„Grenzenlos Gospel“ in Temeswar

122 Chormitglieder machten beim Wochenendprojekt mit

Mittwoch, 20. Februar 2013

Der „Grenzenlos Gospel“-Chor unter der Leitung von Dominic Samuel Fritz bestritt ein Konzert im Saal der Ion-Vidu-Musikschule. Foto: Zoltán Pázmány

„Mede medo kese“ – „Mit Freude gebe ich meinem Bruder meine große Liebe“: Wahrscheinlich wusste keiner der Menschen im Saal, wie man den Text des westafrikanischen Gospelsongs „Mede Medo Kese“ übersetzt, doch das war dann schließlich auch egal. Denn das Konzert, das der Chor von Dominic Samuel Fritz Sonntag Abend in Temeswar/Timişoara darbot, erfreute sich eines lang anhaltenden Beifalls. Kein Wunder also, wenn nach dem Konzert sogar im Eingangsflur der Ion-Vidu-Musikschule eifrig weitergesungen wurde.

„Grenzenlos Gospel“ nennt sich das Projekt, das am Wochenende in Temeswar über die Bühne ging. Dem deutschen Dirigenten Dominic Samuel Fritz geht es bei diesem Unterfangen darum, an nur einem Tag einen Chor zu gründen, der noch am selben Abend sein erstes Konzert bestreiten muss. So geschah es, dass am Samstag um 10 Uhr nicht mehr und nicht weniger als 122 Männer und Frauen im Festsaal der Nikolaus-Lenau-Schule zusammenkamen, um Gospel-Lieder zu lernen. Das Rudolf-Walther-Kinderdorf war Samstag Abend der erste Austragungsort des „Grenzenlos Gospel“-Konzerts.

Am Sonntag Mittag gingen die Chorsängerinnen und -sänger ins Kreiskrankenhaus, um für Patienten, deren Angehörige und das medizinische Personal zu singen. Zum Abschluss gab es ein öffentliches Konzert in der Ion-Vidu-Musikschule. „Dieses Mal haben wir Grenzen überwunden im Hinblick auf Kinder und Jugendliche, die in einer Institution leben, und wir haben für Patienten im Krankenhaus gesungen. Es ging nicht so sehr um die Grenzen, die auf Seiten der anderen entstehen, sondern um unsere eigenen Grenzen. Damit wir überlegen, wie gehen wir mit Krankheit in der Gesellschaft um, wie gehen wir mit Jugendlichen um, die nicht in ihrer Familie aufwachsen und dadurch vielleicht soziale Probleme haben“, sagte Dominic Samuel Fritz, Initiator und Leiter des „Grenzenlos Gospel“-Projekts.

Bereits zum zweiten Mal wurde bei den Chormitgliedern ein Denkprozess angeregt. Im Oktober 2012 fand die este Auflage von „Grenzenlos Gospel“ statt, bei der die Sängerinnen und Sänger im Nachtasyl und im Temeswarer Gefängnis Konzerte bestritten. Damals wie auch jetzt mussten nicht nur die Menschen im Publikum, sondern vor allem die Chormitglieder selbst mit großen Emotionen kämpfen. „Ich fühle mich in diesem Chor wie in einer großen Familie. Ich habe Tränen in den Augen, wenn ich die Lieder höre“, sagte Ancu]a Dorohoi, die auch bei der ersten Auflage von „Grenzenlos Gospel“ mitmachte.

Gospel-Musik oder Musik, die verbindet: Den Chor bildeten auch diesmal Menschen von überall her, Menschen unterschiedlicher Ethnien und Konfessionen, junge und ältere Leute, die aber alle eines gemeinsam hatten – die Liebe zum Singen, zur Musik. Das Repertoire bestand aus ungefähr 15 Liedern, die meisten davon auf Englisch. Zu den Chormitgliedern zählte auch Mechtild Gollnick, die seit Anfang der 1990er Sozialarbeit in Temeswar leistet und inzwischen auch zur Ehrenbürgerin der Stadt an der Bega ernannt wurde.

„Ich mag diese Lieder, weil es zwar religiöse Lieder sind, aber nicht übertrieben amerikanisch. Ich finde es beeindruckend, wie viele Leute an dem Projekt teilnehmen, aber auch, dass Dominic Samuel Fritz jedes Mal aus Deutschland kommt, um das Projekt mit uns durchzuführen“, sagte Mechtild Gollnick.

Zu den 122 Chorsängerinnen und -sängern gesellten sich diesmal der Klavierspieler Marcelle Poaty-Souami und der Schlagzeuger Bogdan Ciuciui, aber auch die junge Sängerin Naomi Bahnaru. Gemeinsam schafften sie es, die Musik einigen Menschen näher zu bringen, die vielleicht sogar vergessen haben, dass es überhaupt noch Musik gibt. Nun, da auch der TGP-Kulturverein ins Leben gerufen wurde, können mehr Gospel-Projekte zustande kommen. So plant Dominic Samuel Fritz, im Juni wieder das bereits zur Tradition gewordene „Timişoara Gospel Project“ zu veranstalten und gleich zwei große Benefizkonzerte im Capitol-Saal der Staatsphilharmonie „Banatul“ zu veranstalten. Im September soll es beim Plai-Festival einen Workshop mit anschließendem Konzert geben, wünscht sich der Dirigent.

Dass die Teilnahme am Gospel-Projekt jedes Mal ein Abenteuer ist, das wissen nicht nur die Chormitglieder, sondern auch die Leute im Saal, die sich von Dominic Samuel Fritz und seinem Chor jedes Mal aufs Neue überraschen lassen. Den „Grenzenlos Gospel“-Chor gibt es heute nicht mehr, doch gerade diese Vergänglichkeit prägt das Gospel-Projekt von Dominic Samuel Fritz. Der Chor soll spätestens im Juni zu neuem Leben erweckt werden, um die Herzen der Temeswarer erneut mit Gospel-Musik zu füllen.

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