Gehirnübungen beruhigen

Beruhigungs-Apps werden von Millionen Menschen benutzt

Freitag, 27. April 2018

Natur bietet wohl die beste Beruhigung.
Foto: Nerivill

In der hektischen Welt, in der wir leben, in der man rund um die Uhr verfügbar ist, wo Stress, Depression, Besorgnis, Konzentrationsprobleme, Ineffizienz immer präsenter sind, scheint ein Moment der Ruhe für viele ein Zeitverlust. Man will ständig aktiv sein, um das Gefühl zu haben, etwas erreicht zu haben, produktiv zu sein. Zahlreiche Beruhigungs-Apps können zu einigen Minuten Ausschalten verhelfen und zu einer neuen, gelassenen Herangehensweise zur Steuerung der Gefühle und Gedanken. Dabei sind Achtsamkeitsübungen für zahlreiche Situationen zu finden, die helfen sollen, die Angst, Wut oder Verzweiflung zu lindern, das Einschlafen zu erleichtern oder die Beziehung zu sich selbst oder anderen zu verbessern. Es kann allerdings schwerer sein, 10 Minuten am Tag für sich selbst zu finden.

Das Telefon klingelt, gerade ist eine neue Mail eingegangen, der Kollege erklärt währenddessen etwas, gleich beginnt eine Sitzung, der Kaffee ist noch nicht ausgetrunken und richtig ausgedehnt hat man sich auch noch nicht. Dabei fliegen die Gedanken zu der Aufgabenliste des Tages und wer weiß wohin noch. Wie eine Zentrifuge scheint der Alltag zu sein, in der man hin und her geschleudert wird, beziehungsweise sich schleudern lässt oder selber schleudert. So lange, bis es knallt. Übermüdung, Stress, Lustlosigkeit, Kopfschmerzen oder Schlaflosigkeit sind wohl unter den häufigsten Effekten des modernen Lebens. Oft weiß man nicht, wie man damit umgehen soll, lässt sich überwältigen, sucht nach Lösungen wie Yoga, Sport, Kirche, mancher greift zur Flasche...

Doch eben das Handy, das dieses Chaos steigert und für Überforderung und Zerstreutheit sorgt, soll auch die notwendige innere Ruhe bringen. In den letzten Jahren sind Hunderte von Gefühlssteuerungs-Apps aufgetaucht, von denen sich „Headspace“ und „Calm“ hervorheben. Diese bieten Meditationsanleitungen, die für jedermann, der Englisch kann und Smartphone hat, zugänglich sind. Die Anleitung ist leicht und anschaulich gemacht und in allen erwünschten Längen, sodass von zwei Minuten bis zu stundenlangen Übungen alles zur Verfügung steht. Dabei braucht man außer seinem Telefon und eventuell den Kopfhörern nichts, man kann überall meditieren, in der U-bahn, im Park, im Büro oder beim Spaziergang. Die Übungen sind he-runterladbar, sodass auch offline meditiert werden kann.

Erkenntnis und Mitgefühl üben

Vögelchen zwitschern, ein Bach rauscht, eine beruhigende Stimme lädt zum tiefen Ein- und Ausatmen ein. Gelassen soll man beobachten, wie die Luft in den Körper hinein-, wie sie herausgeht. Entspannung ist angesagt. Nur wenige Minuten Meditation am Tag sollen tatsächlich helfen, in der hektischen Welt, in der wir leben, innere Ruhe zu erlangen. Die seit einigen Jahren sehr beliebten Beruhigungs-Apps sind auf Millionen von Smartphones und Androiden heruntergeladen und helfen den Benutzern weltweit. Sie sind überall zugänglich, wo man das Handy mithat, sodass man in der U-bahn, im Park, im Büro oder beim Spaziergang meditieren kann.

Jeder findet die richtigen Übungen für sich selbst, zumal das Angebot extrem breit ist: von Stress, Angstgefühl, Beruhigung, Gesundheit, über Kreativität, Fokus und Glück, bis hin zu Selbstwertgefühl. Die Hauptidee ist es, sein Gehirn zu trainieren, und zwar so lange, bis man selber bestimmen kann, wann und was es denkt oder nicht denkt. Fortgeschrittene werden durch Gong-Töne begleitet, nicht etwa durch Reden.

