Gräflicher Adel als Leergut sammelndes Prekariat

Tschaikowskis Oper „Pique Dame“ im Stuttgarter Großen Haus

Samstag, 14. Oktober 2017

In Pjotr Iljitsch Tschaikowskys Oper „Pique Dame“, die auf der gleichnamigen Erzählung aus dem Jahre 1834 von Alexander Sergejewitsch Puschkin beruht, sind eine Reihe verschiedener Handlungsstränge kunstvoll miteinander verknüpft. Neben der Spielhandlung – ‚Pique Dame’ ist eine Spielkarte des Glücksspiels ‚Pharao’ – ist hierbei die Liebeshandlung am wichtigsten.

Bei Puschkin liebt die männliche Hauptfigur der Erzählung namens Hermann einzig und allein das Geld und den Reichtum, und seine scheinbar von ihm angebetete Geliebte Lisa, eine arme Waise, ist ihm nur Mittel zum Zweck, um an die Gräfin, in deren Diensten Lisa steht, heranzukommen und der alten Dame das Geheimnis der Glück bringenden Spielkarten zu entreißen, mit dem die russische Gräfin, die als ‚moskowitische Venus’ einst am französischen Königshofe Furore machte, ihren sagenhaften Reichtum begründete.
Bei Tschaikowsky, dessen Bruder Modest das Libretto für die 1890 in Sankt Petersburg uraufgeführte Oper schrieb, ist Lisa zur Enkelin der Gräfin geworden, der sich zudem die Aussicht auf eine gesellschaftlichen Aufstieg verheißende Heirat mit dem Fürsten Jeletzki bietet. Doch Lisa schlägt diese glänzende Perspektive zu Gunsten ihrer Leidenschaft für German (russifizierte Form des Namens Hermann) aus, der sie ebenfalls unsterblich liebt und der das Geheimnis der Gewinn verheißenden Spielkarten der Gräfin nur deshalb entreißen will, um mit der geliebten Lisa zu fliehen und fortan gemeinsam mit ihr sorgenlos ihrer Liebe leben zu können.

Neben weiteren starken Eingriffen der Brüder Tschaikowsky in die diversen Handlungsstränge der Puschkinschen Erzählung lassen sich in „Pique Dame“ zudem verschiedene vonei-nander abweichende historische Verortungen der Opernhandlung konstatieren. Diese geschichtlichen Anachronismen und zeitlichen Widersprüche sprengen das Gesamtgerüst des Operngeschehens jedoch keineswegs, sondern bereichern es vielmehr, indem etwa verschiedene musikalische Motive auf allen historischen Ebenen stilistisch verwandelt wiederkehren. So hat die Musik von Tschaikowskys „Pique Dame“ Anteil sowohl an der Klangwelt Wolfgang Amadeus Mozarts, als auch an der Musik Richard Wagners, ja sie deutet voraus auf die stilistischen Rückungen und Verfremdungen in den Klassikimitationen von Richard Strauss, Sergei Prokofjew, Maurice Ravel und Igor Strawinski.

Ausgehend von diesen gewaltigen Veränderungen, die die Brüder Tschaikowsky an Puschkins Originalerzählung vornahmen, finden die inszenatorischen Eingriffe von Regie und Dramaturgie (Jossi Wieler und Sergio Morabito) im Verbund mit den Ideen für Bühne und Kostüme (Anna Viebrock) in Tschaikowskys Oper eine gewisse Berechtigung, wenn-gleich sie sich dabei oftmals pointiert und bisweilen eklatant vom Libretto entfernen. So ist in der Stuttgarter Inszenierung von „Pique Dame“, die am 11. Juni dieses Jahres in der baden-württembergischen Landeshauptstadt ihre Premiere feierte und am 26. September ihre neunte Aufführung im Stuttgarter Opernhaus erlebte, bei-spielsweise der Tod der Gräfin ganz anders auf die Bühne gebracht, als das Libretto dies vorschreibt. Bei Tschaikowsky (und auch bei Puschkin) richtet German eine Pistole auf die Gräfin, um die Herausgabe des Kartengeheimnisses zu erzwingen, worauf diese dann vor Schreck an einem Herzschlag stirbt. In der Stuttgarter Inszenierung ereignet sich der Tod der immer noch aufreizend verführerischen Gräfin im Liebesakt mit German, der den auf ihm lastenden psychischen Druck sinnbildlich mit dem Leichnam der auf ihm gestorbenen Gräfin von sich wegwälzt. Gleichwohl singt German später von der Pistole, die er zwar zog, aber nicht abfeuerte, genauso wie am Anfang der Oper das Soldatenspiel der Kinder besungen wird, während diese einander doch bloß Bälle zuwerfen. Und statt der Zarin Katharina, der der wunderbare Chor einen grandiosen Preisgesang darbringt, erscheint ein magersüchtiges Model im Badeanzug, um das Libretto Modest Tschaikowskys ein weiteres Mal imaginativ zu überhöhen.

