Geschichte zwischen Anekdoten und Urkunden

Gespräch mit Horia Nestorescu-Bălceşti, Jurist, Historiker und Leiter des Nationalen Forschungsinstituts für Freimaurerei

Mittwoch, 07. November 2012

Horia Nestorescu-Bălceşti

Das Nicolae-Bălcescu-Museum
Fotos: privat

Am 29. November werden es 160 Jahre sein, seitdem in Palermo der bekannte rumänische Historiker und Schriftsteller Nicolae Bălcescu verstarb. Über sein Wirken und Werk lernten mehrere Generationen eine gesäuberte Fassung, in der Patriotismus der meistgebrauchte Begriff war. In dem Haus seiner Familie, neben der Gemeinde Bălceşti (heute Nicolae Bălcescu), Kreis Vâlcea, wurde 1968 ein Museum eingerichtet, dessen Gründer und langjähriger Direktor, Horia
Nestorescu-Bălceşti, zahlreiche anekdotische und ernste Geschichten auf Lager hat. Er selbst (Jahrgang 1938) entstammt einer kleinbürgerlichen Bukarester Familie und musste – um eine „saubere“ Akte zu haben – erst mal als Elektroniker arbeiten, um studieren zu können. Es sollte auch nicht die Philosophie werden, sondern die Rechtswissenschaft. Nach einem kurzen Umweg über die Presse konnte er sich ab 1968 seiner großen Liebe, der Geschichte der Moderne, widmen. Das Gespräch führte Hans Butmaloiu.

Herr Horia Nestorescu, Sie haben eigentlich Jura studiert und Ihr Leben der Geschichte gewidmet. Wieso?

Na ja, ich interessierte mich schon immer für Geschichte, in Jura habe ich promoviert, doch ich war nicht einmal einen Tag lang Jurist, Anwalt oder Ähnliches. Mein Berufsleben habe ich als Mitarbeiter bei mehreren Zeitungen in der Hauptstadt begonnen.

Um dann die Stelle des Direktors eines Museums zu übernehmen, und zwar gleich mit dessen Gründung ...

Das war so: Nicolae Ceauşescu war Mitte der 60er Jahre jung, neu und machte sich beliebt. Damals hatte schon eine Kampagne begonnen, in der er historischen Gestalten, darunter auch Ştefan dem Großen und anderen Helden, „die Hand reichte”. Während einem seiner „Arbeitsbesuche” in der ehemaligen „Region Argeş” sollte er in Râmnicu Vâlcea eben den General Magheru empfangen, der ihm – hoch zu Ross – entgegenkommen sollte. Aufgrund einer Lokalintrige hatte jedoch am Vortag jemand in Piteşti die zündende Idee, das auf der Strecke zwischen Râmnicu Vâlcea und Piteşti liegende Haus von Nicolae Bălcescu zu besuchen, wo sich die Bibliothek des großen Patrioten befindet. Ceauşescu war einverstanden und beschloss kurzerhand: „Morgen fahren wir dorthin!”

Damit ist totale Panik ausgelöst worden: Erstens steht das Haus nicht an der Hauptstraße, sondern erscheint erst nach etwa fünf Kilometern Feldweg, idyllisch am Waldrand. Zweitens wird der Feldweg selbst, unbefestigte Erde, von einem Bächlein gekreuzt, welches mal austrocknet, mal über die Ufer tritt, aber damals keine Brücke hatte. Am nächsten Tag war der Feldweg schön mit einer Kiesschicht bedeckt und die Armee hatte über das Bachbett eine Ponton-Brücke gelegt, damit Ceauşescu kommen konnte. Wie die Bewohner da-nach geschimpft haben! Denn nach dem Besuch wurde die Brücke natürlich abgebaut und die Freude verwandelte sich in Ärgernis. Gut, Ceauşescu war im Haus, hat es besichtigt und von dem wunderschönen Balkon der Rückfront, gleich wo der Wald beginnt, vor der ganzen Versammlung verkündet: „Genossen, es sind fast alle Mitglieder der Parteiführung anwesend. Es wurde vorgeschlagen, hier ein Museum zu gründen! Wer ist dafür?!” Hurra-Rufe und alle hoben die Hände zur Befürwortung und klatschten eifrig Beifall – wie auch anders.

