Goldschmiedehandwerk längst nicht mehr so ertragreich wie in vergangenen Zeiten

Gespräch mit Marius Schieller, einem Meister dieser Kunst in der Kronstädter Purzengasse

Mittwoch, 23. Mai 2018

In dem Atelier des Juweliergeschäftes sind Marius Schieller (im Hintergrund ) und seine Kollegen von Vormittag bis Nachmittag voll beschäftigt, um den Kundenwünschen nachzukommen.

Der Juwelierladen „Siracuza“ in der Kronstädter Purzengasse ist seit Jahren eine gefragte Anlaufstelle.
Fotos: Dieter Drotleff

Bereits im 15. Jahrhundert stand das Goldschmiedehandwerk in großer Blüte. Um sich eine entsprechende Werkstätte zu errichten, benötigte es eines stattlichen Betriebskapitals, was sich nur reiche Bürger leisten konnten. Blättert man die Kronstädter Steuerlisten Ende des 15. Jahrhunderts durch, gab es unter den 886 Handwerkern nur 20 Goldschmiede. Dadurch haben sich diese auch ziemlich spät in Zünfte zusammengeschlossen. Besonders in den sächsischen Städten hatte der Goldreichtum Siebenbürgens dieses Handwerk zu besonderer Blüte gebracht. In Kronstadt galt nach den Kürschnern das Goldschmiedehandwerk als das zweitvornehmste und auch einträglichste Gewerbe. Abnehmer waren in katholischer Zeit die Kirchen, besonders Abendmahlskelche und Ziergegenstände wurden hergestellt, dann folgten die weltlichen Vertreter der Oberschicht der Städte. Zur sächsischen Frauentracht gehörten wertvolle Schmuckgegenstände wie Gürtel, Heftel, Bockelnadeln, bei Männern die silbernen Schnallen und Knöpfe.
Ein Sprung über Jahrhunderte führte den Journalisten Dieter Drotleff in das Juweliergeschäft „Siracuza“ in der Kronstädter Purzengasse/Str. Republicii, wo er mit Inhaber Marius Schieller – so in den Akten statt Schiller, der Vater hieß sogar Friedrich – über Tradition und den heutigen Stand des Goldschmiedehandwerkes sprach.

 

In den Vitrinen zur Straße und im Inneren des Juweliergeschäftes sind zahlreiche Schmuckgegenstände, alles manuell erstellte Arbeiten, zu betrachten. Somit ist dies auch ein Anziehungspunkt der Stadt – nicht nur für die Kronstädter, sondern auch die zahlreichen Touristen aus dem In- und Ausland, die in der Fußgängerzone anzutreffen sind. Was zeichnet diesen Juwelierladen aus?

Erstens die Lage im Stadtzentrum und dann unsere Seriosität, was Pünktlichkeit und Vielfalt des Angebotes betrifft. Kenner wissen vor allem durch Handwerk erstellten Schmuck zu schätzen. Dann die Familientradition, die von mir hier und meinem Bruder in Deutschland fortgeführt wird. Und nicht zuletzt die Ausführung der Schmuckstücke, die wir nur durch Handarbeit erstellen. Wir sind nicht Verkäufer, sondern Handwerker von Schmuckgegenständen, die wir erstellen und anbieten. Das macht auch den Unterschied zwischen Schmuckateliers und Schmuckläden. In letzteren wird von den Verkäufern Schmuck wie in einem sonstigen Laden angeboten, die Verkäufer sind in einige Details wie Kategorie des Edelmetalls, Preis des jeweiligen Schmuckstückes eingeweiht, sind aber nicht selbst Hersteller. Kommt zu uns ein Kunde und macht eine besondere Bestellung, wird diese von uns manuell nach Wunsch ausgeführt.

 

Woher der Name des Juweliergeschäftes „Siracuza“?

