Gemeinschaften aufbauen

Eine junge Kommunikationsexpertin und das Social Web

Samstag, 15. August 2015

Sie ist Social Media Managerin und Community Managerin: Auf Veranstaltungen wie etwa Acces Art spricht sie mit Bürgern über den Verein und die Kandidatur Temeswars für den Titel Kulturhauptstadt Europas.

Raluca Selejan ist für die Öffentlichkeitsarbeit des Vereins „Temeswar Kulturhauptstadt Europas 2021“ zuständig. Ein Schwerpunkt ihrer Kommunikationsstrategie ist der Aufbau einer starken Social-Media-Community.

Wer etwas erreichen will, muss Initiative zeigen: Raluca fing als Freiwillige an der West-Universität an und arbeitete später dort fest.

FILTM ist inzwischen ein bedeutendes literarisches Event in Temeswar. Im Oktober findet die vierte Auflage statt. Raluca ist Mitveranstalterin des Literaturfestivals
Fotos: privat

Raluca Selejan hat schon lange keine Wochenenden mehr. Denn jederzeit könnte auf den sozialen Kanälen, die sie verwaltet, eine Bombe hochgehen: ein negativer Kommentar eines Wutbürgers, ein böswilliger Post eines skrupellosen Trolls oder vielleicht ein geteilter Artikel, der sich kritisch über den Verein äußert.

Schief laufen kann es immer. Womöglich missversteht die Zielgruppe den Beitrag auf der Facebook-Seite. Eine unbedachte Formulierung sorgt für unfreiwillige Lacher oder ganz im Gegenteil für entrüstete Reaktionen. „Der Lernprozess hört nie auf“, so Raluca Selejan. „ Jeden Tag kannst du etwas von den Nutzern deiner Social-Media-Platformen lernen und sie von dir.“

Die Kommunikationsexpertin und Eventplanerin arbeitet für den Kulturverein „Temeswar Kulturhauptstadt Europas 2021“. Davor war sie fünf Jahre lang an der West-Universität Temeswar tätig, hat dort unter anderem die Facebook-Community der Uni aufgebaut. Für Raluca war es ein Sprung ins kalte Wasser gewesen. „Als ich anfing, da wurde in Rumänien selten über Social Media Manager oder Community Manager gesprochen. Es gab diese Berufe einfach nicht.“

Inzwischen wächst der Bedarf. Erfolge, wie etwa die Social-Media-Wahlkampagne des gegenwärtigen rumänischen Staatspräsidenten, Klaus Johannis, haben nur das bestätigt, was im Westen schon längst klar ist: Wer heute viele Menschen erreichen möchte und sich ihre Unterstützung erhofft, der muss bei Facebook, Twitter oder in der Blogger-Community starten. Auch Raluca hat diese Erfahrung gemacht. Und zwar nicht, indem sie Abseits stand und die Entwicklungen beobachtete, sondern indem sie selber aktiv versuchte, Menschen über soziale Medien zusammenzubringen und eine Beziehung zwischen ihrem Auftraggeber – damals die West-Universität – und der potenziellen Zielgruppe, die an den Angeboten Interesse zeigen könnten, aufzubauen.

„Das Schöne an dieser Arbeit war, dass man später nicht mehr alleine dastand“, erklärt sie. „Irgendwann kamen Studenten mit Empfehlungen auf mich zu, was man auf Facebook denn posten könnte.“

Was bei den Studenten besonders morgens gut ankam, war ein Bild mit einer Tasse Kaffee und einer kurzen aufbauenden Nachricht. „Die meisten Studenten liebten diese Posts“, meint sie lachend.

PR für potenzielle Kulturhauptstadt

Ihr neuer Job ist ein ganz anderes Biest. Der Kulturverein „Temeswar Kulturhauptstadt Europas 2021“ kümmert sich, so wie es der Name andeutet, um die Kandidatur der Stadt Temewar/Timişoara für den Titel „Kulturhauptstadt Europas“. Rumänien und Griechenland werden in 2021 die Gastgeberländer sein. Was noch nicht feststeht, ist die rumänische Stadt, die diesen begehrten Titel tragen wird. Etwa 12 Städte konkurrieren.

Im Oktober müssen sie in Bukarest ein 80-seitiges Bewerbungsdokument, das Bid Book, einreichen. Eine zwölfköpfige Jury wird von dem Dokument ausgehend eine Vorauswahl treffen. Die Städte, die im Rennen bleiben, werden dann im nächsten Jahr von den Jurymitgliedern besucht. Spätestens dann müssen die Bürger der Stadt wissen, was eigentlich der Titel bedeutet, wieso die Stadt sich dafür beworben hat und natürlich hinter dem Vorhaben stehen. Und darum muss sich Raluca kümmern. Unterstützt wird sie auch von der Kommunikationsagentur PR Beta.

