Grenzen überwinden im Osten Europas

Das Eurothalia-Theaterfestival in Temeswar: gnadenlos auf der Jagd nach Wahrheit

Freitag, 13. Oktober 2017

Während des Festivals wurde auch die DSTT-Produktion „Moliendo Café“ gespielt, eine Inszenierung von Silviu Purcărete.
Foto: DSTT

Vor über einem Vierteljahrhundert brach im Osten Europas die Zeit an, in der Grenzen abgebaut und politische Barrieren überwunden wurden. Höhepunkt damals: Der Fall der Mauer, die Überwindung der deutsch-deutschen Teilung. Und heute? Dort, wo im Osten Europas einst Grenzzäune niedergerissen wurden, beispielsweise in Ungarn, lassen die Regierungen heute neue Zäune errichten, um Flüchtlinge abzuwehren. Zwischen der Russischen Föderation und dem Westen sei das Klima seit dem Kalten Krieg noch nie so frostig gewesen wie gerade jetzt, ließ am Wochenende NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg auf einer Tagung in Bukarest wissen. Will heißen: Die politische Grenzziehung zwischen Ost und West gewinnt immer schärfer an Kontur. Dort, wo einst Grenzen abgebaut wurden, entstehen neue Grenzen, allerdings nicht so ganz widerstandslos und unreflektiert, wie das beim ersten Hinsehen den Anschein haben mag. Denn im Osten Europas beschäftigt sich seit dem Wochenende ein Theaterfestival der besonderen Art mit dem Thema „Grenzen“. Das „Eurothalia“-Festival wird vom Deutschen Staatstheater Temeswar ausgerichtet – mit Gruppen und Ensembles aus ganz Europa. Wie sich die Akteure mit Grenzen und Grenzziehungen beschäftigen, darüber soll im Folgenden berichtet werden.

„Che Guevara or Brat Pitt? Che Guevara? Skinny Jeans – good or bad? Good. Chemical weapons or drums? Drums....Drums!“ – Die Welt, eingeteilt in ungezählte ‘dies oder jenes’-Alternativen: Was harmlos beginnt, tastet sich schnell an Grenzen heran – die Alternative zwischen Pest und Cholera wirkt harmlos dagegen: „Your child be forced in prostitution? Or Your child is joining ISIS...I guess joining ISIS... I Guess joing ISDID...“ Die Alternative, ob das eigene Kind zur Prostitution gezwungen oder in freier Entscheidung der Terrororganisation ISIS beitritt, erscheint als grausames Gedankenspiel – eine Grenzüberschreitung, mit der das Publikum an diesem Abend mehrere Dutzend Male konfrontiert wird.
Eine Familie feiert in einem Wohnzimmer eine wilde Party, die zum Teil real auf der Bühne, zum Teil auf einer Videoleinwand übertragen wird. Das ist der Rahmen bei „Western Society“, einer multimedial aufgehübschten Szenenfolge der britisch-deutschen Gruppe Gob Squad, eine von 15 Inszenierungen, die bei diesem „Eurothalia“-Theaterfestival in Temeswar gezeigt werden. Auch bei „Western Society“ geht es um Grenzüberschreitungen jedweder Art – politische, gesellschaftliche, moralische.

„Ich denke, die ganzen Fragen sind da aufgeworfen. Da geht es um Grenzen vom Politischen her, vom Kulturellen, bis zu dem, was Menschen definiert und was ihr Leben definiert, was sie mögen und was sie nicht mögen, wie die einen das sehen, wie die anderen das sehen. Dass alles relativ ist. Ich denke, am Ende ist das verschwommen, für die meisten. Und die können nicht mehr richtig einschätzen, wo es Grenzen gibt, und wo es keine Grenzen mehr gibt.“