Lucia von Syrakus ist eine frühchristliche geweihte Jungfrau und Märtyrin, lebte im dritten Jahrhundert und wird seither als Heilige verehrt. Sie ist Schutzpatronin der italienischen Stadt Syrakus in Italien, im Osten Siziliens. Es ist eine der ältesten Städte der Welt. Syrakus kommt auch auf Münzen vor. Sehr bekannt war in Kronstadt vor der Wende der jüdische Juwelier, vor allem aber Numismatiker Eugen Weiss, der am Roßmarkt lebte. Von ihm habe ich gelernt, als ich in den Beruf Ende der siebziger Jahre eingestiegen bin, Nachahmungen von Münzen zu gießen. In den Jahren gab es in der Stadt unter der Zinne rund 2000 Ingenieure, aber nur 60 Goldschmiede. Heute sind meiner Kenntnis nach noch etwa 30 Goldschmiede in der Stadt, die Verkäufer von Schmuck ausgeschlossen. Mir hatte es die Darstellung und die Geschichte von Lucia von Syrakus angetan, da Weiss über jede einzelne Münze seiner Sammlung auch eine halbe Stunde über deren Geschichte berichten konnte. Insgesamt gibt es weltweit vier unterschiedliche Darstellungen von Syrakus auf Münzen.

 

Sind Sie alleiniger Eigentümer des Juweliergeschäftes?

Seit 1993, als wir uns privatisiert haben, sind wir drei Inhaber – außer mir die Brüder Árpád Nagy und Iuliu Nagy. Vor der Wende haben wir im Rahmen der staatlichen Handwerkergenossenschaft gearbeitet. Damals gab es innerhalb dieser Genossenschaft Ateliers für die verschiedenen Berufe im technischem Bereich. Gegenwärtig gibt es nur noch eine derartige Niederlassung im Juwelierbereich in dem Kronstädter Modarom-Gebäude. Die theoretische Ausbildung als Goldschmied habe ich in einer Berufsschule in Arad erhalten, und die praktische als Lehrling am Arbeitsplatz. Es war die einzige Stelle, wo man in diesen Beruf eingeweiht werden konnte. Gegenwärtig gibt es die einzige Möglichkeit, sich in diesem Beruf ausbilden zu lassen, ebenfalls nur an einem Arbeitsplatz. Doch nimmt sich ein Fachmann nur schwer einer solchen Aufgabe an. Um dann auch noch eine institutionelle Anerkennung dieses Berufes zu erhalten, ist es ein schwieriger Weg.

 

Welche Art von Schmuck stellen Sie in in Ihrem Juweliergeschäft her? Haben Sie einen Designer dafür?

Wir kennen die begehrten Modelle, die seit Jahren gefragt werden, und stellen diese auch ohne Designer her. Bei besonderen Wünschen erstellen wir die Schmuckgegenstände nach Wünschen des Kunden. Wir stellen alle Arten von Schmuck her, und zwar nur aus Edelmetallen, also Gold und Silber, und mit Edelsteinen. Die meisten Bestellungen kommen für Eheringe, da viele Kunden die Modelle der diesbezüglichen Massenangebote nicht tragen wollen. Dann andere Ringe mit persönlichen Kennzeichen. Viele Bestellungen werden für Ringe, die das Kronstädter Wappen tragen, aufgegeben. Zudem kommen Ohrringe, Medaillons, Armbänder, Halsketten hinzu. Wir bieten nur selbst angefertigte Schmuckstücke und nicht Serienprodukte an. Zarte Halsketten werden nur durch die neuen Technologien erstellt, was wir nicht tun. Natürlich werden Schmuckgegenstände durch verschiedene Arten hergestellt, beispielsweise durch Guss. Auch wir machen das, doch nur in kleinen Auflagen. Reparaturen führen wir ebenfalls durch.

 

Arbeiten Sie nur mit dem vom Kunden zur Verfügung gestellten Edelmetall oder bieten Sie auch dieses an?

