Gewerkschaften unzufrieden wegen Mindestlohn

Mittwoch, 09. Dezember 2015

Bukarest (ADZ) – Die rumänischen Gewerkschaften laufen Sturm gegen den Etatentwurf 2016, der u. a. den gesetzlichen Mindestlohn bei 1050 Lei einfriert bzw. von dessen Erhöhung auf 1200 Lei absieht. In einem offenen Brief an den Premier forderten fünf Gewerkschaftskonföderationen Dacian Cioloş auf, den Landesrat für Sozialdialog zu einer Dringlichkeitssitzung einzuberufen, damit der Haushaltsplan 2016 auch in diesem Rahmen analysiert werde. In ihrem Schreiben verwiesen die unterzeichnenden Gewerkschaften Cartel Alfa, CNSRL Frăţia, Blocul Naţional Sindical, CSDR und CSN Meridian ausdrücklich auf die üppigen Gehaltsanhebungen für Amtsträger sowie auf die Sonderrenten der Parlamentsabgeordneten und forderten ein „Ende der sozialen Ungleichheit“.

Kommentare zu diesem Artikel

Sraffa, 11.12 2015, 04:50
@Tourist : Ökonomische Entwicklungen sind in Realität schon etwas komplexer als Sie es sich aus den Gedankenspielen Ihrer Grundstudiumsvorlesung zur Nationalökonomie behalten haben. Angesichts der Realität ist Mindestlohn ein Eckpfeiler einer zivilisierten Ökonomie, nach dem der Manchester-Kapitalismus beendet ist und die Theorien der Chicago-Boys der 80/90' er Jahre abgewirtschaftet sind. Es müssen schon zivile Grundlagen geschaffen werden um die Milllionen Arbeitskräfte zur Rückkehr resp. zum Verbleib in ihrer Heimat zu motivieren.
Tourist, 10.12 2015, 14:26
Volkswirtschaftslehre 1: in einer geschlossenen Marktwirtschaft erhöht eine Lohnsteigerung die Kaufkraft, somit die Nachfrage, somit die Produktion von Gütern, das BIP steigt, auch die Steuereinahmen, alles super.
In einer offenen Volkswirtschaft hingegen sinkt durch Lohnsteigerung die Produktivität, die Kaufkraft steigt zwar, es werden aber hauptsächlich ausländische Produkte gekauft, Importe Steigen, Exporte sinken, die Handelsbilanz verschlechtert sich. So und nun darf jeder einmal raten, was Rumänien ist: eine einsame Insel in einem unendlichen Ozean, umgeben nur von Wasser, oder ein kleiner Player am globalen Weltmarkt, Mitglied der EU, Mitglied der WTO, ausgesetzt dem kalten Wind der globalen Konkurrenz von Marocco bis China.
Manfred, 10.12 2015, 11:06
Sehr gut erklärt,Linares-danke!Mir stellt sich nur noch die Frage,warum man in Rumänien permanent der Meinung ist,das Rad müsse neu erfunden werden...Egal worum es geht,in RO übernimmt man keine bewährten Dinge aus anderen Ländern...man macht es anders und meistens nicht besser.
Sraffa, 10.12 2015, 01:04
Sicherlich wollen Gewerkschaften und PSD mit diesem Thema Ihr Klientel beeindrucken, zu Recht. Lohnverhandlungen mit Arbeitgebergruppen werden flächendeckend nicht das gleiche Ergebnis bringen wie ein gesetzlicher Mindestlohn. Es geht hier um Mindeststandards für die untersten Gruppen. Meine Erfahrung in D mit dem Mindestlohn ist daß dessen gesetzliche Festschreibung ( EUR 8,50 ) insgesamt erfolgreich bewertet werden muss.
Linares, 09.12 2015, 22:26
Hallo, Manfred, im Prinzip haben Sie ja recht, "aber" ( Radio Eriwan) rumaenische Gewerkschaften funktionieren eben nicht so wie deutsche Gewerkschaften. Sie haben, eine bestimmte Groesse und Verbreitung vorausgesetzt, ein Mitspracherecht im Nationalen, Dreiparteien Rat fuer sozialen Dialog (CNTDS), und einige Gewerkschaften haben einen Kooperationsvertrag mit der PSD gezeichnet. Aus dieser Situation heraus kritisieren sie nun die neue Regierung und deren Entscheidung zum Mindestlohn.

Man muss dann nach den Gruenden forschen und kommt sehr schnell auf zwei Dinge:

1.) Die PSD gefuehrte Regierung puscht die Mindestloehne, weil sie bei jeder Anhebung mehr Steuern und Abgaben fuer die maroden Sozialsysteme und die Staatskasse einfahren. Da der rumaenische Arbeitnehmer nur etwa 72% der Bruttoloehne ausbezahlt bekommt, liegt die Steigerung des Netto'minderst'lohnes bei schlappen 100 Lei ( derzeit 22,-- Euro).

2.) Mit dem Argument, dass der Mindestlohn ja nun kraeftig angehoben wurde, koennte man sich gegenueber dem Waehler einmal wieder kraeftig selbst auf die Schulter klopfen und gleichzeitig Taxen und sonstige Abgaben (z.B. auf Energie) erhoehen, weil es dem Buerger ja jetzt finanziell deutlich besser geht.

3.) Die Mitgliederzahlen der Gewerkschaften befinden sich auf Talfahrt. Die Gelegenheit, die eigene Notwendigkeit hervorzuheben und gleichzeitig die "neue" Regierung in ein unguenstiges Licht zu ruecken, hat sich doch angeboten.Da sich die Mitgliederbeitrage am Lohn orientieren, geht ihnen jetzt die Kompensation fuer den Mitgliederverlust durch die Lappen.

Der rumaenische Staat speist seine Bediensteten wohl kaum mit dem Mindestlohn ab. Dies tun in der Regel kleine Betriebe auf dem Land. Diese werden aber durch eine unverstaendliche Politik ohnehin kraeftig schikaniert ( 3% Steuer vom Umsatz ohne Ruecksicht auf Gewinn-/Verlustlage, ab 2016 Strafsteuern fuer Betriebe ohne Mitarbeiter etc.). Also betrifft die Entscheidung der Ponta - Regierung einmal wieder diejenigen, die sowieso auf dem Zahnfleisch gehen.

Die einzige Frage ist also, on Ciolos dasa begriffen hat.
Manfred, 09.12 2015, 10:59
Ich verstehe die Aufregung der Gewrkschaften nicht-ist es nicht ihre Aufgabe,mit den Arbeitgebern zu verhandeln?Der Staat legt doch lediglich das absolute Minimum fest,nicht mehr.

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