Gerechtigkeit im Fokus

Weltgebetstag in Heltau und Hermannstadt

Freitag, 10. März 2017

Im Gottesdienst nahmen auch die Heltauer Frauen die philippinische Gottesdienstordnung zur Hand.

Der Gottesdienst in der Hermannstädter Johanniskirche wurde von einem Frauenchor und Musikern begleitet.

Die Kinder der evangelischen Gemeinde Hermannstadt überreichen den Gottesdienstbesuchern kleine Körbchen mit Reiskörnern.
Fotos: Eveline Cioflec (2), László-Zoran Kézdi (1)

Der Weltgebetstag, die größte ökumenische Basisbewegung der Frauen, wurde in diesem Jahr den Philippinen gewidmet und am vergangenen Freitag, dem 3. März, in aller Welt gefeiert. Philippinische Frauen entwarfen hierfür eine Gottesdienstordnung als Vorlage für die teilnehmenden Gemeinden. Auch in Heltau/Cisnădie und Hermannstadt/Sibiu haben Präsentationen und Festgottesdienste stattgefunden. Bei einem Treffen im Michelsberger Elimheim hatten Vertreterinnen der Gemeinden der Evangelischen Landeskirche, sogenannte Multiplikato-rinnen, bereits vor mehreren Wochen mit der Vorbereitung der Feierlichkeiten begonnen. Die Lebensbedingungen der Menschen auf den Philippinen standen im Mittelpunkt der Gerechtigkeit fordernden Gottesdienste. Im Rahmen der Weltgebetstag-Kollekten schließt sich die Evangelische Landeskirche in Rumänien einem Projekt des Deutschen Clubs Manila an und sammelt Spenden für ein Mädchen-Blindenheim in Manila, der Landeshauptstadt der Philippinen.

In Heltau fanden die Feierlichkeiten zum Weltgebetstag im Andachtsraum der Kirchenburg statt und wurden am Spätnachmittag mit einer sehr gut besuchten Informationsveranstaltung zu den Philippinen eröffnet. Der Raum war rundum mit Landkarten, Fotos und Ansichtskarten aus den Philippinen dekoriert. Laura Brainaş veranschaulichte in einer Präsentation mit zahlreichen beeindruckenden Bildern die schwierigen Lebensverhältnisse der Menschen im eher als Urlaubsort bekannten tropischen Inselstaat Republik der Philippinen, dem einzigen asiatischen Staat mit katholischer Bevölkerungsmehrheit. Unzählige Taifune, Überschwemmungen und Schlammlawinen großen Ausmaßes plagen die Inselbewohner infolge massiver Rodungen der Wälder. Arbeitslosigkeit und schlecht bezahlte Arbeit hält die Bevölkerung in Armut, insbesondere in den ländlichen Gegenden und in den erschütternden Slums der Großstädte.

Auf den Philippinen, so die Vortragende, ist Schule nur bis zur 6. Klasse verpflichtend und für die weitere Ausbildung der Kinder reicht es bei den Familien oft nicht aus. So müssen Kinder sehr früh arbeiten gehen und zum Einkommen der Familie beitragen. Viele Einheimische sehen sich genötigt, im Ausland zu leben und zu arbeiten, in der Hoffnung, etwas besser zu verdienen. Zahlreiche Frauen arbeiten weltweit, auch in Rumänien, als Haushaltshilfen oder im Bereich der Pflege, häufig in sehr nachteiligen Arbeitsverhältnissen. Wie Brăinaş hervorhob, hatten die Frauen in der Vorkolonialzeit, vor der Kolonisierung durch Spanien, tragende Rollen in der Gesellschaft. Erst allmählich dürfen sie wieder führende Rollen übernehmen, meistens sind sie aber wirtschaftlich und sozial benachteiligt. Die während der Präsentation gezeigten Bilder auf einer großen Projektionsleinwand schienen unausweichlich und der krasse Unterschied zwischen der Schönheit gewisser Urlaubsorte oder Naturaufnahmen und der schrecklichen Armut der Menschen ging ins Knochenmark. „Sigaw“, der Schrei, ein Leitwort des diesjährigen Weltgebetstags, konnte man fast schon aus den Aufnahmen hören, was mitunter zur Besinnung aufrief. Nach dem Vortrag lud Margit Kézdi zu dem von Heltauer Frauen mit Lesungen und Gesang gestalteten Gottesdienst ein. Ein für alle Teilnehmer nach philippinischen Rezepten zubereitetes Abendessen ergänzte den Abend in Heltau.

„Sigaw“ prägte auch den Abendgottesdienst in der Hermannstädter Johanniskirche. Zu Beginn wurden die Besucher von Ilse Philippi mit Fotos und Informationen zur Geografie und zur aktuellen Situation des Landes auf die Philippinen eingestimmt. Ein kleiner Chor der Frauen leitete in den Gottesdienst ein und begleitete diesen mit klangvollen Intermezzi. Lebensgeschichten philippinischer Frauen wurden aus der Gottesdienstordnung vorgelesen, so auch die Lebensgeschichte eines Mädchens, das mit sieben Jahren die Mutter verlor und als Haushaltshilfe und Mädchen für alles ihren Unterhalt bestreiten musste, nicht ohne dabei ausgenutzt zu werden. Die Geschichte erzählt, wie dieses Mädchen sich durchkämpft, ihren nicht ausgezahlten Lohn mithilfe von anderen einfordert – was an die Unerlässlichkeit der Solidarität denken lässt – und so ihr Leben zu meistern lernt. Instrumental wurde der Gottesdienst von Jürg Leutert am Kontrabass, Britta Falch Leutert am Keyboard sowie Teresa Leonhard an der Trommel begleitet. Auch Flöten, gespielt von Erika Klemm und Dorothea Binder, erklangen bei einigen Liedern.

Die Bibellesung erzählte vom Weinbauer, der in seinem Weinberg Arbeiter zu verschiedenen Tageszeiten anstellt. Am Ende des Tages zahlt er allen den gleichen Lohn. Die Arbeiter, die sich bereits seit Morgenanbruch abgemüht haben, fühlen sich ungerecht behandelt und fordern mehr Geld. Der Weinbergbesitzer erwidert, dass sie bekommen, was vereinbart war, und dass er mit seinem Geld tun könne, was er wolle. Dieses biblische Gleichnis wurde von der Improvisationstheatergruppe des Hermannstädter Forums szenisch dargestellt. Nach der Lesung kamen die Kinder aus dem Kindergottesdienst dazu. Sie verteilten selbstgebastelte Körbchen mit kleinen Portionen Reis, dem Grundnahrungsmittel in den Philippinen, an die Besucher. Eine symbolische Gabe, die zum Nachdenken anregte – ob wohl die wenigen Körner Reis auf den Philippinen jeweils eine Mahlzeit ausmachen würden? Über diese Frage und den Titel des Gottesdienstes „Was ist denn fair?“ konnte man sich nach dem Gottesdienst bei Getränken und von den Frauen der Gemeinde zubereiteten philippinischen Köstlichkeiten noch weiter austauschen.

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