Je nach Wunsch. Heute ist der Markt für Edelmetalle im Land laut Dringlichkeitserlass der Regierung 190/2000 geregelt. Laut diesem werden als Edelmetalle Gold, Silber, Ruthenium, Rhodium, Osmium, Iridium und Platin eingestuft. Bei Gold gibt es dann noch Unterstufungen wie das Handels-, Münz- und Zahngold. Durch den Regierungserlass sind geregelt die Verarbeitung, Verwendung, Handel mit Edelmetallen oder Legierungen davon, und Edelsteinen, wie auch die Ausfuhr oder der Transit auf dem Gebiet Rumäniens. Es sind nicht mehr die früheren Regelungen im Umlauf, wo man als Goldschmied unter einer strengen Kontrolle seitens der Nationalbank und der repressiven Behörden stand, und leicht auch hinter Gitter kommen konnte, wenn man die Gesetzgebung nicht voll berücksichtigte. Als Privatperson durfte man beispielsweise keine Goldbarren oder -münzen, als Cocoșei bekannt, besitzen. Die Kunden kommen nun mit Schmuckstücken aus Edelmetallen, die sie gekauft oder geerbt haben, und die sie in neue Schmuckstücke umwandeln wollen. Auch wir machen Angebote bei Bestellungen. Wir kaufen Gold zum Tagespreis von Kunden an, um es zu verarbeiten oder bei Bestellungen zu ergänzen. Beispiels-weise kommt ein junges Paar und bestellt Eheringe und hat nicht genügend Gold dafür, dann ergänzen wir dieses, um die Bestellung auf Wunsch durchzuführen. Wir arbeiten nur mit Gold von 14 Karat in unserem Juweliergeschäft. Wenn der Kunde darauf besteht und mit hochwertigerem Gold kommt, führen wir auch Arbeiten von 18 Karat durch. Auch diesbezüglich gibt es keine Einschränkungen mehr seitens der Nationalbank.

 

Vor Jahrzehnten und Jahrhunderten war das Geschäft im Bereich sehr ertragreich. Wie steht das jetzt durch die Schwankungen des Goldpreises auf dem internationalen Markt?

Der Goldpreis ist stark gesunken. Vergleicht man, dass vor der Wende ein Gramm Gold etwa 800 Lei betrug, konnte man vom Monatslohn vielleicht drei Gramm Gold kaufen. Bedenkt man, dass gegenwärtig ein Gramm Gold einschließlich die Verarbeitungskosten bei 150 Lei liegen, kann man allein von einem durchschnittlichen monatlichen Einkommen bei Weitem mehr ankaufen. Das wirkt sich auch in unserem Tätigkeitsbereich aus. Und wir arbeiten nur mit Gold und Silber, nicht auch mit anderen Edelmetallen, die laut Regierungserlass angegeben werden. Auch nicht mit Legierungen, die auch andere Metalle enthalten.

 

Kürzlich wurde ein neuer Regierungserlass veröffentlicht, der sich auf eine zusätzliche Markierung des Schmucks aus Edelmetallen bezieht. Wie finden Sie sich damit zurecht?

Bisher wurde sämtlicher Schmuck aus Edelmetallen, der in Juweliergeschäften erstellt wurde, so wie alle im Handel befindlichen Schmuckgegenstände mit zwei Markierungen versehen. Der des Herstellers und der der Bank. Nun kommt eine dritte hinzu, u. zw. seitens des Amtes für Verbraucherschutz. Voraussichtlich wird diese Markierung ab Juni erforderlich sein, bis dahin wird die gesamte Vorgangsweise geregelt. Aber für uns kommen keine besonderen Schwierigkeiten dadurch auf, da das Amt sich eine Anlaufstelle im Modarom-Gebäude eingerichtet hat, wo wir uns mit den von uns erstellten Schmuckstücken einfinden werden und wo die Markierung eines Sonderzeichens durch Eingravierung oder Stanzen vorgenommen wird. Voraussichtlich wird noch eine diesbezügliche Einführung in die neuen Bestimmungen mit allen Juwelieren gemacht. Trotz verschiedener Gerüchte, dass dadurch die Preise der Schmuckstücke steigen werden, ist das nicht der Fall. Denn dieses Einstanzen ist sehr billig –- nicht teurer als eine Zündholzschachtel.

 

Wie steht es mit der Fortführung der Tradition als Goldschmied in Ihrer Familie?

Voraussichtlich wird nur mein älterer Bruder diese fortführen, der als solcher in Deutschland, nahe Darmstadt arbeitet, von wo mein Großvater nach Bușteni kam und hier heiratete. Meine Tochter ist Psychologin. Somit gehe ich alleine diesem Handwerk nach, für das ich schon immer eine besondere Berufung hatte.

 

Vielen Dank für dieses offene, aufschlussreiche Gespräch!

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