„Geschichten im Kopf vor einer leeren Bühne“

Regisseurin Ruth Beckermann: eine Jüdin aus der Generation nach dem Holocaust auf der Suche nach ihren Wurzeln

Dienstag, 02. April 2019

Diskussion mit dem Publikum nach der Vorführung von „Die papierene Brücke“: Ruth Beckermann und Festival-Direktor Andrei Rus. Foto: George Dumitriu

Zum 12. Filmfestival „One World Romania“ wurde in Kooperation mit dem Österreichischen Kulturforum Bukarest eine Ruth-Beckermann-Retrospektive „Blick in die nahe Vergangenheit“ gezeigt. Vier Filme der berühmten Regisseurin, die anschließend mit dem Publikum diskutierte, sollten die vergessenen Lehren der Vergangenheit auffrischen, in einer Zeit, in der der antisemitische Diskurs in Mittel- und Osteuropa zurückzukehren scheint, so die Idee der Veranstalter.

„Wie Fotos kamen sie mir vor, die letzten Juden von Radautz“. Sie erinnert sich an ihre Kaffeehäuser, die Synagoge, den Vorbeter. „Zehn Männer sind das Maß der jüdischen Gemeinschaft. Die Frauen sind nur Zuschauer.“ Sie folgt den Spuren ihrer Glaubensbrüder bis hinauf zur ukrainischen Grenze. „Ich sah Rabbi Wassermann beim Schächten zu.“ „Ich besuchte die Mikvah, das traditionelle jüdische Bad. Jüdinnen traf ich dort nicht mehr, nur Bauersfrauen aus der Umgebung.“ Vor der Synagoge in Botoșani filmt sie Frau Rosenbeck. Die betagte Ivrit-Lehrerin bereitet sich aufs Auswandern vor. Die Regisseurin kommentiert vor der Kamera: „Die rumänischen Juden versuchen das Unmögliche - sie wollen ihre Kultur erhalten und wandern doch nach Israel aus.“ 


40 Kilometer vor Czernowitz/Cernăuți, der Stadt, aus der ihr Vater stammt, kehrt Ruth Beckermann um. Es war die Suche nach Bildern, die zu den Geschichten aus ihrer Kindheit passen sollten,die die Jüdin aus Wien 1985 in die Bukowina führten. „Und die Angst vor dem Vergessen.“ Denn ohne diese Bilder hatte sie „nur Geschichten im Kopf, vor einer leeren Bühne.“ Wie die Legende von der papierenen Brücke über den Pruth, die man sich dort vor dem Holocaust erzählte, über die die Seelen ins Jenseits gingen. Eine Art Vorahnung? „Die papierene Brücke“ nennt sie auch den Film, der 1987 entsteht.

Beschattet, verhaftet, eingeschüchtert

Auf der Reise im Winter 1985 wird Ruth Beckermann nicht verhaftet. Ihre Filme werden nicht konfisziert, wie ein Jahr zuvor, als sie tatsächlich bis nach Czernowitz gefahren war. Die Regisseurin lacht. Zuerst passierte es, als sie mit dem Bus zum ehemaligen Haus des Rabbi fuhr. „Sie müssen mir schon überall gefolgt sein.“ Dann auf dem Markt, wo sie Frauen beim Verkauf von Erdbeeren filmte. „Ein Jeep brachte mich zur Polizeistation. Ich wurde stundenlang verhört. Wen ich kenne in Wien? Ob ich den oder den kenne, an einem bestimmten Platz? Sie nahmen meinen Film aus der Kamera. Dann kamen die Marktfrauen, sie mussten als Zeugen direkt auf der Filmrolle unterschreiben!“ Das fand sie noch lustig.

Angst bekam sie erst, als sie mitten in der Nacht an der Grenze aus dem Zug nach Bukarest geholt wurde. „Ich hatte kein Handy. Niemand wusste, wo ich war.“ Ihre Filme wurden geröngt. Das war das Ende der Marktszenen. Der Zug wartete und sie durfte weiterfahren. In Bukarest musste Ruth Beckermann einen Tag lang auf ihren verpassten Anschluss nach Wien warten. „Ich hatte viel Zeit, also ging ich zur jüdischen Gemeinschaft. Dort hatte ich eine Art Zusammenbruch. Ich weinte.“

Zweiter Anlauf

Auf dem verlassenen jüdischen Friedhof von Sereth/Siret neigen sich die Grabsteine in alle Richtungen. Der Mann, der sie dort herumführt, spricht Deutsch mit einem seltsamen Akzent. Suchend gleitet die Kamera umher. Hier ein Lebensbaum. Dort der gebrochene Lebensbaum am Grab eines Selbstmörders. Es liegt abseits, am Rande des Friedhofs. Suizid gilt auch bei den Juden als Sünde.