„Die größte Herausforderung besteht darin, die Ziele und die Arbeit des Vereins allen verständlich zu machen“, so Raluca. „Diese Kandidatur gehört der Stadt und was die Stadt ausmacht, sind ihre Menschen. Es geht hier nicht nur um Künstler oder Intellektuelle. Es geht um jeden einzelnen Bürger und es müssen alle ausnahmslos angesprochen werden.“

Als sie für die West-Universität arbeitete, kannte sie die Zielgruppe gut. Es waren vorwiegend Studenten, wie sie selbst. Raluca fing schon als Studentin an für die Uni zu arbeiten. Zuerst als Freiwillige, dann später als Festangestellte. Der geringe Altersunterschied machte es für sie leichter, die Interessen der Studenten zu erahnen.

Im Falle einer ganzen Stadt kann es schwer sein, jeden gleichzeitig zu erreichen. Ein geteilter Artikel über die Geschichte der Stadt könnte vielleicht die älteren Facebook-Nutzer begeistern, den Jugendlichen, der viel lieber Musik teilt und sich mit Freunden unterhält, gewinnt man mit so einem Post kaum.

Es ist ein Experiment und, was sich nicht geändert hat, ein täglicher Prozess von Neufindung. „Man lernt viel über sich selbst“, so Raluca. „Ein Rezept gibt es nicht.“

Selbst Erfolgsgeschichten wie die Facebook-Kampagne von Klaus Johannis können nicht als Blueprints verwendet werden, um das Gleiche für das eigene Vorhaben aufzubauen.

Raluca ist beides: Social Media Manager und Community Manager. Sie ist nicht nur für die Inhalte auf den sozialen Medien zuständig, sie muss auch das Interesse der Menschen wecken, die von dem Verein noch nicht gehört haben oder zu wenig. Im Ausland kümmert sich darum in der Regel ein Team oder zwei verschiedene Personen.
Ihre Aufgaben als Community Managerin verband sie mit anderen Aktivitäten des Vereins: In den letzten Monaten wurden regelmäßig Werkstätten organisiert, um gemeinsam mit Bürgern ein Konzept und Kulturprojekte für die Kandidatur zu entwickeln. Gleichzeitig fand dadurch eine Annäherung statt. Viele Menschen wurden über die Tätigkeit und die Rolle des Kulturvereins informiert und sind aktive Mitglieder geworden.

Zukunftsaussicht Agentin

Jungen Menschen, die in die PR-Branche einsteigen möchten, empfiehlt Raluca Selejan nur eins: „Initiative zeigen. Nicht einfach warten, dass jemand zu einem kommt und einen Job anbietet. Stattdessen sollte man auf die Leute zugehen und versuchen zu helfen. Man fängt vermutlich als Freiwillige an, aber man hat die Chance zu zeigen, was man drauf hat.“

Ihr Traum ist es später einmal Agentin zu werden. Eines ihrer Leidenschaften ist Literatur. Darum arbeitet sie auch an der Mitorganisation des internationalen Literaturfestivals „FILTM“. In diesem Jahr findet im Oktober die vierte Auflage statt. Namhafte Autoren aus dem In- und Ausland werden in Temeswar aus ihren jüngsten Werken lesen. In ihrer kaum noch vorhandenen Freizeit hilft Raluca auch bildenden Künstlern, Musikern mit der Vermarktung ihrer Ideen. Im September hält zum Beispiel in der Nähe von Lippa/Lipova der Jazztrompetenspieler Petre Ionuţescu ein Konzert in den alten Burgruinen. Raluca Selejan kümmert sich um die Organisation. „Künstler sind einfach besondere Menschen. Sie haben etwas Einzigartiges und sie können einem Kraft und Energie spenden, einfach durch ihre Art“, sagt Raluca. Darum möchte sie auch mit ihnen zusammenarbeiten und ihr organisatorisches Talent sowie ihre Erfahrung einbringen, um sie zu unterstützen.
So wie die Berufe Social Media und Community Manager noch ganz am Anfang in Rumänien stehen, so auch der Beruf der Agentin. Doch gerade das macht den Reiz aus: das Unbekannte. Raluca Selejan hat sich nie davor gescheut, ins kalte Wasser zu springen und sich auf ein Wagnis einzulassen.

Kommentare zu diesem Artikel

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*