Geheimdienstgeneral als Treibstoffschmuggler

Enthüllungen im Prozessnachspiel des Reschitzaer Schmiergelddoktors

Donnerstag, 10. März 2016

Luminiţa Telbis, pensionierte Richterin am Amtsgericht Reschitza und Frau des zu drei Jahren Freiheitsentzug verurteilten ehemaligen Chefarztes der Rentenkasse von Reschitza, Dr. Sebastian Telbis, der der vielfachen Schmiergeldannahme überführt wurde, versucht in einem Nachfolgeprozess, das Vermögen der Familie, das auf eine Million Euro geschätzt wurde, zu retten. Gut drei Viertel des Vermögens sind von der Staatsanwaltschaft mit Beschlag belegt worden und sollen eingezogen werden. Ex-Richterin Telbis versucht im gegenwärtigen Prozess in Reschitza nachzuweisen, dass das umfangreiche Vermögen der Familie (das „umfangreich“ ist im Wortsinn zu verstehen: es besteht aus Immobilien, Baugrundstücken, Häusern und Garagen in Reschitza und Temeswar, aus Fahrzeugen und zahnärztlichen Ordinationen, die den Hauptteil des Vermögens ausmachen, das stark gestreut ist) nicht vom Schmiergeld des Doktors sondern von dessen anderen „Geschäften“ herkommt, unter anderen von der „Beschäftigung mit dem Embargo“.

„Sich mit dem Embargo beschäftigen“

Die in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre, während des Sezessionskriegs im ehemaligen Jugoslawien, durchaus übliche Bezeichnung des Treibstoffschmuggels („Ich beschäftige mich mit dem Embargo“ oder „Ich mache Embargo“ gehörte zum Alltagsrumänisch) war entlang der Banater Grenze zum heutigen Serbien durchaus etwas Alltägliches. Durch Übertretung des Nato-Embargos war eine Massenbewegung entstanden, bei der auch der Staat, angeblich mit dem Segen des seinerzeitigen Präsidenten Ion Iliescu, höchstwahrscheinlich mitverdiente. Die nachträglich angelegten Strafdossiers „Solventul“ und „Jimbolia“, in denen auch der damalige Präsident Ion Iliescu auffallend oft vorkommt, sind aber inzwischen unter nicht vollständig geklärten Umständen geschlossen und als „geheim“ klassifiziert worden.

Als in Reschitza ein neuer Termin im Rettungsprozess des Telbis-Vermögens angesetzt war, wurde ein gewisser Sebastian Telbis als Zeuge vorgeladen, der gleichnamige Cousin des verurteilten Schmiergeldarztes, der als pensionierter Polizeioffizier des Innenministeriums, wie Telbis gebürtig aus Altbeschenowa/Dudeştii Vechi bei Großsanktnikolaus, in Temeswar lebt. Dieser griff eine zu dessen Verteidigung im Prozess vorgebrachte Bemerkung von Dr. Telbis auf, dass dieser nämlich sein Geld im kleinen Grenzverkehr mit Jugoslawien verdient habe. Cousin Telbis sagte nun unter Eid vor Gericht aus, dass sein Vetter in den 1990er Jahren kein gewöhnlicher Jugoslawien-Schmuggler mit 20-Liter-Kanistern gewesen sei, sondern dass dieser waggonweise Treibstoff ins Nachbarland „geliefert“ hätte, was er mit Zeitungsbeiträgen belegte, in denen das damalige Vorgehen beschrieben wurde und wo auch Dr. Sebastian Telbis erwähnt wird. Und auch der Verdacht auf das tatkräftige Mitmischen bei dieser Art Schmuggel des ehemaligen Vizepremiers und späteren Geheimdienstgenerals und Chefs des Auslandsgeheimdienstes Ioan Talpeş, der auch Präsidenten-Chefberater unter Ion Iliescu und später Botschafter in Bulgarien war, mit dem sein Vetter auch in Verbindung geblieben sei, als dieser in Auslandsmission nach Sofia geschickt wurde.

Der Schmiergeldarzt als diplomatischer Kurier

Darüber führte der Polizeioffizier a. D. Sebastian Telbis vor dem Reschitzaer Gericht als ursächlich zusammenhängend eine Episode an, während welcher sich Dr. Telbis anlässlich einer seiner Reisen nach Sofia bei der Grenzkontrolle weigerte, einen Koffer zur Einsicht durch die Zöllner zu öffnen, mit der Bemerkung, im Falle des Koffers handle es sich um Post der rumänischen Botschaft in Sofia, sie sei also von Zollformalitäten ausgeschlossen. Der Zeuge ließ offen, ob die Post für den damaligen Botschafter Talpeş bestimmt war oder vielleicht nur Persönliches seines Vetters enthielt, deutete aber an, dass es sich um eine „Geschäftsbeziehung“ seines Cousins mit dem Geheimdienstgeneral gehandelt hat, die fortdauerte. Was im Koffer des „Kuriers“ gewesen sei, gab er vor, nicht zu wissen.