Sogar für Kinder wurden altersgemäße Meditationen entwickelt, die von Minderjährigen ab drei Jahren benutzt werden können. Und fürs Schlafengehen sind für Klein und Groß Geschichten zu hören bei manchen Apps.

Die App „Stop, Breathe & Think“ bietet eine etwas andere Führung, und zwar personalisiert auf die eigenen Bedürfnisse. Nachdem man einige Fragen bezüglich des mentalen, körperlichen und emotionalen Befindens beantwortet hat, empfiehlt das Programm die passende Meditation.

Die meisten Apps sind auf Englisch eingesprochen, aber gut verständlich. Das Design, die Stimme und der Inhalt machen den Unterschied. Und die Kosten. Denn die marktführenden Apps sind, nach einer Probezeit, kostenpflichtig und betragen rund 40 Euro im Jahr.

Meditation ist nicht, was es scheint...

Dabei ist Meditieren nicht das, was man sich darunter vorstellen könnte: im Türkensitz, mit geschlossenen Augen „OM“ vor sich hinmurmeln, während im Hintergrund Räucherkerzen abbrennen. Es ist nichts Esoterisches. Was Millionen von Menschen anhand dieser Apps täglich üben ist, sich der eigenen Gefühle und Gedanken bewusst zu werden und diese distanziert wahrzunehmen, ohne zu urteilen, ohne sich hineinzusteigern und sich davon überwältigen zu lassen. Sie sind vorübergehend und sollen wie Wolken davonziehen, sagt die leitende Stimme. Auf diese Weise könne man sich von ihnen befreien. Die Aufmerksamkeit wird auf das Hier und Jetzt gelenkt. Die Kunst, sich der Gegenwart zu widmen, ohne sich von vergangenen Ereignissen oder Gedanken an die Zukunft mitnehmen zu lassen, soll erlernt werden.

Übung wird zur Gewohnheit

Wenn das kostenlose Testen der Apps vom Interesse angeregt und hin und wieder ausprobiert wird, so wird das richtige Üben des Gehirns Tag für Tag sehr schwer. Es verlangt viel Selbstdisziplin, Wille, Konzentration. Unter den Tipps einer App wird empfohlen, die Meditation an andere Gewohnheiten zu „binden“, wie das Zähneputzen oder Duschen. Durch einen „Reminder“ der App, der regelmäßig zum Meditieren einlädt, soll den Nut-zern unter die Arme gegriffen werden. Sich die 10 Minuten zu nehmen und abzuschalten, scheint schwierig zu sein, soll aber, auf die Dauer, positive Folgen haben, besagen Studien zur Wirkung von Online-Achtsamkeitsübungen, die zwar kleine, aber „signifikante“ Verbesserungen in den Bereichen Depression, Angst, Wohlbefinden und Achtsamkeit festgestellt haben.

Ständige Ermutigungen

Obwohl die Meditationen von zwei Minuten bis zu mehreren Stunden dauern können, fällt es, besonders am Anfang, schwer, sich ausschließlich auf die Meditation zu konzentrieren. Die Gedanken fliegen davon, Jucken, Geräusche oder andere Faktoren stören. Das sei alles selbstverständlich und in Ordnung, versichert die beruhigende Stimme im Telefon. Es sei schwer, den Fokus so lange zu halten. Das regelmäßige Üben sei die Lösung. Wichtig sei es, sich dessen bewusst zu werden und die Aufmerksamkeit erneut auf die Atemzüge zu lenken. Immer wieder versichert die Stimme, dass nichts falsch sein kann von dem, was man fühlt, denkt oder tut während der Meditation. Wichtig ist dabei, die positive Stimmung zu halten. Besonders für Anfänger ist das wichtig.

Für Fortgeschrittene werden gonggeleitete Meditationen angeboten, die über mehrere Stunden gehen können.

Dass sogar die Ruhe zum Produkt geworden ist und Millionen von Menschen in einer App Hilfe suchen, um den Weg zu sich selbst und der Freude des Lebens zu finden, wurde schon diskutiert und mit Recht. Schade finde ich, dass diese „Hilfestellung“ von einem der größten Stressfaktoren kommt, dem digitalen Medium, und dass sie überhaupt nötig ist.

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