Geschichte des Siechenhauses

Petre Beşliu Munteanu veröffentlicht Buch über das „Hermannstädter Spital und Spitalskirche“

Freitag, 19. Juli 2013

Hermannstadt - Aus der öffentlichen Wahrnehmung der Hermannstädter ist die einstige Spitalskirche in der Unterstadt fast völlig verschwunden. Versteckt liegt sie am Beginn der Auffahrt zum Kleinen Ring/Piaţa Mică inmitten eines Altenheimkomplexes, der zur Spitalsgasse/Str. Azilului hin von Gebäuden abgeschirmt ist. Diesem historisch besonders wertvollen, weil aus dem ersten Jahrhundert der Stadtgeschichte stammenden Ensemble widmet sich das jüngst erschienene Buch „Hermannstädter Spital und Spitalskirche 13. - 18. Jh.“ von Petre Beşliu Munteanu. Der Autor erweitert mit diesem zweisprachig – deutsch und rumänisch – erschienen Buch seinen Vorgängerband über das mittelalterliche Spital von Hermannstadt/Sibiu („Spitalul medieval din Sibiu) aus dem Jahr 2008 um - wie er im Vorwort schreibt - zusätzliche urkundliche Daten und Ergebnissen aus Geländeforschungen.

Erstmals erwähnt wird das Siechenhaus in einer Schenkungsurkunde aus dem Jahr 1292. Das Spital wird zu diesem Zeitpunkt von den Brüdern des Ordens zum Heiligen Geist übernommen und 250 Jahre lang verwaltet, erst ab der Reformation um das Jahr 1540 übernahm die Stadt den Komplex – dann schon mit Kirche, Friedhof und Nebenbauten – in ihre Obhut. Ab der Neuzeit förderte eine Wohltätigkeitsstiftung diesen „privilegierten Ort der Armen und Mittellosen“. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts wird die Spitalskirche wieder als Gottesdienstort für das umliegende Handwerkerviertel reaktiviert. Im 20. Jahrhundert wurde die Kirche aufgelassen. Seit der Renovierung 2007 wird sie von der orthodoxen Kirche genutzt.

Das mittelalterliche Spital gehört nicht nur zu den ältesten Gebäudekomplexen in Hermannstadt, sondern ganz Siebenbürgens. Das Siechenhaus gruppiert sich um zwei Innenhöfe und ist eines der größten Gebäude in der Unterstadt. Im Süden reicht es bis an die Saggasse/Str. Turnului. Über die Insassen des Hermannstädter Siechenhauses lässt eine Spendenurkunde des Schäßburger Spitals aus dem Jahr 1549 Vermutungen zu, wo  Mittellose, Krüppel, Verstümmelte, Taube, Hinkende und Schwachsinnige erwähnt sind.

Die vielfältigen wirtschaftlichen Aktivitäten rekonstruiert Beşliu Munteanu anhand von Rechnungsurkunden aus den Archiven. Er zeichnet das Bild einer wohlorganisierten Institution, die einen „Mayerhof“ jenseits des Zibins betreibt, Fuhrdienste anbietet, einen Weinzehnten aus Hamlesch/Amnaş bezieht sowie Fisch aus dem „Hammersdorferteich“. Weitere Einnahmen kommen aus der Vermietung des großen Grundbesitzes oder den „Mieten“ der Insassen. Der Autor ergänzt seine Darstellung vom Alltagsleben im Spital durch Schlussfolgerungen, die die Funde aus archäologischen Grabungen zulassen.

Sehr detailreich wird der Autor, wenn er die zahlreichen baulichen Veränderungen nachzuvollziehen versucht, wobei er sich auf die punktuell durchgeführten archäologischen Untersuchungen stützt. Am Ende des Buches sind Grundrisse und Lagepläne der Gebäude eingefügt, die die Vielzahl an Fakten sowie die Grabungsarbeiten veranschaulichen. Im Anhang findet der Leser ebenso Fotos des Komplexes sowie des großteils an andere Orte der Stadt verbrachten Mobiliars und Gebrachsgegenstände der Spitalskirche. Viele kunstgeschichtlich wertvolle Objekte sind im Bestand des Brukenthalmuseums, einige Gestühle sind in der Johanniskirche zu sehen. Außerdem gibt es einen Katalog der archäologischen Fundstücke.

Das wissenschaftlich korrekt, aber manchmal in etwas sperriger Sprache verfasste Buch bietet einen tiefen Einblick in die Geschichte eines der ältesten Bauwerke Hermannstadts und ordnet dessen Entwicklung in die Geschichte der geistlichen und weltlichen Sozialfürsorge in Siebenbürgen ein. Laut dem Autor markiert der Band den vorläufigen Schlusspunkt der Erforschung des mittelalterlichen Spitals von Hermannstadt.

Der broschierte Band „Hermannstädter Spital und Spitalskirche 13. - 18. Jh.“ (ISBN: 978-3929848953) ist im Honterus Verlag und dem Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde erschienen. Gedruckt wurde es mit der finanziellen Unterstützung des Demokratischen Forums der Deutschen in Hermannstadt. Es ist in den deutschsprachigen Buchhandlungen erhältlich.

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