Dass es aber einen ursächlichen Zusammenhang gäbe zwischen den „Kurierdiensten“ seines Cousins zur Botschaft in Sofia und dem Treibstoffschmuggel, den er und der Geheimdienstgeneral betrieben haben sollen, daran ließ der pensionierte Polizeioffizier vor Gericht und unter Eid kaum Zweifel. Hingegen sagte er dem nachfragenden Richter: „Ich habe meinem Cousin auch jetzt, seit er im Gefängnis einsitzt, mitgeteilt, dass er gut beraten wäre, Einsicht in das Dossier „Jimbolia“ zu verlangen und die dortigen Erkenntnisse auch dem Gericht mitzuteilen, denn dadurch würde er die Beschuldigungen wegen Schmiergeld und Geldwäsche los sein. In flagranti erwischt und Gesprächsaufzeichnungen hin oder her! Leider bleibt aber mein Cousin in dieser Sache bei seiner wie auch bisher zögerlichen Haltung.“

Durch Treibstoffschmuggel zu Reichtum?

Die implizite Schuldzuweisung an Talpeş, sein Händchen mit im Spiel gehabt zu haben während der Übertretung des Nato-Treibstoffembargos gegen Jugoslawien, wird übrigens nicht zum ersten Mal vorgebracht. In einem anderen Prozess sagte der Karansebescher Geschäftsmann Gheorghe Cosma ebenfalls unter Eid aus, dass Ioan Talpeş zu jener Gruppe hochgestellter Persönlichkeiten gehört habe, die mittels Treibstoffschmuggel nach Jugoslawien reich geworden seien. Ein Bruder von Talpeş, so der Karansebescher Geschäftsmann, habe unter dem Schutzmantel des Geheimdienstgenerals von Konstanza aus Treibstoffschmuggel per Schiff betrieben, aber Talpeş selber sei jenen prallvollen Waggonladungen Treibstoff nicht fremd gewesen, die im Morgengrauen bei Hatzfeld/Jimbolia die Grenze nach Jugoslawien passierten. An dieser Stelle sei daran erinnert, dass der General a.D. Ioan Talpeş sein beträchtliches Vermögen, das er in landwirtschaftlichen Grundstücken angelegt hat (ADZ berichtete über die Enthüllungen des kürzlich aus der PSD ausgetretenen Ex-Fiskuschefs Nicolae Ştefănescu), für welche der beträchtliche Summen EU-Subventionen über die Zahlstelle APIA kassiert, damit rechtfertigt, dass er es auf Grund einer Bankanleihe zusammengekauft hat, die er nun in Raten abzahlt.

Kommentare zu diesem Artikel

Manfred, 10.03 2016, 10:57
Tourist-an der Donaugrenze sind damals viele Schmuggler reich geworden,das hat mit Unternehmertun nichts zu tun.
Tourist, 10.03 2016, 07:56
mir kommt vor, heute wird jeder mit einer Schmutzkübelkampagne überzogen, der irgendwie unternehmerisch tätig ist. Rumänien war damals nicht in der NATO, mit Serbien war man traditionell gut befreundet und es war quasi gesellschaftlicher Konsens sich nicht ganz an die "Befehle" aus den USA zu halten. War halt so. Und wer legal Grundstücke besitzt hat selbstverständlich das Recht dafür EU-Subventionen zu kassieren. Diese sind ja kein Geschenk an den Landwirt, sondern eine Kompensationszahlung um die Lebensmittelpreise für zahlungsschwache Konsumenten künstlich unter dem Marktpreis zu halten. Man kann jetzt zur neuen Großgrundbesitzerklasse stehen wie man will, aber wenigsten wird der Boden wieder bebaut, nachdem er über ein Jahrzehnt praktisch brach gelegen ist. Die Donau ist völkerrechtlich übrigens internationales Gewässer. Das wollten die Siegermächte nach 1918 so. Schiffe auf der Donau dürfen nur von den Behörden der Anrainerstaaten kontrolliert werden, wenn sie in einem Hafen anlegen. Fährt ein Schiff etwa von der Ukraine über die Donau nach Serbien, kann Rumänien zollrechtlich gar nichts machen.

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