In einer anderen Szene, die sie einige Tage später in Osijek (Kroatien) dreht, diskutieren zwei Holocaust-Überlebende, warum es im KZ keinen Aufstand gab. „Das wäre Selbstmord gewesen“, sagt einer. „Lieber durch eine Kugel sterben als im Gas“, der andere. Ein Streit entbrennt. Zwei starke Szenen, die sie als tragende Säulen für ihren Film auswählt.

Im Dialog mit der Geschichte

Über 30 Jahre nach ihrer ersten Rumänienreise findet sich die mittlerweile bekannte Regisseurin wieder in Bukarest. „Die papierene Brücke“ wird zusammen mit drei weiteren ihrer Filme zur Aufarbeitung des Holocaust - „Jenseits des Krieges“ (1996), „Homemade“ (2001) und „Waldheims Walzer“ (2018) - zum Anlass des internationalen Filmfestivals „One World Romania“ im März, unterstützt vom österreichischen Kulturforum Bukarest, gezeigt. Im Anschluss steht die Regisseurin den Zuschauern Rede und Antwort. Für die meist jugendlichen Kinobesucher ist es wie ein Dialog mit der Geschichte. Manche haben alle vier Filme gesehen. „In der Schule haben wir dazu nichts gelernt“, entschuldigt sich ein junger Mann für seine Fragen. Kaum jemand weiß etwas über das Leben der jüdischen Minderheit vor dem Holocaust, erklärt ein anderer. Manche inte-ressieren sich für die Arbeitsweise der Regisseurin. Die technischen Zwischenfragen, ihr Plauderton, ihre Offenheit und ihr spontaner Humor brechen das schwere Thema in verdauliche Stücke auf.

„Ein Film ist wie ein Gebäude. Er hat eine Statik, die muss stehen, bevor man die Details einfügen kann“, erklärt Beckermann. Niemals bereist sie die Orte der Filmarbeiten vorher. Niemals kehrt sie zurück, um Interviews zu wiederholen, damit sie besser ins Konzept passen. Sie plant voraus, doch manchmal passiert etwas Unvorhergesehenes. Dann nimmt sie, was kommt. Konstruiert aus dem Vorhandenen. Verwirft, was im Gesamtprodukt nicht stimmig scheint. Die Szene in Osijek war so ein ungeplanter Glücksfall gewesen. Zufällig befand sich eine Gruppe amerikanischer Juden vor Ort: Statisten für einen Holocaust-Film. Nur zögerlich ließen sie sich von ihr filmen, nur schwer lösten sie sich aus ihren Rollen, hatten Mühe, vor der Kamera einfach nur sie selbst zu sein.

Am Ende der Reise durch Osteuropa kamen 15 Stunden Filmmaterial zusammen. Die Szenen aus der Bukowina sind das Herzstück. „Es war sehr wichtig für mich, denn ich wusste nichts über die Vergangenheit meiner Eltern. Mein Vater war 1948 aus Czernowitz zu Fuß bis nach Wien gewandert und hat dort ein ganz neues Leben begonnen. Mit abgeschnittenen Wurzeln. Die meisten Familienmitglieder ermordet, nur die Schwestern haben die Deportation nach Transnistrien überlebt.“ Der Eiserne Vorhang verhinderte ein Wiedersehen bis in die 50er Jahre, als diese nach Israel auswanderten. Für Ruth gab es keine Bilder aus seinem Alltag. „Er kam von nirgendwo“, so empfand sie es als Kind. „Und er wollte nie zurück. Es war ja auch niemand mehr dort.“

Dreharbeiten als Therapie

Nur in seinem Kopf lebte Czernowitz weiter – als Ort, an dem es fast keinen Antisemitismus gab: „In der Stadt gab es Schwaben, Juden und Rumänen, in den umliegenden Dörfern Ukrainer. Sie lebten friedlich miteinander. Im Ersten Weltkrieg waren die Juden sehr angesehen als Soldaten. Zu Feiern lud der katholische Kardinal stets auch den Ober-rabbiner ein.“ Die Familie ihres Vaters war arm gewesen: neun Kinder. „Doch es war gemütlich.“ Bis Hitlers langer Arm auch dorthin reichte und man den Bauern versprach: „Du bekommst das Haus, den Laden des Juden…“

