2014 geöffnet.

Frank-Thomas Ziegler

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