Andrei Rusan ist einer der Besucher, denen nach der Aufführung klar geworden ist: Grenzen jedweder Art sind häufig nicht so deutlich erkennbar, wie man sich das, um Orientierung bemüht, manchmal wünschen würde. Grenzen – das ist dann auch das Leitthema des Festivals in dieser Großstadt mitten in einer Grenzregion: Ungarn und Serbien sind nicht weit weg; in Temeswar leben seit Jahrhunderten Rumänen, Serben, Ungarn und Rumäniendeutsche miteinander. Wo, wenn nicht hier, ein Theaterfestival zum Thema „Grenzen“ auf den Weg bringen? fragt sich Theaterbesucher Andrei Rusan: „Die Grenzen sind hier schon lange irgendwie abgebaut. Hier gab es nie Probleme. Wir haben die Grenze nie so richtig gefühlt, es sei denn, sie ist politisch gemacht. Man muss dann eben ein bisschen Zeit hineinstecken, um von A nach B zu kommen. Aber ansonsten waren sich die Menschen hier immer sehr, sehr nahe. Nähe wurde Teil des Lebens für die meisten Menschen hier. Es liegt uns ganz nahe, wenn wir das auch irgendwie in der Kunst thematisieren können.“

„Obzwar um uns herum immer mehr Trennwände entstehen, oder gerade deswegen, wollen wir versuchen, wenn nicht Trennwände und Mauern niederzureißen, dann zumindest an deren Festigkeit zu rütteln. Deswegen haben wir beschlossen, dass das diesjährige Festival von Schranken und Grenzen, vor allem aber von deren Überwindung spricht“, sagt Lucian Vărşăndan, Intendant des Deutschen Staatstheaters Temeswar, bei der Eröffnung: Der ungarisch-serbische Grenzzaun, aufgestellt vor zwei Jahren, ist keine zwei Autostunden entfernt. Aus Ungarn und Polen kommen Berichte, wie sich die Staatsgewalt in der niederen Kunst der Einflussnahme auf Medien und auch auf Kulturinstitutionen versucht; in Rumänien selbst will eine postkommunistische Regierung gerade per Gesetzesänderung die Unabhängigkeit der Justiz aushebeln und Straffreiheit für korrupte Parteigenossen durchsetzen. In Zeiten solcher Grenzüberschreitungen ist es höchste Zeit, ein Theaterfestival auf die Beine zu stellen, welches das alles thematisiert, sagt Intendant Lucian Vărşăndan: „Man hat das Gefühl, in Europa lebend: Es wird immer schwerer. Paradoxerweise. Ein Gefühl, das man vor zehn, fünfzehn Jahren nicht hatte. Es war für uns wichtig, das zu thematisieren, mit innovativen Theatermitteln das Thema zu beleuchten. Wir sprechen, anhand der ausgewählten Inszenierungen, nicht nur über Staatsgrenzen...“, ...sondern auch über soziale Grenzen – und über die Überschreitung moralischer Grenzen.

„Die unglaubliche und traurige Geschichte von der einfältigen Eréndira und ihrer herzlosen Großmutter“, nach dem Literatur-Nobelpreisträger Gabriel Garcia Marquez, handelt von Eréndira, die von ihrer eigenen Großmutter zur Prostitution gezwungen wird – für 15 Pesos die Viertelstunde. Die Inszenierung ist eine Eigenproduktion des Deutschen Staatstheaters Temeswar, thematisiert unter anderem auch eine soziale Grenze, die in Rumänien immer wieder zutage tritt, findet Hauptdarstellerin Olga Török: „Also bei uns in Temeswar finde ich, dass die sozialen Grenzen im Sinne von reich und arm sehr dick gezogen sind. Rütteln kann man dran nur, indem man an die Leute rankommt, also an die Leute, die neue Grenzen aufbauen, sozusagen neue Mauern aufbauen. Dass die ins Theater kommen. Ich hoffe, dass solche Festivals das schaffen. Ich bin da aber sehr skeptisch. Leider.“

Immerhin wurden bei den Aufführungen der ersten Tage ein rumänischer Parlamentsabgeordneter und ein Vertreter der Stadt gesichtet, also Menschen, die etwas bewegen können. Überhaupt: Längst erreicht das Deutsche Staatstheater Temeswar, vor über sechs Jahrzehnten als Kulturinstitution für die rumäniendeutsche Minderheit gegründet, ein breites Publikum; viele, die die Aufführungen besuchen, können nicht einmal Deutsch – und kommen trotzdem, freut sich Intendant Lucian V²r{²ndan: „Dieses Theater war bis vor 20, 30 Jahren ein Theater, das sich fast ausschließlich an die hier verbliebene deutsche Minderheit gerichtet hat. Und seit 15 Jahren versuchen wir verstärkt, diese Rolle des Hauses, als Deutsch produzierendes Theater, in Verbindung zu setzen mit sämtlichen Richtungen in Europa, in anderen Ländern. Das versuchen wir auch, indem wir internationale Regisseure zu uns holen, indem wir internationale Produktionen machen, indem wir Touren unternehmen, etcetera.“