Für Ruth Beckermann, 1952 in Wien geboren, blieben viele Fragen offen. Sie seien typisch für ihre Generation. „Wo ist unsere Heimat? Was ist unser Ort? Sollten alle Juden in Israel leben?“ Oder an die Eltern: „Wieso seid ihr in Wien geblieben, nach allem, was dort passiert war?“
„Der Film war sehr wichtig für mich, nicht nur als Regisseurin“, bekennt Beckermann. Drei Jahre hatte sie dafür gebraucht. Musste Unsicherheiten überwinden. Den Mut finden, zu stören. „Man sprach nicht darüber, Jude zu sein“, erinnert sie sich an ihre Kindheit. Und bemerkt: „Antisemitismus gab es auch nach 1948 noch.“ „Wenn sich meine Eltern im Kaffeehaus mit Freunden trafen, sagte die Mutter oft: ‚Sprecht nicht so laut. Man soll nicht wissen, dass wir Juden sind.‘“ Sich unsichtbar machen, daran war sie gewöhnt. Zu den Dreharbeiten bemerkt sie offen: „Sie ersetzten mir den Psychiater.“

Wenn der Weg zum Ziel wird

„Oft ist das Weggehen selbst Ziel der Reise“, sinniert Ruth Beckermann im Film. Ihr Vorhaben, die Geburtsstadt ihres Vaters zu zeigen, konnte sie zunächst nicht realisieren. Doch die jüdische Gemeinschaft in Bukarest, der sie ihr Herz nach der missglückten Reise ausgeschüttet hatte, brachte sie auf die Idee, den Spuren der letzten Juden in der rumänischen Bukowina zu folgen. Ihre Lebensweise sei identisch, die Grenze ein künstliches Konstrukt. Beckermann begleitet sie mit einem Filmteam zu deren jährlicher Reise an Hanukkah. Winter. Minus zwanzig Grad. Warmwasser im Hotel gab es nur für zwei Stunden. „Und wir hatten einen französischen Kameramann, der musste pünktlich um zwölf Uhr zu Mittag essen.“ Widrige Umstände für jemanden, der direkt aus Wien kommt, erklärt sie lachend.
Vor Ort macht sie sich selbstständig, filmt, führt Interviews. Setzt ihren Pflichtbegleiter ins Hotelrestaurant oder Café, bleibt unbehelligt. In Bukarest zurück, bittet er sie, auch ein modernes Wohnviertel aufzunehmen. „Damit die Leute sehen, dass ihr auch schöne Dinge filmt.“ Sie lacht. „Wir taten so, als ob.“

Bühnenbild mit weißen Flecken

Zehn Jahre später kehrt sie doch noch nach Czernowitz zurück. Zeigt auch dort ihren Dokumentarfilm „Die papierene Brücke“. Begeistert sich: „Die Lage der Juden war ganz anders, sie hatten inzwischen ihr Kulturhaus zurückbekommen. Sie empfingen mich wie eine Tochter der Stadt.“ Längst hatte sich herumgesprochen, wer die berühmte Besucherin war.
„Oma Rosa trug den gelben Stern nicht“, sagt Ruth Beckermann unvermittelt im Film. „Sie ging einfach nicht ins Ghetto in Theresienstadt. Sie verkleidete sich als Bäuerin und stellte sich stumm. So hat sie überlebt.“ - „Mein Großvater züchtete Pferde und verkaufte sie. Die Juden in der Bukowina waren ganz anders als die in Polen oder an anderen Orten. Nicht religiös, und stark verbunden mit der Erde.“ Puzzlesteine, die hier und dort bei ihren Recherchen aufsprangen. Versatzstücke für das Bühnenbild ihrer Geschichte. Doch in den Lebensfäden, die über Länder reichen, klaffen Lücken.

Woher komme ich, wohin gege ich, wo ist mein Ort? - Ob sie eine Antwort auf diese Fragen gefunden hat? Beckermann gesteht: Nach Jahren in Israel, Frankreich und den USA kam sie immer zurück nach Wien. „Ich werde nie einen Ort besser kennen, die Sprache, seine Menschen, ihre Gewohnheiten.“ Auch wenn das Textilviertel, in dem sie aufwuchs und wo ihr Vater einen Laden führte, nicht mehr existiert. „Als Kind schämte ich mich für die jüdischen Händler dort“, bekennt die 67-Jährige. „Heute studieren deren Kinder im Ausland, wandern alle aus“, fügt sie leise an. „Doch wer weiß? Vielleicht musste ich meine Geschichte dort finden?“


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