Welche Verbindung gab es jedoch zu Ihnen, da Sie ja in einer Redaktion in Bukarest waren und nichts mit dem Besuch zu tun hatten?

Natürlich gar keine! Doch sie sollte kommen. Der Vizepräsident der Kommission für Kunst und Kultur beorderte sofort „alle diejenigen, welche sich mit Bălcescu befasst haben“, zu einem Treffen in sein Kabinett. Ich, ein junger Bursche, hatte gerade zehn Zeilen über die Büste geschrieben, welche im „Sfântul Sava”-Lyzeum enthüllt worden war, aber meine Kollegen wussten von meinem Interesse für Bălcescu. Also wurde ich auch dorthin geschickt, wohl, weil es kein anderer machen wollte. Im Kabinett habe ich weiche Knie bekommen: Es war ja alles, was Rang und Namen hatte, anwesend. Der Dekan der Geschichtsfakultät, Maciu, Schrecken aller Studenten und Mitarbeiter, Dan Berindei, Cornelia Bodea und so weiter. Ich habe mich brav in die hinterste Ecke gesetzt und mir die mehr als angeregte Diskussion angehört. Und, wie jeder unerfahrene Jüngling, ohne Kenntnis über den Ablauf solcher Gespräche, hat mich der Eifer gepackt, genau als Professor Maciu über Patriotismus, 1848 und was weiß ich noch redete. Ich rief laut dazwischen: „Aber das alles haben doch die Freimaurer gemacht!“ Augenblicklich trat Ruhe ein und mir wurde bewusst, welchen Riesenunsinn ich verbrochen hatte. Zumal, in die Ruhe hinein, Professor Maciu sich an mich wandte: „Junger Mann, das besprechen wir morgen.”

Was das damals für eine Bedeutung hatte, dürfte vielen auch heute noch wach in Erinnerung sein! Also ich sah schon ganz böse Dinge auf mich zukommen, doch es sollte anders kommen, ganz anders. Das Treffen endete, die Großen gingen zuerst, und während ich mich unauffällig zur Türe schlich, tönte eine Stimme in meinem Rücken: „Sie gehen noch nicht, Genosse!” Es war der Vizevorsitzende. In dem Augenblick dachte ich nur noch daran, dass ich nicht mehr davonkomme. Er bat mich, Platz zu nehmen und machte mir einen Vorschlag: „Ab morgen sind Sie Direktor des Bălcescu-Museums.” Ich sagte nur: „Von welchem Museum?”, worauf er mir antwortete: „Das, welches Sie einrichten werden!”

Einfach so?

Einfach so! Allerdings mit einem Empfehlungsschreiben ausgestattet, welches mir jedes Archiv öffnete, und mit unglaublichen Geldmitteln. So habe ich begonnen, aus Museumslagern, von Sammlern und dem Erbe der Nachfahren, nach und nach den Bestand aufzubauen.

Was wussten Sie damals über die Verbindung zwischen Bălcescu und der Freimaurerei? Hatten Sie Beweise, Vermutungen, suchten Sie nach Antworten?

Das ist etwas anderes, denn wenn jemand Freimaurer wird, so braucht er einen Paten, der ihn einführt, ihn der Loge vorstellt. Wenn ich gefragt werde, wer mein Pate beim Beitritt war, so sage ich immer: „Nicolae Bălcescu”. Und hätte ich nicht sein Lebenswerk so kennengelernt, wie ich es kennengelernt habe, so wäre ich wahrscheinlich nie Freimaurer geworden und hätte mir auch nicht den Beinamen Bălceşti zugelegt.

