Gelungene Integration im Burzenland

Andreas Kravatzky, Sohn eines Zuwanderers, begründete ein Korbflechtergeschlecht in Kronstadt

Samstag, 22. Oktober 2016

Andreas Kravatzky, in der Paradeuniform eines Zugführers der Kronstädter Freiwilligen Feuerwehr, Ölbild signiert Franz Sulak, datiert 1924. Privatbesitz

Andreas Kravatzky, Korbflechter und Kaufmann
Foto privat

Man schreibt das Jahr 1848. Im Habsburger Reich herrscht Revolution. Kaiser Franz Joseph hat soeben den Thron bestiegen. Die Ungarn, auch die aus Siebenbürgen, kämpfen um ihre Selbstständigkeit. Im Burzenland gibt es gewaltige Kämpfe zwischen Sachsen und Széklern. Österreich mobilisiert seine Truppen und zieht nach Siebenbürgen. Bei Podul Olt, nahe Honigberg/Hărman, kommt es im Frühjahr 1849 zur Schlacht, in der auf österreichischer Seite auch das Galizische Regiment kämpft.

Einer seiner Soldaten heißt Johann Krawatzky. Nach den Kämpfen kommt er nach Honigberg zurück. Er ist von Beruf Fassbinder, 23 Jahre alt. In der Kronstädter Gasse baut er sich ein bescheidenes Haus und macht sich im Dorf nützlich. Der Lehrer und spätere Schulleiter aus Honigberg, Andreas Bruss, willigt 1862 in die Heirat seiner Tochter Rosina mit Johann ein, sie gründen eine Familie. 1863 wird ihr erstes Kind geboren, eine Tochter, die nach sächsischer Sitte den Namen der Mutter, Rosina, bekommt. Am 21. Oktober 1866, also genau vor 150 Jahren, kommt als zweites Kind ein Sohn zur Welt, welcher, seinem Großvater zu Ehren und zum Dank, Andreas getauft wird. 1868 wird als drittes Kind der zweite Sohn geboren, welcher den Namen des Vaters Johann tragen wird.

Im Infant.-Regiment Hoch- und Deutschmeister Nro.4 der Österreichischen Armee hat der 21-jährige Andreas Müllner aus der Wiener Vorstadt Alsergrund gekämpft. Von Beruf ist er Korbflechter. Er gründet 1856 mit Martha Muerth aus Honigberg eine Familie, welche in Kronstadt, in der Oberen Vorstadt, wohnen wird. Beide Männer sind katholischen Glaubens, ihre Frauen jedoch evangelisch. Krawatzky sieht das nicht so eng, heiratet in Honigberg nach evangelischem Ritus, seine Kinder werden evangelisch getauft. Andreas Müllner kommt aus der katholisch geprägten Kaiserstadt Wien und hält an seiner Tradition fest. Er heiratet in Kronstadt in der katholischen Kirche in der Klostergasse. Seine Kinder werden katholisch getauft, Buben wie Mädchen. Die drei Kinder Krawatzky in Honigberg werden noch im unmündigen Alter Vollwaisen. Die Bruss-Großeltern nehmen sie zu sich. Hier spricht man Sächsisch. Ihr Großvater ist auch ihr Lehrer. Als Andreas das Jugendalter erreicht, wird er zum Korbflechter Andreas und Martha Müllner in die Lehre geschickt. In nur 16 Jahren hatten es die Müllners bereits zu einem bescheidenen Wohlstand gebracht. In der Oberen Burggasse Ecke Schlossergasse kaufen sie ein kleines Grundstück mit Haus. Das Haus wird umgebaut und mit einer Werkstatt erweitert. Hier wohnt nun auch Andreas Krawatzky in seinen Lehrjahren. Da sein Lehrmeister Wie-ner ist, wird in der Familie Müllner Deutsch, d. h. Wiener Deutsch, gesprochen. Der junge Geselle Andreas wird seine handwerklichen Kenntnisse und Fähigkeiten in Wien festigen und erweitern. Nach seiner Rückkehr heiratet Andreas Kravatzky (sein Nachname wird unterschiedlich geschrieben) am 1. Mai 1888 in der Schwarzen Kirche die Tochter seines Lehrmeisters, Maria Martha.

