Geschichte aus Sicht der Zeitzeugen

Oral-History-Werkstatt für Schüler in Temeswar

Mittwoch, 09. Dezember 2015

40 Schüler aus sieben Temeswarer Schulen beteiligten sich an der Oral-History-Werkstatt.

Senioren und Jugendliche sind ins Gespräch gekommen: Die Hanns-Seidel-Stiftung Rumänien sowie der Verein Agora Unit haben in Temeswar/Timişoara eine Werkstatt für 40 Schülerinnen und Schüler veranstaltet, um sie in das Thema „Oral History“ einzuführen. Für die Jugendlichen aus sieben Schuleinrichtungen der Stadt war es eine andere Art von Geschichtsunterricht. Eine, die auch der DFDR-Abgeordnete Ovidiu Ganţ als Alternative zum klassischen Frontalunterricht empfiehlt. So würde er sich den heutigen Geschichtsunterricht vorstellen, meinte Gan] zum Abschluss der zweitägigen Werkstatt.

Durch die Oral-History-Methode fällt der Schwerpunkt nicht auf die Geschichtsbücher und somit oft auf die Interpretationen von Historikern, sondern auf das, was Zeitzeugen erlebt haben. Man geht direkt zur Quelle und befragt Menschen, die dabei waren, die wichtige geschichtliche Ereignisse mitgemacht haben. Im Falle der Werkstatt, die Ende November in Temeswar stattfand, wurde als Ausgangspunkt die Deportation der Rumäniendeutschen nach Russland gewählt. Vor 70 Jahren, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, verschleppte die Sowjetunion Angehörige der deutschen Minderheiten aus Mittel- und Osteuropa als Kriegsentschädigung. Junge Männer und Frauen, nicht älter als die Schülerinnen und Schüler, die an der Werkstatt teilgenommen haben, mussten fünf Jahre lang in Straflagern unter unmenschlichen Bedingungen schwere körperliche Arbeiten ausüben. Viele der Gefangenen starben in den Lagern. Heute leben nur noch sehr wenige, die Russlands Winter überlebten und davon erzählen können. 2002 brachte die Hanns-Seidel-Stiftung ein Buch heraus, indem Zeitzeugen über ihre Erfahrungen in den Straflagern erzählen. Die meisten der interviewten Senioren sind inzwischen verstorben.

In Temeswar hat der Verein der ehemaligen Russlanddeportierten noch eine überschaubare Zahl an Mitgliedern. Der ehemalige Pfarrer Ignaz Bernhard Fischer leitet den Verein seit seiner Gründung Anfang der 1990er Jahre.

 

Erzähl mir deine Geschichte

In Zusammenarbeit mit dem von Simona Hochmuth gegründeten Verein Agora Unit wollte die Hanns-Seidel-Stiftung den Teilnehmern zuerst die Methoden und Instrumente der Oral-History-Forschung vermitteln. Darum fanden auch Vorträge von Experten statt. Unter anderem sprach Professor Smaranda Vultur über ihre eigenen Erfahrungen mit Oral-History-Projekten. Wichtig sei die Vorbereitung vor dem Gespräch, so die erfahrene Geschichtswissenschaftlerin. Zuerst müsse man sich einlesen, um relevante Fragen formulieren zu können. Auch Simona Hochmuth erzählte über ihre Familie und spielte Tonaufnahmen von ihrem Vater sowie anderen Familienmitgliedern ab. Sie wies die Jugendlichen auf die Stolperfallen hin. Besonders wichtig sei die Formulierung der Fragen, man bräuchte viel Geduld, denn oft kommt es vor, dass die Befragten nicht auf die Fragen eingehen und vom Thema abschweifen.

Was der Begriff „Oral History“ konkret bedeutet, das erklärte das Dr. Simona Adam bereits am ersten Tag der Werkstatt. Sie gab konkrete Beispiele und ging so auf die verschiedenen Arten von Interviews ein. Anhand von Aufnahmen unterstrich Adam, wie schwierig das Transkribieren von Interviews sein kann. Die Künstlerin Renée Renard beschrieb vor allem, wie ein Stammbaum erstellt wird. Sie ging sowohl auf die Darstellung ein und empfahl Internetseiten, die hilfreich sind, sollte man nicht mehr weiterkommen.

Die Deportation der Rumäniendeutschen nach Russland war nicht das einzige Thema, das behandelt werden konnte. Schon in den Einführungen durch die Experten wurden weitere Themen als Vorschläge den Teilnehmern unterbreitet. Smaranda Vultur erwähnte die Erfahrungen politischer Häftlinge, die Multikulturalität im Banat, die Revolution von 1989, die Deportation in den Bărăgan sowie die vielfältigen handwerklichen Berufe, die im Banat ausgeübt wurden.

Bis am 15. Dezember werden die Schüler in Gruppen, mit Unterstützung einer Lehrkraft, ein Thema aussuchen, welches danach bearbeitet wird. Ende März sollen dann die Ergebnisse vorgestellt werden. Bis dahin führen die Gruppen Interviews mit Zeitzeugen, relevant für ihre Themen und sammeln als Begleithilfe weitere zeitgeschichtliche Materialien wie etwa alte Bilder.

An dem Projekt beteiligen sich das Jean-Louis-Calderon-Lyzeum, das I.C. Brătianu-Kolleg, das Lyzeum für Lebensmittelindustrie, das Nikolaus-Lenau-Lyzeum, das Ferdinand-Kolleg, das Nationalkolleg „C.D. Loga“ sowie das Banater Nationalkolleg. Seitens der Hanns-Seidel-Stiftung ist die Projektmanagerin Nicol Grama für das Projekt zuständig.

 

 

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