Geldgetriebenes Geschäft mit Wirkung wie ein Kriegstrauma

Die Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen steigt

Montag, 24. April 2017

Weitere Informationen zu den Kampagnen und Berichten der ANITP sind unter http://www.anitp.mai.gov.ro/ abrufbar.

Die Karte der Prostitution in Europa. Grün: Prostitution ist legal und gesetzlich reglementiert. Blau: Prostitution ist legal, aber Bordelle sind illegal; Prostitution ist nicht reglementiert. Gelb: Für Sex zu bezahlen ist illegal; der Kunde begeht ein Verbrechen, die Prostituierte nicht, Rot: Prostitution ist nicht legal.
Fotos: Wikimedia Commons, ANITP

In einem Interview erklärt eine Frau, wie sie in der Branche gelandet ist. Zu sehen ist nur die dunkle Silhouette einer weiblichen Figur, dabei geht es um ein Video der Nationalen Behörde gegen Menschenhandel (ANITP). Das Opfer, das anonym bleiben muss, suchte eine Arbeitsstelle, als es auf der Straße einem fremden Mann begegnete. Der Frau wurde versprochen, dass sie einen Job mit Arbeitsvertrag bekommen würde. Sie hat zugestimmt – und schon am nächsten Tag war sie mit anderen Frauen zusammen unterwegs. Geahnt hatte sie am Anfang nichts: „Am ersten Tag war alles gut, wir haben gegessen, Saft getrunken und ferngesehen und dann sind wir ins Bett gegangen“, erinnert sich die traumatisierte Frau. Als sie später fragte, in wie vielen Schichten man arbeiten müsse, bekam sie zur Antwort, kurz und bündig: „Das geht dich nichts an“!

Als sie entdeckte, dass sie in der Prostitution gelandet war, versuchte sie zu fliehen. Sie wurde geschlagen, so wie andere Frauen, die sich dagegen wehren wollten. Die Erfahrung war für sie so schrecklich, dass sie nur eine einzige Lösung im Kopf hatte – Selbstmord. Irgendwann jedoch gelang es ihr zu entkommen und um Hilfe zu bitten. „Ich hatte Angst - sogar vor den Menschen, mit denen ich zurück nach Rumänien gekommen bin“, sagt die Frau, die lange Zeit nach diesem Erlebnis nicht mehr schlafen konnte.

„Leichtere“ Methoden, Geld zu verdienen

„Die Idee hat mich begeistert“, meint eine andere Frau. Sie ist schwarzhaarig und wirkt eher unruhig bei dem Interview für einen rumänischen Fernsehsender. Die Frau (40) erzählt im Gefängnis, wie sie ein Vermögen von zwei Millionen Euro in 17 Jahren gemacht hat. Nach ihren Angaben hat sie als Zuhälterin mit einem Netzwerk von ungefähr 300 Sexarbeiterinnen sogar zwischen 20.000 und 30.000 Euro pro Nacht verdient. Zuvor hatte sie im Ausland auf dem Feld gearbeitet, jedoch irgendwann durch Freunde erfahren, dass es „leichtere“ Methoden gibt, Geld zu verdienen. In dieser ganzen Zeit konnte sie Häuser, Autos und Gold kaufen und hat, nach ihren Angaben, auch legale Geschäfte gegründet. „2004 wollte ich diesen Beruf nicht mehr haben, ich hatte alles, ich wollte kein Geld mehr, aber ich konnte nicht mehr aus diesem Kreis heraus“. Sie hat sich selbst bei der Polizei angezeigt.

Ein europaweites Problem

Die Hauptursache, weshalb Opfer in Menschenhandel-  und Ausbeutungssituationen geraten, ist die große Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen. Laut einem Bericht von ANITP wurden allein 2013 und 2014 über 15.000 Opfer von Menschenhandel in den EU-Ländern identifiziert. In manchen Ländern ist die Legalisierung der Prostitution ein Faktor, der diese Nachfrage fördert. Andere Berichte deuten darauf hin, dass die Legalisierung der Prostitution auch zur Ausbreitung des Kinderhandels beiträgt und eine Bestrafung des Kaufs von sexuellen Dienstleistungen zu einer Reduzierung der Nachfrage führen könnte. Ein Bericht von Eurostat aus dem Jahre 2015 zeigt, dass 80 Prozent der Opfer von Menschenhandel Frauen sind und 85 Prozent der verschleppten Frauen sexuell ausgebeutet wurden. Die Daten zeigen auch, dass die meisten Opfer aus Rumänien, Bulgarien, den Niederlanden, Ungarn und Polen kommen. Die Schleuser stammen meistens aus Bulgarien, Rumänien, Belgien, Deutschland und Spanien.  ANITP konnte letztes Jahr 757 rumänische Opfer identifizieren, im Vergleich zu 1780 vor neun Jahren. Zusammengearbeitet wird  auf nationaler Ebene mit der Polizei, mit der Direktion für Soziales und Kinderschutz, mit verschiedenen Ministerien und Botschaften, aber auch mit unterschiedlichen Institutionen in Europa, wie zum Beispiel Policia National (Spanien), Uk Antislavery Office, dem Caritas Verein in der Tschechischen Republik, der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) u. a. Das Phänomen Menschenhandel ist höchst unvorhersehbar, die Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen jedoch steigend. Welche Möglichkeiten gibt es für Opfer oder potenzielle Opfer, Hilfe zu erhalten?