In Kronstadt will er seinem Schwiegervater und Schwager Josef Müllner, die auch Korbflechter sind, keine Konkurrenz machen und geht ins benachbarte Ausland, nach Bukarest. In der Calea Mo{ilor mietet er ein Haus mit Wohnung und Werkstatt. Seine Frau, katholisch geprägt, sucht seelischen Beistand in der nahe gelegenen katholischen Kirche „B²r²]ia“. Hier werden auch die drei Töchter katholisch getauft. Der in Bukarest geborene Sohn Andreas wird in der Bukarester evangelischen Kirche getauft. Auch in dieser Familie wird Deutsch / das Wiener Deutsch gesprochen. Auch diese Kinder lernen nicht Sächsisch.

Das rumänische Königshaus bestellt bei Andreas Kravatzky Korbmöbel und andere Korbartikel. Es beauftragt ihn mit der Ausstattung des Jagdzimmers im Schloss Pele{ in Sinaia mit einer geflochtenen Deckenverkleidung und mehreren Heizkörper-Verkleidungen aus gekochter Weide. Andreas Kravatzky erhält den Titel eines königlichen Hoflieferanten. Nach 10 Jahren Bukarest kehrt Andreas Kravatzky mit Familie nach Kronstadt in die Burggasse zurück. Er übernimmt die Werkstatt und das Haus des verwitweten Schwiegervaters. Die Großstadterfahrungen aus Wien und Bukarest haben den jungen Mann (inzwischen 33 Jahre alt), Familienvater und Handwerkermeister geprägt. Er beginnt, sich gesellschaftlich zu engagieren. Er tritt der Kronstädter Freiwilligen Feuerwehr bei, wird Kommandant des Löschzuges der Oberen Burggasse und nimmt als solcher im Juli 1913 in der Delegation Österreich-Ungarns am 18. Deutschen Reichs-Feuerwehrtag in Leipzig teil. Auch finden wir ihn als Kirchen-Gemeindevertreter in den Protokollen des Presbyteriums der Schwarzen Kirche.

Andreas Kravatzky wird mit einem kurzen Lebenslauf in das in ungarischer Sprache herausgegebene Büchlein „Berühmte Persönlichkeiten“ im Kapitel „Szász-föld“ Buchstabe K, Seite 17, aufgenommen. Am 13. Januar 1931 endet das Leben von Andreas Kravatzky (65) plötzlich und unerwartet durch Herzstillstand. Sein Erbe wird von seinem jüngsten Sohn Alex Kravatzky weitergeführt. Auch sein Enkel Dieter Jochen Kravatzky erlernt das Handwerk, muss aber aus politischen Gründen Mitte der 1950er Jahre andere Berufe ergreifen. Der jüngere Bruder unseres Großvaters Andreas, Johann Krawatzky, und seine Schwester Rosina bleiben in Honigberg. Johann Krawatzky wurde Landwirt, Rosina heiratet einen Landwirt. Johann wohnt weiter im Elternhaus, Haus Nr. 465 in der Bahnstraße, in der ‚Neuen Gemeinde’. In der Bahnstraße haben in Richtung Bahnhof linker Seite nur Sachsen gebaut, auf der rechten Seite die Rumänen. Dieser Johann Krawatzky wird in der Sippe in Honigberg der „Senior Krawatzky“ genannt und als Honigberger Sippenvater betrachtet.

Bei der katholisch geprägten Familie Müllner hört die Familienchronik mit dem Sohn Josef auf.

Zusammenfassend stellen wir fest, dass sich diese beiden Männer, die Stammväter Krawatzky und Müllner aus der Donaumonarchie, im Burzenland sehr gut integriert hatten. Für die Familien Krawatzky aus Honigberg und Kronstadt ging die Integration nach dem Zweiten Weltkrieg in Österreich und Deutschland weiter. Der erste Krawatzky, auch ein Johann aus Honigberg, kam aus der Kriegsgefangenschaft nach Reutlingen. Es folgten schrittweise und in unterschiedlichen Abständen weitere Auswanderungen aus Siebenbürgen nach Österreich und Deutschland, bis es ab 1990 in Honigberg und Kronstadt keinen Kravatzky mehr gab. In Honigberg, auf dem Hedwig-Hof, im Haus 431, wohnt noch die letzte Krawatzky-Verwandte, Anni Hedwig, geb. Hoydo, (ihre Schwiegermutter Rosa Hedwig war eine geborene Krawatzky).

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