Großbrand: Vom Colectiv zum Kollektiv

Clubs setzen Sicherheitsnormen um/ Temeswar zeigt Solidarität

Mittwoch, 11. November 2015

Rauch und Rock im Temeswarer Daos-Club
/ Symbolfoto: Zoltán Pázmány

Im Stadtzentrum werden Kerzen für die Opfer des Brandunfalls aus dem Bukarester Colectiv-Club angezündet.

Proteste in Temeswar: Die Menschen versammeln sich jeden Abend vor dem Operngebäude.
Fotos: Zoltán Pázmány

Es ist Freitag, kurz nach 21.30 Uhr. Ein paar Jugendliche haben sich vor dem Daos-Club in der Nähe der ehemaligen Hutfabrik in Temeswar/Timişoara versammelt. Es ist kalt draußen, doch nicht zu kalt, um nicht etwa mit der schwarzen Lederjacke aufzutauchen. Gegen Wind und Wetter schützen allerdings die hohen, schwarzen Lederstiefel. Viele von ihnen scheinen sich zu kennen – zumindest vom Sehen her. Kein Wunder, denn sie gehören der Minderheit an, die keine kommerzielle Musik hört, sondern eine, die durch das Zusammenspiel der elektrischen Gitarre, des E-Bass´ und des Schlagzeugs entsteht, die für empfindliche Ohren zu laut ist und meist eine systemkritische Botschaft rüberbringt. Sie hören Hardcore, Metal oder Punk. Mit einem Wort: Rockmusik.  

Am heutigen Freitag Abend steht ein Konzert der Bukarester Gruppe „Omul cu Şobolani“ auf dem Programm. Viele der Jugendlichen kommen vom Opernplatz, wo das erste Timişoara Rock Festival über die Bühne geht. Ein Stempel auf die Hand am Eingang, 20 Lei hingeblättert und der Spaß kann beginnen. In dem Vorraum mit Holzbänken und –tischen kann man sich bei einem Bierchen unterhalten, in dem Saal weiter hinten findet das Konzert statt. Es wird getanzt, gesungen, Beifall geklatscht. Noch ahnt niemand, dass ungefähr 600 Kilometer weiter weg, in Bukarest, Hunderte von Rockmusikliebhabern sich vor dem im Colectiv-Club entfachten Feuer in Sicherheit bringen wollen. Über 50 von ihnen sterben und mehr als einhundert Leute werden verletzt. Fast die Hälfte trägt schwere Verletzungen und Rauchvergiftungen davon.

 

Untergeschoss zur Disco umfunktioniert

Auch in Domplatznähe warten die Clubs an diesem Freitag auf die Partylustigen. Durch enge Türen gerät man ins schmale Treppenhaus. Man steigt aufmerksam die Treppen hinunter. Nach bloß einigen Schritten muss man warten – zwei Menschen können nur schwer aneinander vorbei, wenn gerade in dem Moment ein anderer hinaus möchte. Mit etwas Mühe kommt man im Club an – ein ehemaliger Keller eines alten Gebäudes. Der Eintritt ist frei, das Licht gedämpft. Man muss sich durch die tanzende Menschenmenge und durch den stickigen Zigarettenrauch einen Weg bahnen. Je enger, desto besser: Wer fühlt sich überhaupt wohl, wenn der Club leer ist? Einen freien Tisch zu bekommen, ohne ihn vorher reserviert zu haben, ist reines Glück. Tische und Stühle sind längst nicht für alle Gäste da, doch niemand macht es etwas aus, wenn man ab und zu an irgend einem Tischrand mal einen Becher oder eine leere Flasche abstellt oder in einem Aschenbecher eine Kippe ausdrückt.

