Gesellschaftsspiegel Mode

Dienstag, 17. Januar 2012

Bild: sxc.hu

In Rumänien hat sich viel verändert. Vor zehn Jahren etwa besaß ein rumänisches junges Mädchen ein einziges Paar waffengrädig hoher Stöckelschuhe, die für alle Gelegenheiten taugen mussten: den täglichen Gang ins Büro, den abendlichen Stadtbummel über das Bukarester Kopfsteinpflaster, den sonntäglichen Spaziergang über bucklige Wege im Park. Nur so ist erklärbar, warum die Damen in den Delegationen junger Rumänen, die zu Ausbildungszwecken nach Deutschland eingeladen wurden, stets mit nur einem ebensolchen Schuhpaar anreisten, obwohl auf dem Programm explizit ein Ausflug in die Berge angekündigt war. „Nein, die sind ganz bequem“, logen die Mädchen dann mit schmerzverzerrtem Gesicht und waren doch froh, als man ihnen aus Mitleid auf dem Weg zum Schloss Neuschwanstein eine Pferdekutschfahrt spendierte.

Des Weiteren standen damals Glitzerkleider hoch im Kurs, aber auch damenhafte Kostüme mit gewagten Mustern, für die Tausende arme Polyester ihr Leben lassen mussten. Ultrakurze Miniröckchen, transparente Blusen und Dekolletés, bei denen man sich fragte, wie der Popo in die Bluse gelangt war, gehörten zum normalen Straßenbild. Weiblichkeit und Professionalität schlossen einander nicht aus – anders als im Westen, wo eine angehende Karrierefrau einem strengen Dresscode unterworfen ist, so lange jedenfalls, bis sie Kanzlerin geworden ist und auf einmal ungestraft rote Kostümjacken tragen darf. Eine Ausländerin erkannte man in Bukarest auf den ersten Blick, entweder an den bequemen Tretern oder an der Tatsache, dass bei Westfrauen der Dresscode umgekehrt funktioniert: fein zurechtgemacht höchstens im Büro, abends, Samstags und Sonntags jedoch leger.

Heute hat sich das Lagebild in Rumänien total verändert! Westliche Modetrends sind auch hier längst Diktat: platte Turnschühchen und Sandalen, die obligatorischen Jeans, egal ob bauchfrei oder mit türkisch inspiriertem Hängeschritt, und darunter – wie mir Mütter von jungen Mädchen verrieten – Unterhosen, die aus drei Fäden bestehen, sodass man sie notfalls auch als Haargummi verwenden kann. „One size fits all“, denn der Hintern bleibt ja draußen. Wird am Stoff gespart, weil die Wirtschaftskrise so zuschlägt? Stöckelschuhe hingegen trägt man heute nur noch zu Taufen, Hochzeiten oder auf dem Dorf, und zwar um zu zeigen, dass man nicht vom Dorf kommt, was vor allem dann wichtig ist, wenn letzteres zutrifft...

Anders als man denken sollte, hat Mode wenig mit dem Wunsch nach gutem Aussehen zu tun. Jahrhundertelang bestimmten Kirche oder Gesellschaft, was wann zu tragen war. Die Mädchen in sächsischen Dörfern waren zum Kirchgang einem strengen Trachtenkodex unterworfen, jeder Verstoß wurde von den Mitschwestern ins Richttag-Büchlein eingetragen. Auch wenn sich die Mädels heute völlig anders kleiden, hat sich an letzterem kaum etwas geändert. Wie sonst ist zu erklären, dass auch das moppelige Nachbarsmädel bauchfrei trägt, weil Hosen, die bis über den Nabel reichen, seit Jahren mega-out sind. Es steht ihr zwar nicht, doch was sollen sonst die anderen denken! Wer jung und modisch out ist, landet schnell im Abseits.

In Deutschland stöhnen Eltern über die Markenhörigkeit, die dort schon bei den Kleinsten beginnt. Nicht was der Figur schmeichelt zählt, sondern ein popeliges Etikett mit den richtigen Buchstaben drauf! Und doch greifen sie tief in die Tasche, um ihrem Sprössling die traumatisierende Erfahrung zu ersparen, als Kindergarten- oder Klassengespött zu enden. Obwohl sich Kirche und Gesellschaft aus der Klamottenfrage längst raushalten, ist das Diktat der Mode geblieben. Rumänien hinkt zwar ein wenig hinterher, doch zeichnen sich auch hier langsam dieselben Muster ab. Sind wir nun ein bisschen europäischer geworden? Oder was sagt uns das veränderte Modeverhalten? War die kokette Weiblichkeit von damals ein Spiegel früherer Frauenziele: einen attraktiven Partner zu finden, vielleicht um zu heiraten und eine Familie zu gründen? Und welchen Wert reflektiert das heutige Modeverhalten? Möglichst viel Geld zu haben, um Klamotten mit dem „richtigen“ Label zu kaufen?

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