Die Wirkung kommt einem Kriegstrauma gleich

Die rumänische Organisation eLiberare (Befreiung) unterstützt Heime für Überlebende des Menschenhandels, konzentriert sich aber auch auf Prävention in Rumänien: „Wir wollen hierzulande eine Sozialbewegung gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung auslösen“, sagt Cătălina Birjaru. Die NGO hat ein paar zentrale Aufgabengebiete, dazu gehört, Workshops zu organisieren, Menschen zu diesem Thema zu sensibilisieren und Netzwerke zwischen Organisationen gegen Menschenhandel zu etablieren. Freiwillige bieten Therapie durch Kunsthandwerk an oder unterstützen Opfer beim Lernen, wenn diese weiter in die Schule gehen wollen.

Geld ist der Hauptmotor des ganzen Geschäfts – das Ziel der Menschenhändler und das Lockmittel für die Opfer. Menschen mit niedrigem Bildungsstand sind die sozial gefährdetste Gruppe, erklärt Birjaru. Die Entwicklung der Internetinfrastruktur liefert vielfältige Methoden, durch die Menschenhändler ihre Opfer erreichen und ködern. Mit Hilfe von sozialen Netzwerken und falschen Jobangeboten werden stets neue Zielgruppen erreicht.  „So wie in jeder anderen Industrie wird der Nachfrage nachgekommen, damit die Gewinne steigen. Menschenhandel ist das zweit-profitabelste Geschäft auf internationaler Ebene – nach Drogenhandel“, meint Birjaru. „Die Missbräuche schließen Betrug, Drohungen, Manipulation oder Erpressung ein. Meistens durchleben die Opfer alle diese Ausbeutungsphasen, werden gefügig und kooperieren“, fügt sie hinzu. Das Ziel von Pornografie und Videochats mit sexuellem Inhalt sei, den Appetit der potenziellen Kunden und damit auch die Nachfrage zu stimulieren.

Schlüsselpersonen für Prävention und Bekämpfung von Menschenhandel sind Leute mit wichtigen Funktionen in der Gesellschaft, so wie Lehrer, Polizisten oder Pfarrer: Sie werden durch eLiberare informiert und ausgebildet, damit Opfer und gefährdete Gruppen von innen heraus identifiziert werden können, erklärt Birjaru. „Diese sind unsere Partner und treten der Gruppe ‘Luptători pentru libertate’ (dt. Kämpfer für Freiheit) bei. Zusammen mit ihnen organisieren wir Workshops, interaktive Kurse und zeigen Dokumentarfilme zum Thema moderne Sklaverei“, sagt Birjaru. Das offensichtlichste Problem der Opfer ist der seelische Schock. Opfer brauchen Beratung und Unterstützung bei der Rehabilitierung, die NGO bildet daher Mitarbeiter und Volontäre aus, damit diese möglichst qualifiziert helfen können. „Die Wirkung von Missbrauch kommt einem Kriegstrauma gleich. Das beeinträchtigt die Wahrnehmung der Erlebnisse langfristig“, meint Birjaru.

Die heilende Kraft der Gerechtigkeit

Opfer bekommen bei der NGO Reaching Out Romania ärztliche, psychologische und juristische Beratung. „Das Alter der missbrauchten Frauen ist gesunken, deshalb wurde die Zeit, in der sie unterstützt werden, verlängert. Es gibt Frauen, die zwei Jahre bei uns geblieben sind“, erklärt Ștefan Matei von der NGO. Das größte Problem der Frauen, findet Matei, sei niedriges Selbstwertgefühl. Meistens kommen die Opfer aus einer Familiensituation, in der Missbrauch vorkommt. Wenn sie dann auch noch gehandelt werden, wirkt dies als negative Verstärkung – die Opfer denken, die Verwandten hatten recht, als sie sagten, dass sie zu nichts gut seien. Matei macht auf ein weiteres Problem aufmerksam: Die Direktion für Soziales und Kinderschutz DGASPC beharrt auf Reintegration der Frauen in der Familie, auch wenn die Eltern ihre minderjährige Tochter verkauft haben. Die Hauptursache, warum Mädchen in diese Situation geraten, sei ein Mangel an Liebe, so Matei. Manche Frauen waren vorher depressiv, selbstmordgefährdet oder gewalttätig. Auch Armut sei ein Faktor, aber nicht entscheidend, findet er.  Frauen werden bei der NGO zweimal pro Woche und auf Anfrage therapiert. „Für ein Jahr Misshandlung werden zwei Jahre Therapie gebraucht“, verdeutlicht Matei. Die juristische Unterstützung sei ebenfalls sehr wichtig, da die Opfer Fortschritte in ihrer Heilung machen, wenn sie Gerechtigkeit erleben. „Trauriger ist nur, dass die Gesellschaft oft mit dem Finger auf sie zeigt“.

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