Der Anblick ist in vielen Clubs aus der Temeswarer Altstadt derselbe: Ein Untergeschoss mit Wänden aus roten Backsteinen, Tunnels und schmale Eingänge, dabei Möbel aus Holz und Schmiedeeisen, eine Bar und ein DJ-Pult und schon wird aus dem Keller eine Disco. Man ist vielleicht hundert Mal da gewesen und man hat nie das Gefühl gehabt, etwas sei nicht in Ordnung. Kaum jemand hat sich bisher auch nur die Frage gestellt, ob ein Clubbesuch alles andere als Spaß bedeuten kann. Nicht, bis am 30. Oktober. Sorge, Frust, Mitleid, Traurigkeit, ein gewisses Schuldgefühl und ein vielleicht bisher verlorenes Gefühl, jenes der Solidarität, begleitet Rumänien pausenlos seit nahezu zwei Wochen. Ein wenig Unsicherheit mischt sich ebenfalls dazu.

 

Lokale nehmen internes Audit vor

Ein Rundgang durch die Temeswarer Clubs macht es deutlich: Die Katastrophe im Bukarester Club könnte wiederholt werden. Clubs und Institutionen müssen ihre Brandsicherheit verschärfen. Ein neues Gesetz, das der Sicherheit der Kunden in den jeweiligen Lokalen dient, ist kurz nach der Katastrophe in Kraft getreten, Vertreter der Banater Behörde für Katastrophenschutz (ISU) legten mit den Kontrollen los, zahlreiche Clubbesitzer ließen ihre Lokale zeitweilig schließen.

 „Wir waren geschockt, dass so etwas passieren konnte. Unsere Tätigkeit zu unterbrechen, war notwendig“, sagt Andrei Mureşan, einer der Inhaber des Rockclubs Taine am Domplatz. Bereits einen Tag nach dem Unglück im Bukarester Club blieb sein Lokal zu. Auch Daos schloss seine Tore, um ein internes Audit vorzunehmen. Neue Vorschriften seitens des Katastrophenschutzes sollen für mehr Sicherheit der Kunden sorgen. Den Clubverwaltern ist es jedoch nicht hundertprozentig klar, wie sie diese umzusetzen haben. Es gibt sogar eine Liste mit Lokalen, die demnächst strengstens geprüft werden. Club Taine, Bunker und D`Arc stehen unter anderem auf dieser Liste.

Katastrophen schockieren und zeigen: Diskotheken stellen im Brandfall ein erhebliches Gefahrenpotenzial für die Gäste dar. Kein Menschenleben sollte jedoch aufgrund mangelnder Brandsicherheit geopfert werden. „Wir bleiben so lange geschlossen, bis wir erfahren, was wir konkret für die Sicherheit unserer Kunden machen müssen. Niemand will auch nur das geringste Risiko eingehen“, fügt Andrei Mureşan hinzu. „Club Bunker hatte immer zwei Notausgänge, Leuchtstreifen und sechs Feuerlöscher. Dabei waren die Tische und Stühle aus massivem Holz mit schwer entflammbarem Lack behandelt worden“, heißt es bei Bunker. Auch die Verwaltung des Daos-Clubs teilte seinen Kunden mit: „Der Club hat drei doppelte Notausgänge, einen Hydranten, Feuerlöscher sowie Personal, das ausgebildet ist, um im Notfall richtig zu handeln“. Daos, Scottish Pub oder Amplificat sind weitere Lokale, die ihre Sicherheitsmaßnahmen in dieser Zeitspanne unter die Lupe nehmen. Ein Treffen zwischen mehreren Vertretern von Hotels, Restaurants und Cafés (HoReCa) und der Leitung von ISU Banat fand gestern statt. „Wir müssen uns um die Sicherheit der Menschen kümmern. Aus genau diesem Grund habe ich meine volle Bereitschaft bekundet, gemeinsam praktische Lösungen, die die Rechtsnormen respektieren, zu finden. Unser gemeinsames Interesse ist es, Katastrophen vorzubeugen“, sagte der ISU-Chefinspektor Lucian-Vasile Mihoc.