„Prinzipiell ist es so: Je mehr Gelegenheit es zuhause gibt zu sterben, desto mehr wird die genutzt. Wer eine Knarre zuhause hat, hat doppeltes Selbstmordrisiko wie einer ohne Knarre. Man sollte sich überlegen, was man da macht, wenn man mit dem Thema in der Öffentlichkeit hantiert...“ Wieder geht es um eine Grenzüberschreitung: Die Hildesheimer Theaterformation „Markus und Markus“ bringt eine freie Adaption von Ibsens „Gepenster“ auf die Bühne. Einen Monat lang hat die Gruppe Margot, eine kranke Frau, begleitet, die sich für den Freitod entschlossen hat; die Videosequenzen über die Begegnungen werden kombiniert mit verfremdenden Einwürfen. Den Zuschauern gefriert das Blut in den Adern, wenn sie auf dem Video sehen, wie Margot, die Protagonistin, sich selbst per Knopfdruck die Giftinjektion verabreicht, auf einem kargen Bett stirbt, wenig später in einen Sarg gelegt wird. Andreea Andrei, künstlerische Leiterin des Eurothalia-Festivals: „An diesem Abend ist es um all die kontroversen Fragen rund um den begleiteten Freitod gegangen – und auch darum, welche Grenzen da dem Theater gesetzt sind. Das hat man in der Aufführung von ‘Markus und Markus’ sehr gut gesehen. Darf man Video-Szenen, die eine Frau zeigen, die in den Freitod geht, tatsächlich mit einer Theateraufführung kombinieren? Auch das sind Grenzen, mit denen sich die Darsteller auseinandergesetzt haben..“

„Oberstaatsanwälte, Sterbehilfeorganisationen, das Schweizer Stimmvolk, Ärzte. Wir sind Markus-und-Markus, wir haben zugeschaut, wir sind genauso Bestandteile des Systems...“ Hier die Videosequenzen, die den Zuschauern den Atem stocken lassen – da die Dynamik auf der Bühne: Es wird schon mal gebrüllt. Doch gerade diese Dynamik ist es, die auch den nicht Deutsch sprechenden Zuschauern im Theatersaal die Grenzüberschreitung, um die es geht, nahe bringen.
Markus Schäfer ist einer der Akteure: „Ich habe das Gefühl, das Stück, auch wenn viel Sprache verballert wird, es ist gar nicht so sprachbasiert, und dass es trotzdem wirkt. Jeder Mensch hat ein Verhältnis zum Tod und ist geprägt von Geschichten bei Verwandten, im Freundeskreis. Und das berührt die Leute einfach, glaube ich, auf der ganzen Welt, unabhängig von Sprache und Kontext.“

Grenzüberschreitungen als Motto eines Theaterfestivals in Rumänien, in einem Land, in dem es noch gar nicht so lange her ist, dass die eigenen Landesgrenzen schier unüberwindbar schienen. Und heute: Man hüte sich vor der Illusion, die Grenzen hätten sich erledigt. Die neuen Grenzen als Folge der Flüchtlingskrise, auch als Folge des gegenseitigen Misstrauens in Europa, werden zunehmend sichtbar – auch für die Kulturschaffenden beim Eurothalia-Theaterfestival in Temeswar. Theaterintendant Lucian Vărşăndan: „Man hat tatsächlich von Neuem das Gefühl, wieder eingegrenzt zu werden. Ich bin vor drei Wochen nach Österreich gefahren. Und da habe ich zum ersten Mal seit langer Zeit zwischen Österreich und Ungarn eine Grenzkontrolle erlebt, eine Passkontrolle. Das ist kein Thema, das an einem vorbeigeht, wenn man heutzutage bewusst in Europa lebt.“ Darsteller Markus Schäfer: „Wir wollten neulich ein Auto leihen in Deutschland, um nach Rumänien zu fahren, um mit unserer Bühne hierher zu kommen. Es gibt keinen Autoverleih, der ein Auto hergibt, das nach Rumänien fahren darf. Das ist verrückt. Darüber sollte viel gesprochen werden. Und: das ist wichtig.“

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