Gleichheit, Brüderlichkeit und Eintracht

Ein großes Stadtfest für alle Einwohner in Sächsisch-Regen

Freitag, 31. Mai 2013

Zahlreiche Pfarrer mehrerer Konfessionen waren an der Einweihung der Gedenktafel am Rathaus beteiligt. Pfarrer Johann Zey (2. v. r.) betreut heute die evangelische Glaubensgemeinschaft, Pfarrer Wolfgang Rehner (3. v. r.) war sein Vorgänger im Amt.

Auch Frauen vom Deutschen Forum Sächsisch-Regen beteiligten sich am Markt im Zentralpark der Stadt.
Fotos: Aida Ivan

1863 wurde die Marktgemeinde Sächsisch-Regen durch eine vom Kaiser Franz Joseph unterzeichnete Urkunde zur königlichen Freistadt erhoben. Die Bewohner hatten sich schon 100 Jahre davor darum bemüht, dass ihre Gemeinde einen höheren Rang bekommt, aber ohne Erfolg. Als Sächsisch-Regen endlich unabhängig und durch die Kürzung der Steuern privilegiert wurde, wurde die „Reener Hochzeit“ gefeiert. Im 19. Jahrhundert, als das geschah, waren die Sachsen in Regen in der Mehrheit und die hier lebenden siebenbürgischen Ethnien wurden vom evangelischen Stadtpfarrer Johann Kinn mit drei Blumen verglichen, da sie auf demselben Boden und im Licht derselben Sonne wachsen. Damit die Erinnerung  an diese wichtige historische Episode unter den Bewohnern wachgehalten wird, wurde in der Stadt 150 Jahre danach, am vergangenen Samstag und Sonntag, ein vielschichtiges Jubiläumsereignis mit Kultur- aber auch Unterhaltungsveranstaltungen organisiert.

Seit der Stadterhebung hat sich aber vieles verändert. Die meisten Siebenbürgen Sachsen sind nach Deutschland oder Österreich ausgewandert, Sachsen wurden dementsprechend zur Minderheit in Sächsisch-Regen: „Es ist schade, dass nur noch ungefähr 200 Sachsen in der Stadt leben, aber es gibt sehr viele außerhalb Sächsisch-Regens, die sich für die Stadt engagieren und ihren Geburtsort lieben“, sagte Bürgermeisterin Maria Precup, die präzisierte, dass das Stadtfest auf die Initiative von Menschen zurückzuführen ist, die nicht mehr in Sächsisch-Regen wohnen. Der deutsche Beitrag zur Reener Hochzeit war bemerkenswert. Der evangelische Pfarrer in Sächsisch-Regen, Johann Zey, erklärt die Entwicklung des Festes von der Idee zur Tat: „Die zündende Idee für dieses Fest kam von einem Deutschen, der mit einer Siebenbürgerin verheiratet ist und sich mit dem Reener Ländchen sehr verbunden fühlt. Sein Name ist Hermann Grimm und er wohnt in Gerolfingen. Nachdem er uns diesen Hinweis gegeben hat, sind wir aktiv geworden. Besonders Peter Schüller, ein Reener, hat das dann energisch vorantreiben können, weil er die Bürgermeisterin dafür gewinnen konnte“. Auch die zwei Vertreter der im Ausland lebenden Reener waren anwesend: Dilpl.-Ing. Folkmar Alzner (Österreich) und Dipl.-Ing. Reinhard Griessmüller (Deutschland).

Außerdem wurde die königliche Urkunde der Stadt Sächsisch-Regen wieder geschenkt. Mithilfe des österreichischen Botschafters, Michael Schwarzinger, wurde das offizielle Dokument aus dem 19. Jahrhundert im Wiener Archiv gefunden, die „Geburtsurkunde“ der Stadt. „Wir haben bemerkt, wie sehr in Regen die Kultur und die Geschichte gepflegt werden und die Bevölkerung großartig bei diesen Sachen mitmacht“, sagte der Botschafter, der aus dem Anlass der Reener Hochzeit zum ersten Mal die Stadt besucht hat. Mannigfaltige Veranstaltungen fanden vorwiegend in der Altstadt statt und sorgten dafür, dass reges Treiben auf den Straßen herrschte. Am Samstag wurde die Hauptstraße gesperrt, wo sich viele Leute vor dem Rathaus versammelt hatten. Auch der Innenhof war voller Menschen, denn das Rathaus hatte seine Türe geöffnet. Empfangen wurden die Gäste von Trachtenträgern. Begonnen wurden die Feierlichkeiten mit dem Trachtenumzug auf der Hauptstraße, die heute Mihai Viteazu heißt. Zu den Klängen der Blaskapelle marschierten zuerst Schüler aus verschiedenen Schulen, danach Ensembles aus Regen und den benachbarten Ortschaften.

Im Zentralpark wurde ein Handwerkermarkt eingerichtet. Zum Verkauf angeboten wurden verschiedene Holzobjekte, silberner Schmuck, Kerzen, Stickereien, Obst oder Konfitüre. Auch für das leibliche Wohl wurde gesorgt: Fleißige Sächsinnen vom Zentrumsforum Sächsisch-Regen haben mehr als 15 Sorten von Kuchen für Nascher gebacken. Anschließend begann das Festival der Ethnien. Die Gedenktafel am Rathausgebäude wurde in Anwesenheit der lokalen Würdenträger eingeweiht und von mehreren Pfarrern verschiedener Konfessionen gesegnet. An der Zeremonie haben auch Premier Victor Ponta und Senatsvorsitzender Crin Antonescu teilgenommen. Die königliche Urkunde wurde anschließend auf Rumänisch, Deutsch und Ungarisch vom orthodoxen Priester Teodor Beldean, evangelischen Pfarrer Johann Zey und reformierten Priester  Joszef Demeter verlesen. Der zweite Tag der Reener Hochzeit begann in der evangelischen Kirche nach dem üblichen Gottesdienst. Eingeladen wurden Vertreter der anderen zwei Glaubensgemeinschaften, die eine Ansprache hielten und gemeinsam alle Anwesenden gesegnet haben, bevor das Orgelkonzert begann.

Am Nachmittag wurde im Ethnografiemuseum die Ausstellung „150 Jahre seit der Erhebung Sächsisch-Regens zur königlichen Freistadt“ eröffnet. Kurz präsentiert wurden dabei die sächsischen Persönlichkeiten aus dem 19. Jahrhundert in Sächsisch-Regen, darunter Gustav Müller (der die einzige Monografie über die evangelische Kirche in Sächsisch-Regen verfasst hat), und der Fotograf Georg Heiter. Die Ausstellung dokumentierte auch das vom Maler  Karl Dörschlag  nachgelassene Werk. „Die Menschen, die die Tradition weiterführen – egal zu welcher Ethnie sie gehören – sind uns sehr wichtig“, sagte Bürgermeisterin Maria Precup. Eine zweite Runde des Festivals der Ethnien wurde durch Folklore-Darbietungen von sieben Ensembles geboten, in jedem Raum des Museums fand eine Tanzvorstellung statt und begonnen wurde mit dem Ensemble Rosenkranz aus Botsch/Batoş.

„Was dem friedlichen Zusammenleben der drei Nationen in Sächsisch-Regen zugrunde liegt, ist schwer zu sagen. Als Theologe würde ich sagen: Es ist der Glaube an Gott, der alle Menschen bedingungslos liebt“, schlussfolgert der evangelische Pfarrer.

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