Germanisten trafen auf Wirtschaftsvertreter

Konferenz zum Thema: „Kulturelle Zentren der deutschen Minderheiten und berufliche Perspektiven in deutschsprachigen Wirtschaftsunternehmen“

Dienstag, 01. November 2016

Am Samstagmorgen waren Vertreter der Wirtschaft sowie deutschsprachige Angestellte zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Einer der zentralen Gesprächspunkte waren fehlende Qualifikationen jenseits der Sprachkenntnisse der Absolventen.
Foto: Michael Mundt

Hermannstadt – Unter dem Titel „Kulturelle Zentren der deutschen Minderheiten und berufliche Perspektiven in deutschsprachigen Wirtschaftsunternehmen“ trafen sich am Freitag und Samstag im Spiegelsaal des Hermannstädter Forums Germanisten aus verschiedenen mittel- und osteuropäischen Staaten, um sich gegenseitig kennenzulernen, auszutauschen und zum Abschluss der Konferenz bei einer Podiumsdiskussion mit Unternehmensvertretern sowie deutschsprachigen Angestellten zu diskutieren. Organisiert wurde die Veranstaltung von Dr. Ellen Tichy, DAAD-Lektorin an der Lucian-Blaga-Universität Hermannstadt/Sibiu sowie dem Lehrstuhl für Germanistik an der Universität Oppeln/Opole, vertreten durch Prof. Dr. Katarzyna Lasatowicz und dem Institut für Deutsch als Fremd- und Fachsprache an der TU Berlin, vertreten durch Dr. Felicitas Tesch.

In den mittel- und osteuropäischen Ländern kann die deutsche Sprache und Kultur auf eine lange Tradition zurückblicken. Durch Migrationsbewegungen, die zum Teil Jahrhunderte zurückliegen, haben sich kulturelle Zentren der Deutschen entwickelt. Durch Krieg, Flucht, Vertreibung und Auswanderung wurden sie zu Zentren deutscher Minderheiten, die nach dem Ende des kommunistischen Totalitarismus wieder an Bedeutung gewannen. Ob in Oppeln oder Hermannstadt, für die Ansiedlung deutschsprachiger Unternehmen zwischen dem Baltikum und Siebenbürgen ist die Präsenz der deutschen Sprache und Kultur, neben anderen Argumenten, ein nicht zu unterschätzender Entscheidungsfaktor.

Der Wandel auf dem Arbeitsmarkt, insbesondere die Auslagerung von Arbeitsplätzen aus Deutschland in die mittel- und osteuropäischen Staaten und die dementsprechende Nachfrage nach Deutschsprechenden, aber auch der fortschreitende Rückgang der Muttersprachler in diesen Staaten sowie die anhaltende Beliebtheit von Deutsch als Fremdsprache bei jungen Menschen, führte und führt dazu, dass sich die Studiengänge der Germanistik verändern. Schon vor dreizehn Jahren fand in Hermannstadt während des Germanistenkongresses eine Podiumsdiskussion zum Thema „Gegenwart und Zukunft der rumänischen Germanistik“ statt. Die rumänische Germanistin Speranţa Stănescu formulierte es damals folgendermaßen: „Der permanente Kampf mit administrativ-ökonomischen Argumenten autonomer Universitäten, der Rückgang der Studentenzahl haben sogar dahin geführt, dass dem Studium keine oder nur eine formale Bewerberselektion vorangeht. So ist das Niveau der Germanistikstudenten völlig uneinheitlich und deckt die im Europäischen Referenzrahmen vorgesehenen Einstufungen von Niveau A (elementare Sprachverwendung) bis zu Niveau C (Kompetente Sprachverwendung), ab.“

Auf die gewandelten Anforderungen der rumänischen Gesellschaft haben die Universitäten mit der Schaffung interdisziplinärer Studiengänge wie „Angewandte Fremdsprachen“, die ihren Schwerpunkt auf Wirtschaft, Verwaltung und Kulturmanagement legen, reagiert. Sie existieren neben den klassischen Germanistikstudiengängen und sollen den Absolventen Beschäftigungsmöglichkeiten in gefragten Berufen wie Übersetzer, Dolmetscher oder Kommunikationsmanager bieten. Nicht selten sichern diese Studiengänge das Überleben der Germanistikfakultäten selbst. Ob dies ein Fluch oder Segen ist, kann verschieden beurteilt werden. Nachvollziehbare Argumente lassen sich für beide Ansichten finden.

Viele der Jobangebote erfordern gleichwohl weder ein Studium noch sehr gute Deutschkenntnisse. Das ist wenig verwunderlich, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass sich die Unternehmen aus Kostengründen in Rumänien und den anderen mittel- und osteuropäischen Staaten ansiedelten und insbesondere Arbeitsplätze mit geringen Qualifikationsanforderungen ausgelagert haben. Germanisten benötigt es für diese Tätigkeiten nicht. Partnerschaften zwischen Universitäten und Wirtschaftsunternehmen gibt es gleichwohl, davon berichtete Sabine Stoll-Wewior am Beispiel des Arbeitsmarktes in Danzig/Gdansk und auch die natur- und ingenieurwissenschaftlichen Studiengänge in deutscher Sprache sollen nicht verschwiegen werden. Während der Podiumsdiskussion blickte dennoch durch, was sich die Unternehmen tatsächlich wünschen: Vermittlung von Landeskunde und Trivialitäten, wie dem korrekten Schreiben einer E-Mail.

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