Das müssen Sie schon ein wenig ausführlicher erzählen ...

Mache ich auch! Also, während ich das Museum in Bălceşti einrichtete, beschaffte ich auch Freimaurerzeichen und Schriften, welche in diese Richtung weisen. Ich kannte schon genauestens das Leben von Bălcescu, in welchem „Liberté, Égalité, Fraternité”, die Grundlosung der Freimaurer, eine Kernrolle spielte. Ich kannte schon die Verbindungen Bălcescus im Ausland, seinen Briefwechsel mit den zeitgenössischen Persönlichkeiten, den großen Revolutionären der Periode. Mit den erwähnten Geldmitteln gelang es mir bald, von den Nachfahren Bălcescus einen Bestand an Freimaurerobjekten zusammenzustellen. Unter den Sammlern, von welchen ich für das Museum aufkaufte, hatte ich das Glück, auch Freimaurer anzutreffen, welche mir das jedoch nie offen gesagt haben. Einer der Berühmtesten, Gheorghe Buzdugan, Kriminologe und Herausgeber eines Fachbuchs über Grafologie, verkaufte mir sehr viele Medaillen. Professor Potra verkaufte mir zahlreiche Urkunden, sodass ich nach drei bis fünf Jahren die größte Freimaurersammlung hatte, größer als die der Akademie oder des Landesmuseums.

Sie wollen doch nicht andeuten, dass solche Objekte vor 1989 ausgestellt waren, ohne erkannt zu werden?!

Nein, natürlich nicht! Selbstverständlich erweckte meine Stelle auch Neid und natürlich wurde ich deswegen auch angeschwärzt. Ich wurde deswegen zur Partei gerufen und zur Rede gestellt. Ich war reinen Gewissens und wollte den Vorwurf hören, der mir gemacht worden war: „Sie geben leichtfertig das Geld der Kultur für Dinge aus, welche nichts mit Bălcescu zu tun haben!” Ich verlangte konkrete Beispiele und man antwortete mir: „Die Freimaurerei”. Ich hatte wieder Glück, der Parteivertreter war ein offener Geist und ich erläuterte ihm, wer alles im Umfeld von Bălcescu nachweislich Freimaurer gewesen war. Zwei bis drei Wochen später besuchte er mich, nachdem ich einige – echt lächerliche – „Vorkehrungen” getroffen hatte und die wichtigsten Unterlagen in einer Metallkassette in einem der wunderschönen Kachelöfen des Hauses versteckt hatte. Der Genosse erklärte mir, er habe mich verstanden, ich dürfe weiter solche Ankäufe machen, doch wollte er wissen, wo ich sie aufbewahre. „Im Kachelofen“, antwortete ich scheinheilig. Die Hände hat er zwar nicht über dem Kopf zusammengeschlagen, doch entsetzt war er durchaus: „Du Narr! Ab morgen richtest du das Zimmer von oben als Freimaurermuseum ein, sperrst ab und trägst den Schlüssel immer in der Tasche. Hinein darf nur, wer mit einer schriftlichen Bewilligung von mir kommt.” Das war so gegen Ende der siebziger Jahre. So habe ich es gemacht und in den Jahren danach sind zwei oder drei Besucher gekommen. Sie haben nicht gesagt, wer sie sind und ich habe sie nicht gefragt.

Kommen wir bitte wieder zu Bălcescu und der Freimaurerbewegung zurück. Welches sind die erwähnten Indizien für seine Zugehörigkeit zur Freimaurerei?

