Geschichte und Geschichten

Eine Nachlese zum diesjährigen Astra-Dokumentarfilm-Festival

Sonntag, 19. Oktober 2014

Regisseur Răzvan Georgescu (r.) im Gespräch mit Karl Hann bei den Filmaufnahmen. Foto: HBO Europe

Wer sich die Liste der beim diesjährigen Astra-Dokumentarfilm-Festival preisgekrönten Filme angesehen hat bzw. diese Streifen, erhält einen völlig falschen Eindruck von dem, was tatsächlich gelaufen ist. Die Jury hat sich, aus welchen Gründen auch immer, für die Wiedergabe sozial-politischer Themen entschieden. In den fünf verschiedenen Vorführungssälen zu sehen aber waren eine Reihe Filme, die weitaus heiklere Themen angegangen und zum Teil auch besser dargestellt haben. Diese Themen gehen in die jüngste Geschichte zurück, die wahrscheinlich angesichts der turbulenten Gegenwart lieber verdrängt werden. Im Folgenden seien einige dieser Streifen kurz präsentiert.

Zu den neun Filmen, die in der Sektion „Rumänien“ im Wettbewerb waren (und leer ausgingen), sind zumindest drei erwähnenswert: In Analogie zu dem in den 1950er Jahren im Gefängnis Piteşti durchgeführten schrecklichen Experiment mit Menschen lässt der seit 2012 in Rumänien lebende britische Politikwissenschaftler und Filmer Tom Wilson von der Securitate ein „Experiment Bukarest“ (so der Filmtitel) durchführen, zwecks Erschaffung eines „neuen Menschen“. Am Schluss erfährt man, dass dieses Experiment nicht stattgefunden hat, kann aufatmen – und denkt hoffentlich darüber nach, was durch Manipulation erreicht werden könnte.

Ein schmerzvolles Kapitel der jüngeren Geschichte Rumäniens ist die Beteiligung am Holocaust und sodann die Genehmigung der Ausreise von Juden u. a. gegen Lieferung von Hühnerfarmen aus Israel. In ihrem Film „Aliyah DaDa“ geht Oana Giurgiu den Bemühungen der Alija, der Rückkehr ins Gelobte Land, von rumänischen Juden nach, die vor über 130 Jahren begann, als eine Gruppe aus Moine{ti nach Palästina zog und unter sehr kargen Bedingungen Landwirtschaft zu betreiben versuchte. Anhand der Interviews mit Nachkommen dieser und anderer Familien schildert sie die Geschichte der aus Rumänien emigrierten Juden in Israel und parallel dazu sehr gut dokumentiert die Entwicklungen in Rumänien. In einer Hommage an Tristan Tzara und Marcel Janco/Iancu setzt sie als Stilmittel sehr effektvoll Decoupagen ein.

Einer ähnlichen Problematik gewidmet – dem Freikauf der Rumäniendeutschen – und künstlerisch sehr einfühlsam gestaltet ist der Streifen von R²zvan Georgescu „Ein Pass für Deutschland“. Er habe sich als „-escu“ des Themas angenommen, weil er in Temeswar unter Schwaben aufgewachsen ist und schon früh mit dem Weggehen der Deutschen konfrontiert wurde, sagte Georgescu. Bei der Erstaufführung des Filmes waren neben dem Filmteam auch zwei der Protagonisten zugegen – der Banater Hartwig Ochsenfeld und der Siebenbürger Karl Hann – sowie der bekannte Musiker Remus Georgescu, der für die Soundkulisse zeichnet. Erstmals gelungen ist es, einen der „Kassierer“ vor die Kamera zu bekommen, die Schwarzgeldzahlungen entgegennahmen, um das Erteilen der Ausreiseformulare zu beschleunigen. Der Film ist aber insgesamt ein wertvolles Dokument für die Geschichte der Rumäniendeutschen, nicht bloß dank der Aussagen bedeutender deutscher Politiker, sondern auch der Nutzung von filmischem Archivmaterial.

Den Niedergang von Engenthal/Mighindoala sowie dem benachbarten Bell/Buia und insbesondere deren siebenbürgisch-sächsischer Dorfgemeinschaft haben drei Absolventen der Bukarester Kunsthochschule – Alexandru Iacob, George Pancencu und Robert Casmirovici – nachgezeichnet. In Siebenbürgen, in einem Dorf bei Miercurea Ciuc gedreht, aber im Wettbewerb der Kategorie Mittel- und Osteuropa zugeordnet, war der köstliche Streifen der ungarischen Filmemacherin Agnes Sos: Mit Humor und Sensibilität hat sie die Bemühungen der verwitweten Senioren um neue Partner aufgezeichnet. Die ins überreife Alter Gelangten erzählten frei heraus über ihre Jugendjahre, Hochzeitsnacht und Eheprobleme – meistens von Schmunzeln begleitet.

Zu sehen gab es wiederum sehr viele schöne, schmerzvolle, heitere oder traurige Geschichten. Wie zum Beispiel jene von zwei in China von einer norwegischen und einer amerikanischen Familie adoptierten Mädchen, die die Norwegerin Mona Friis Bertheussen aufgezeichnet hat: Die Familien stellen zufällig fest, dass es sich um einen Zwilling handelt, die Behörden hatten das verneint. Die Mädchen wachsen getrennt auf und treffen sich erst im Alter von acht Jahren und danach immer wieder. Festivaldirektor Dumitru Budrala sagte zum Abschluss des Festivals, das zwischen dem 6. und 12. Oktober stattfand: Auf Wiedersehen im Oktober 2015. Man darf sich freuen auf neue Filme, die Einblick bieten in die Geschichte und Aktualität.

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