Gott schaut uns ins Herz

Samstag, 24. Dezember 2011

Liebe Leserinnen und Leser,
alle „Jahre wieder kommt das Christuskind.“ Am Heiligabend werden sich vor unseren Augen und Ohren die unterschiedlichsten Szenen der Weihnachtsgeschichte entfalten. Wir werden hören, dass Christi Geburt Menschen in Bewegung versetzt und ihr Leben verändert. Wollen wir dem aber wirklich nur zuhören und zuschauen? Verbleiben wir tatsächlich in der distanzierten Rolle des Betrachters? Sollte uns das nicht vielmehr auch betreffen und verändern?

Im Lukasevangelium (Luk. 1,26-38) fängt alles damit an, dass sich das Leben einer jungen Frau mit einem Schlag verändert. Der Erzengel Gabriel kommt zu Maria. Er überbringt ihr die Botschaft, dass sie die Mutter des Heilands werden wird. Wir sind so sehr an diese Geschichte gewöhnt, dass wir das Ungeheuerliche daran kaum noch bemerken.

Dabei war der Besuch  eines Engels für Maria genauso unvorstellbar, wie er für uns ist. Doch noch unglaublicher und erschreckender ist die Botschaft, mit der er kommt. Das Wort „Fürchte dich nicht“ (Luk. 1,30) ist hier für Maria durchaus nötig. Eine Frau hatte damals keine eigene Stellung. Sie war abhängig von ihren Eltern und Brüdern und später von ihrem Ehemann.

Frauen waren nicht einmal im Gottesdienst gleichberechtigt. Sie hatten hinter Vorhängen oder Schutzgittern zu verschwinden. Darüber hinaus war Maria arm, sie gehörte nicht der Oberschicht an. Sie war durch nichts ausgezeichnet, außer durch ihren Glauben. Darüber hinaus weist ihr die Bibel keinerlei Vorzüge nach. Aber der Herr, Gott selber  ist mit ihr.

Alle Grenzen der Schicklichkeit, der Tradition, der Vorrechte durch Geburt oder Verdienste werden in dieser Szene missachtet. Gott orientiert sich in seiner Erwählung anders. Er sieht nicht auf das Blendwerk, das wir Menschen einander vormachen. Er schaut auf das Herz und wählt sich, was vor der Welt als das Kleine, Geringe und scheinbar Unwichtige gilt. Wir alle sind eigentlich nicht würdig oder wert, dass Gott zu uns kommt.

Wir können ihn nicht beeindrucken mit unseren Leistungen, nicht bestechen mit unserem Verhalten, nicht umschmeicheln mit unserer Frömmigkeit, noch zu uns zwingen aus unserer eigenen Kraft. Aber er selbst wählt uns ohne alle unsere Verdienste aus und will in unseren Herzen geboren werden. Er tut dies nur, weil wir alle ihn brauchen, weil wir ohne ihn am Leben vorbeigehen und an der eigenen Dunkelheit unserer Herzen zugrunde gehen würden.

Alle Maßstäbe hat Gott verändert und zu Recht gerückt. Daher sollten wir nicht neidisch oder betrübt auf das scheinbar glänzende Leben anderer schauen. Wir haben keinen Grund, unseren Alltag, der oft so wenig erhebend ist, gering zu achten. Gott kommt in unsere Niedrigkeit. Er hat sich für die Geburt Christi weder eine hohe Persönlichkeit noch einen Palast erwählt. Er würdigt uns in einem normalen Leben, einem Leben voller Mühe und Plagen.

Deshalb dürfen wir nicht gering von uns und nicht gering von anderen denken. Gott schaut uns ins Herz. Er sieht, ob wir bereit sind, ihm Platz einzuräumen oder ob wir unser Leben bis zum letzten Platz mit Sorgen, mit Spaß oder mit materiellen Dingen ausfüllen. Er sieht, ob wir unser Leben verschließen, ob wir immer nur um uns selbst kreisen mit der Sucht, irgendwie zu den Großen und Bedeutenden zu gehören.

Welchen Platz wollen wir also Gott zuweisen? Haben wir zu Weihnachten überhaupt noch einen Platz für ihn in der Herberge unseres Herzens? Gott will kommen und er klopft an, um uns mit seiner Gnade zum Leben zu verhelfen. Maria, die Unscheinbare, tut ihm auf. Sie nimmt den Auftrag an:  „Siehe ich bin des Herren Magd.“ (Luk. 1,38)  So willigt sie in Gottes Willen ein und wird fortan die Gnadenreiche genannt. Sie ist das nicht, weil sie so gnädig ist, sondern weil sie von Gott mit seiner Gnade reich gemacht wurde.

Wenn wir in zwei Tagen so wie „alle Jahre wieder“  Weihnachten feiern, dann dürfen wir glauben, dass Gott zu uns kommen will. Dass er auch uns seine Gnade erweisen will. Er möchte auch in unsere Herzen geboren werden. Ganz gleichgültig, wer wir sind. Unsere Niedrigkeit, Schlichtheit, ja nicht einmal unsere Schuld können ihn zurückhalten. Er will sich ausbreiten mit seiner Gnade und unser Leben dadurch reich machen. Das wünsche ich Ihnen allen.

Mit den besten Segenswünschen für die kommenden Tage verbleibe ich
Ihr Pfarrer Martin Meyer

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