Zahlreiche Orte mit vielen Besuchern, wie Clubs, Discos, Kinosäle, Mehrzweckhallen und Einkaufszentren,  aber auch Großbetriebe werden demnächst strengstens untersucht. Gemischte Teams gebildet aus Feuerwehrleuten, Polizisten und Gendarmen werden Brandvorbeugungsübungen und Sicherheitstrainings durchführen. Die Betreiber sollen ab nun darauf achten, dass sie die zugelassene Höchstzahl von Besuchern einhalten. Dabei sind bei einer gewissen Größe der Lokale mehrere Notausgänge erforderlich, Fluchttüren sollen unverschlossen und Flure leicht passierbar sein. Außerdem werden demnächst Feuermelder, Hydranten und Feuerlöscher auf ihre Funktionstüchtigkeit geprüft.

 

Großer Andrang im Blutspendezentrum

Dienstag, 10.30 Uhr, im Temeswarer Blutspendezentrum neben dem Kreiskrankenhaus. Dutzende von Menschen sind gekommen, um Blut zu spenden – Blut, das den Brandopfern zu Gute kommen soll. Die meisten davon sind Studenten. Sie wollen helfen, denn sie haben mitbekommen, dass einiger der Verletzten Transfusionen benötigen. 50-60 Leute stehen Schlange vor dem Zimmer. „Dies ist die doppelte Anzahl von Blutspendern im Vergleich zu einem normalen Spendetag“, lässt Ärztin Cristina Ghiocel, die Leiterin des Temeswarer Transfusionszentrums, wissen. „Bis 13 Uhr werden bestimmt noch mehr Leute kommen. Auch Angestellte verschiedener Unternehmen haben ihre Teilnahme angesagt. Wir verlängern unser Programm, bis alle Blut gespendet haben“, fügt die Ärztin hinzu.

Das selbe taten auch Tausende andere Bürger in ganz Rumänien. Zahlreiche Kampagnen wurden im Sozialnetzwerk Facebook, aber auch unter Kollegen aus Schulen und Unternehmen ins Leben gerufen. Die Leute spendeten Blut aus Solidarität zu den Brandopfern. „Das ist das Mindeste, was wir tun können. Wir hätten an ihrer Stelle sein können“, sagten viele jungen Blutspender.

 

Proteste halten an

„Schade um das vergossene Blut“, ruft die Menschenmenge vor der Orthodoxen Kathedrale, genau so wie vor 25 Jahren, als ein Skandalfunke in Temeswar die Revolution entfacht hatte. Ein Kreuz aus brennenden Kerzen ist auf den Treppen der Orthodoxe Kathedrale entstanden. Mehr als 4.000 Menschen haben sich am Mittwoch Abend am Opernplatz versammelt, um zu protestieren. Der Aufruf zum Protest wurde auf Facebook veröffentlicht. Die Menschen protestieren gegen die Korruption, sie fordern Gerechtigkeit, sie wollen „Krankenhäuser, und keine Kirchen“. „Die Großeltern im Krieg, die Eltern bei der Revolution – nun sind wir dran“ steht es auf einem Plakat. Ein junger Mann schwingt die rumänische Flagge.

Die meisten Protestteilnehmer sind zwischen 20 und 30 Jahre alt – Studenten in Temeswar. Es gibt kein Gedränge, trotzdem hat man das Gefühl, dass man keine Luft bekommt unter den vielen Leuten.

Die Proteste halten an. Jeden Abend treffen sich die Menschen am Opernplatz. Unter anderem fordern sie eine Technokraten-Regierung, ein Ein-Kammer-Parlament mit maximal 300 Abgeordneten, die Einführung der elektronischen Stimmabgabe, die Aufhebung der parlamentarischen Immunität, die Fortführung der Ermittlungen in der Revolutions- und Mineriaden-Akte, und vieles mehr. Dennoch hat man das Gefühl, dass sie nicht genau wissen, was sie wollen. Trotz Kälte gehen sie jeden Abend aus ihren Häusern. „Fünf Menschen wollten ein Album vorstellen und lösten eine Revolution aus“, heißt es auf Facebook. Nicht nur in Temeswar und Bukarest, sondern auch in Hermannstadt, Klausenburg/Cluj-Napoca und in anderen rumänischen Städten protestieren die Bürger. Die Hoffnung auf eine Veränderung lodert wie ein Funke in vielen Herzen. Nichts ist mehr so, wie es mal war.

 

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