Jossi Wieler und Sergio Morabito haben die Puschkinsche Erzählung wie die Tschaikowskysche Oper konsequent mit den Augen eines weiteren großen Russen gesehen und gedeutet: mit den Augen Fjodor Michailowitsch Dostojewskis. Das zur Operettenhaftigkeit tendierende Personal der Tschaikowskyschen Oper wird in Stuttgart mit Figuren ausstaffiert, die Dostojewskische Werke wie „Arme Leute“, „Verbrechen und Strafe“ (alias „Schuld und Sühne“) oder „Aufzeichnungen aus einem Kellerloch“ bevölkern. Prostitution, Alkoholismus, Armut und Verzweiflung determinieren Kostüme wie Bühnenbild und man befindet sich als Zuschauer mitten in der Lebenswelt eines randständigen Prekariats, das selbst die illustre Gräfin als Pennerin im schmuddeligen Outfit, den geklauten Supermarkteinkaufswagen vor sich her schiebend, spielend eingemeindet.

Angesichts dieser alle gleichmachenden Kostümierung ist in Stuttgart auch die weidlich eingesetzte Drehbühne durchaus am Platz. Wenn es keinen Unterschied mehr gibt zwischen glänzenden Fassaden, deren Putz in Stuttgart vielsagend abblättert, und trostlosem Hinterhof, zwischen Potemkinscher Schauseite und dahinter dräuendem Nichts, dann darf sich die Bühne getrost beständig drehen, denn was sie durch ihre Bewegung jeweils neu ins Gesichtsfeld rückt, ist die ewige Wiederkehr des Immergleichen. Ein schönes Detail ist dabei ein kastenförmiges fahrbares Bühnenelement, das ständig auf der Bühne hin und her bewegt wird und dabei immer neue Deutungen provoziert: als Kutsche oder Sänfte, als Pforte oder Kemenate, als Lieferwagen oder Transporter, als Versteck oder auch als Ort letzter Ruhe. Mancher ortskundige Betrachter mochte sich dabei an die Kastenwagen der Stuttgarter Standseilbahn erinnert fühlen, die sinnigerweise ja ebenfalls beständig zu einem Ort letzter Ruhe unterwegs sind.

So gibt es in der Stuttgarter Inszenierung von Tschaikowskis „Pique Dame“, wie übrigens in allen gemeinsamen Inszenierungen des bewährten Stuttgarter Regie-, Dramaturgie- und Bühnengestaltungsteams, viele Regieeinfälle und bühnenbildnerische Ideen, die überzeugen, aber auch etliche, die irritieren oder befremden, so etwa wenn die Akteure des Schäferspielintermezzos, eines Skakespearschen ‚play in the play’, sich wieder einmal selbst gebastelte Papiertüten über den Kopf stülpen müssen. Auch der Kontrast zwischen der lebensmüden Verzagtheit des Sankt Petersburger Prekariats, wie sie ikonisch in dem berühmten Petersburg-Roman von Andrei Bely geschildert wird, und der mitreißenden Stimmgewalt dieses Prekariats in Gestalt der Mitglieder des Stuttgarter Opernchores führt mitunter zu Irritationen, die aber durchweg vom Erlebnisgenuss dieses erstklassigen Stimmenensembles, dem vor Kurzem erst wieder seitens der deutschen Musikkritik die Auszeichnung „Opernchor des Jahres“ zuerkannt wurde, sofort wieder zerstreut werden.
Unter den Gesangssolisten begeisterte nicht nur das jugendliche Liebespaar (Erin Caves als German und Rebecca von Lipinski als Lisa) sowie der fürstliche Nebenbuhler (Shigeo Ishino als Jeletzki), sondern neben der wie immer grandiosen Helene Schneiderman als Gräfin besonders auch der armenische Bariton Gevorg Hakobyan als Graf Tomski, der mit dieser Rolle an der Oper Stuttgart debütierte und der in zahlreichen Szenen für gesangliche Höhepunkte sorgte. Neben der erkälteten Stine Marie Fischer, die gleichwohl die Partie der Polina makellos sang und vor allem höchst lebendig auf der Bühne agierte, war in der Aufführung vom 26. September, neben der glänzenden musikalischen Gesamtleitung durch Frank Beermann, auch der Sopran der in Rumänien geborenen und an der Bukarester Musikhochschule ausgebildeten Mirella Bunoaica, die in „Pique Dame“ die Rolle des Kammermädchens Mascha verkörperte, lobend hervorzuheben. Insgesamt also eine Inszenierung, die vieles bringt und daher manchen etwas bringen wird, und nicht wenigen gewiss etliches mehr.

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