Globalhistorische und aktuelle Perspektiven zur Arbeit

Ein Treffen mit Pfarrer Dr. Jürgen Henkel bei der SoCareNet Konferenz 2015 in Konstanza

Samstag, 10. Oktober 2015

Jürgen Henkel bei der Vorstellung eines der Bücher seiner Reihe Foto: privat

Aufgrund seiner langjährigen Beziehungen und Kontakte nach Rumänien (Hermannstadt, Bukarest, Klausenburg, Konstanza), Kontakte, welche er nun als freier Mitarbeiter der Diakonie Neuendettelsau einsetzt, ist es fast eine Selbstverständlichkeit, dass Pfarrer Dr. Jürgen Henkel bei der diesjährigen SoCareNet Konferenz an einem bekannten Tagungsort anzutreffen war: dem Campus der Ovidius Universität in Konstanza.

 Nachdem Dr. Jürgen Henkel (Jahrgang 1970) von 2003 bis 2008 die Evangelische Akademie Siebenbürgen in Neppendorf geleitet hat, ist er nun Pfarrer der Evang.-Luth. Kirche in Bayern in Selb, von wo aus er weiterhin einen regen Kontakt zu den Kreisen pflegt, mit welchen er gemeinsame Projekte durchgeführt hat.

 SoCareNet ist ein offenes Netzwerk mit europäischen Partnern, welche im Sozialen- und Gesundheitsbereich tätig sind. Die Selbstbezeichnung als „Kooperationsbörse“  ist nur ein anderer Name für eine Plattform, über welche eine direkte Kontaktaufnahme der Interessenten erfolgt, welche nach Partnern für Projekte auf europäischer Ebene suchen. Eines der vielen Angebote ist z.B. Mitarbeiter in einem anderen europäischen Land, auszubilden, was bei der steigenden Mobilität der europäischen Bürger immer wichtiger wird.

 Die Beiträge, welche während der Tagung vorgelegt und diskutiert wurde,n offenbarten auch die weiterhin bestehenden Herausforderungen auf gesamteuropäischer Ebene: weiterhin hohe Arbeitslosenzahl bei Jugendlichen, bei weitem keine einheitliche berufliche Ausbildung in allen EU Staaten und weiterhin anhaltender Drang von Jugendlichen aber nicht nur auszuwandern, dann wenn die Arbeitsverhältnisse im eigenen Land sich zu langsam oder gar nicht ändern. Und nachdem das Stichwort „Auswanderung“ fiel, passte sich die Debatte von selbst an die Schlagzeilen der letzten vier bis fünf Wochen an: der Flüchtlingswelle aus dem Nahen und Mittleren Osten, welche die soziale Lage dramatisch erschwert.

Direkt auf dieses Thema angesprochen, vor allem wer überhaupt die vor Krieg und Gewalt flüchtenden Familien sind, zeigte sich Pfarrer Dr. Jürgen Henkel besorgt: Es ist aus meiner Sicht eine sehr heikle Lage, es wurde wochenlang unkontrolliert eingereist, auch ohne oder nur mit oberflächlicher Passkontrolle. Kein Land kann eine Zuwanderung um eine Millionen Menschen im Jahr verkraften. Und das Asylrecht sollte nicht zum Instrument für Völkerwanderungen verkommen. Jahrelang hatte Deutschland die ost- und südosteuropäischen Länder von oben herab scharf kritisiert, weil die Außengrenzen der EU nicht gesichert sind, dass man sich nicht genug Mühe gibt und nicht genau genug arbeitet.

Nun hat die Aussage der Bundeskanzlerin, dass alle Flüchtlinge einreisen dürfen, zu chaotischen Zuständen geführt. Wir hatten wochenlang einen völlig unkontrollierten illegalen Zuzug in die EU und nach Deutschland, ausgelöst von dem verheerend falschen Signal der Bundeskanzlerin, dass jeder und jede kommen darf und aufgenommen wird. Das war ein großer politischer Fehler. Eine fatale Botschaft aus Deutschland, wenn man bedenkt, dass Millionen Menschen im Nahen Osten und in Afrika auf gepackten Koffern sitzen. Zur Zeit kann niemand bei uns mit Genauigkeit sagen, ob die bei uns eingereisten Flüchtlinge tatsächlich alle syrische Flüchtlinge sind. Gemunkelt wird, dass ein Anteil davon Iraker oder Afghanen sind, die eben auf den Zug aufgesprungen sind. In Rumänien ist ja aus diesem Grund vor vier oder fünf Wochen, als die Krise ausgebrochen ist, der Nationale Verteidigungsrat einberufen worden, um das Thema zu erörtern, in Deutschland wird aus meiner Sicht dieses Thema der inneren Sicherheit noch viel zu wenig berücksichtigt. Der Islamische Staat hat schon in verschiedenen Presseerklärungen deutlich gemacht, dass er 4000 IS-Kämpfer eingeschleust haben will. Nicht Schläfer, welche man später aufweckt, sondern aktive Kämpfer und das dürfte ein großes Problem sein.


Die kritischen Töne gegenüber Rumänien, Bulgarien aber auch Ungarn sind gut bekannt, sie wurden immer dann hörbar, wenn für Rumänien und Bulgarien zum Beispiel der Beitritt in das Schengen Abkommen besprochen wurde und das sind schon mehrere Jahre. Und sie kamen nicht nur aus Deutschland, auch viele andere EU Mitgliedstaaten wiesen auf Unzulänglichkeiten an den Grenzpunkten hin. Andererseits hat Ungarn jetzt nichts anderes gemacht, als seine „Grüne Grenze“  zu sperren und an den Grenzübergängen die normalen Einreiseregelungen anzuwenden, also schlicht und ergreifend EU-Recht umgesetzt und die EU-Außengrenzn gesichert. Für Rumänien ist es jetzt ein großer Vorteil, nicht im Schengen-Raum zu sein.

Das ist völlig richtig, in Ungarn gab es zeitweilig chaotische Zustände, es war ja mitten in der Urlaubszeit, die Autobahnen waren plötzlich blockiert, wer nach Ungarn einreiste, konnte gar nicht wissen, ob er überhaupt über die Autobahn fahren kann, geschweige denn, ob die Grenze auf der anderen Seite, bei der Ausfahrt offen ist oder nicht. Die Ungarische Regierung hat hier als erstes EU Land, welches betroffen war, die nötigen Maßnahmen ergriffen, um mehr Sicherheit zu garantieren und seine Außengrenzen zu sichern. Eben einen kontrollierten Grenzübertritt zu fordern, was wiederum im Westen heftig kritisiert wurde. Eben von denen, die über Jahre wie gesagt, Rumänien, Bulgarien und Ungarn vorgeworfen hatten, unsichere Schwellenländer zu sein.

Praktisch bedeutet das einen größeren Arbeitsumfang im sozialen Bereich, denn die Flüchtlinge, welche noch in Bahnhöfen in Schlafsäcken übernachten, brauchen spätestens Ende November Unterkünfte, es sind ja auch sehr viele Kleinkinder dabei.

Stimmt, die diakonischen Einrichtungen sind schon aktiv, man muss sich ja auch um die Menschen kümmern, die europäische Tagesordnung auf diesem Gebiet ist praktisch in wenigen Wochen über den Haufen geworfen worden und schnelles Handeln ist dringend notwendig.

Aufgezeichnet von  
Hans Butmaloiu

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