Es gibt keinen schriftlichen Beweis, dass Bălcescu Mitglied einer Freimaurerloge gewesen ist. Als Historiker verneigen wir uns vor einer schriftlichen Unterlage, doch bei ihm ist es nicht der Fall. Es gibt jedoch genügend Elemente, um ihn als Freimaurer zu betrachten. Erstens: Er ist einer der sehr wenigen, welcher in seinem Briefwechsel, nicht nur mit Freimaurern wie Ghica, die Freimaurer-Chiffre benutzte. Ein Nichtfreimaurer konnte die Chiffre nicht kennen. Zweitens: Seine gesamte europäische Vision, welche weit über die Romantik hinausging, stellt ihn neben Giuseppe Manzini, Lajos Kossuth, und das um 1850, in einem Umfeld voll von Freimaurern. Drittens: Es ist bewiesen, dass er zusammen mit Ghica und Christian Tell Mitbegründer des Geheimbundes „Frăţia” war, welchen ich als Freimaurerloge betrachte, während Dan Berindei meint, es sei ein Geheimbund freimaurerischer Natur gewesen. Bei diesem Bund habe ich den Entwurf einer Freimaurerverfassung gefunden – an der Veröffentlichung arbeite ich – in welchem gesagt wird, dass „Frăţia” nach einem moldo-walachischen Ritual funktionierte.

Natürlich ist es eine Utopie, doch solche linkischen Formulierungen treffen wir auch bei anderen Freimaurerlogen, ja sogar bei Großlogen an. Viertens: Warum wählte er gerade Palermo, um sich zurückzuziehen? Dafür haben wir zwei Schriftstücke. Erstens hat Bălcescu in Neapel auf seinen Freund, Alecu Paleologu, nicht zu verwechseln mit dem späteren Botschafter in Paris, und auf ein „Empfehlungsschreiben” für Palermo von Ghica gewartet. Wer braucht ein „Empfehlungsschreiben”, um in eine Stadt zu ziehen? Wozu? Heute wissen wir, dass genau zur damaligen Zeit die Führung der zukünftigen italienischen Freimaurerei in Palermo anwesend war: Der spätere Oberste Rat. An dem Haus, in welchem Bălcescu bis zu seinem Tod lebte, sind heute zwei Tafeln angebracht: Eine für ihn und eine für Giuseppe Garibaldi, einem ausgewiesenen Freimaurer. Und weniger als zehn Jahre nach Bălcescus Tod begann von Palermo aus Garibaldis „Marsch auf Rom”, die Italienische Revolution. Fünftens: Im Land ist Bălcescus Testament schon vor vielen Jahren veröffentlicht worden (eine Kopie ist im Museum ausgestellt). Es handelt sich eigentlich um eine Auflistung von Schulden, Daten und testamentarischen Verfügungen. Es wurde in seinem Zimmer, an seinem Todestag, in seiner letzten Lebensstunde unterzeichnet. Wer waren jedoch die beiden Zeugen, welche gegengezeichnet haben? Einer war der osmanische Konsul, Bălcescu hatte ja einen türkischen Pass und war türkischer Untertan. Der zweite war der griechische Konsul. Na, wenn Bălcescu ein armseliger Flüchtling, ein des Landes verwiesener und von allen Polizeibehörden gejagter Mann war, wären da zwei Diplomaten von diesem Rang angereist? Wenig glaubhaft!

Alle Zeitungen Palermos haben seine Anwesenheit in der Zeitspanne bis zu seinem Tod mit großem Interesse verfolgt. Der Eigentümer des Hotels hat noch elf Jahre nach Bălcescus Tod die gesamte Korrespondenz auf seinen Namen gesammelt und im Panzerschrank aufbewahrt. Nur ein mittelloser Flüchtling, der auf dem Armenfriedhof verscharrt wurde? Eigenartig! In allen Urkunden, Zeitungen, offiziellen Vermerken wird er nicht „Niccolo Balcescu” genannt, sondern es wird ihm das Adelsprädikat „Don” verliehen, obwohl er kein Adliger war. Das sind Indizien auf eine höhere Einstufung und Achtung, welche damals der Freimaurerei entgegengebracht wurde. Bălcescu war also eindeutig Freimaurer, meiner Meinung nach.

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