Gürteln – ein Dorf im Dornröschenschlaf

Von den Bewohnern verlassen, für den Tourismus wiederentdeckt...

Sonntag, 01. Juni 2014

Gürteln, zum Schenker Stuhl gehörend, liegt in einem malerischen, ruhigen Tal.

Die Pension „La Tei“ soll noch in diesem Jahr ihre Tore öffnen.

Das leer stehende Haus wird von der Natur zurückerobert.

Der künstlich angelegte Weiher lädt müde Wanderer zum Verschnaufen ein.
Fotos: Dagmar Schneider

Hellhörig wurden wir, als wir zufällig mit dem Bürgermeister von Braller/Bruiu im Winter beim Urzellauf in Agnetheln/Agnita ins Gespräch kamen. Er lud uns ein, das Dorf Gürteln/Gherdeal zu besuchen, welches auch in seinem Verwaltungsgebiet liegt – ein nahezu verlassenes Dorf, in dem nur noch vier Siebenbürger Sachsen und acht Rumänen ansässig sind.

Gürteln liegt im Kreis Hermannstadt/Sibiu, an der Grenze zum Nachbarkreis Kronstadt/Braşov. Von der Nationalstraße DN1, welche Hermannstadt mit Kronstadt verbindet, ist Gürteln rund zehn Kilometer Luftlinie entfernt. Zur Sicherheit tippten wir ins Navigationsgerät „Gherdeal“ als Zielort ein. So wurden wir von der Nationalstraße über den Alt/Olt in das Dorf Rucăr geleitet. Die asphaltierte Straße mündete zuerst in eine Schotterstraße und als wir am Ende des Dorfes ankamen, konnte man nur noch entweder im Pferdewagen oder zu Fuß den Weg fortführen.

Auf unsere Nachfrage sagte uns ein Einheimischer, man könnte Gürteln mit dem Pkw nur über Braller erreichen. So fuhren wir weiter und überquerten bei Voila erneut den Alt. Der asphaltierte Weg führte uns durch Kleinschenk/Cincşor nach Großschenk/Cincu. In der Ortsmitte bog die Straße nach Braller links ab. Dieser folgten wir, den Ort verlassend, und kamen über einen ausgedehnten Hügel, der als Weide genutzt wurde, in ein Tal, welches abwechselnd von dichtem Laubwald und hellgrün leuchtenden Wiesen bedeckt war. Wir fuhren an einer Köhlerei vorbei, an der  Männer vor schwarzen Baracken saßen. Kurz vor Braller zeigte der stark verrostete Wegweiser, auf dem „Gherdeal 3“ geschrieben stand, nach links. Eine gut befestigte Straße empfing uns und brachte uns über eine bewaldete Anhöhe in das abseits gelegene kleine Tal, in dessen Mitte Gürteln liegt.

Gegenwart

Schon von der Anhöhe aus begrüßt der schlanke, hell getünchte Kirchturm die Ankömmlinge. Gürteln wird von Wald und Weideflächen umgeben. Früher wurde an einem steilen Südhang von den sächsischen Bauern Weinanbau betrieben, davon ist jedoch nichts mehr übrig geblieben. Vom Dorfeingang, an dem links und rechts verlassene und zum Teil eingefallene Gehöfte zu sehen sind, führt die breite Straße direkt auf ein großes zweistöckiges, ebenfalls verwahrlostes Gebäude zu. Wir erfahren, dass dies die frühere deutsche Schule war. Gleich hinter der Schule mit den eingeschlagenen Fensterscheiben thront die evangelische Kirche in einem verwilderten Garten, der von einer viereckigen Wehrmauer umgeben ist. Wir gehen rechts an der Kirche vorbei. Die Straße führt leicht bergauf zu weiteren stark baufälligen Häusern, die ein Kreuz an der Fassade aufweisen, ein Zeichen, dass hier die rumänischen Dorfbewohner gelebt hatten.

Die Straße mündet in einen geschotterten, weitläufigen Platz, auf dem ein Ziehbrunnen neben einem alten Wassertrog steht – eine der früheren Tränken des Dorfes für das heimkehrende Vieh, jetzt in der Rolle als schmückendes Beiwerk. Unser Blick fällt auf ein großes neu renoviertes Anwesen. So wie der geschotterte Platz in diesem einsamen Dorf ist dieses Gehöft etwas, das die Neugierde weckt.

In dem schön angelegten Hof lesen wir auf einem großen Schild „La Tei“, was übersetzt „Bei den Linden“ heißt. Wir erfahren, dass der Inhaber ein Siebenbürger Sachse ist, in Deutschland lebt und die Pension noch in diesem Jahr eröffnen möchte. Interessant ist auch, dass für die Renovierung und Neugestaltung des gesamten Anwesens die Baumaterialien aus der Umgebung stammen. Einzig das mit Schindeln gedeckte Dach passt nicht zum siebenbürgischen Baustil.

Wir werfen einen Blick in das Innere des Hauses. Die rustikale Ausstattung zeugt von gutem Geschmack, gepaart mit guter Qualität. Auf gleichem Niveau sind die Zimmer, alle nach neuestem Standard eingerichtet und hohen Komfort bietend. Für Gäste, die dem Trouble der Großstadt entfliehen möchten oder für müde Geschäftsleute, die Entspannung inmitten der Natur suchen, ist das der richtige Platz.

Vergangenheit

Auf dem Rückweg zum Pkw lassen wir die Gedanken schweifen und wünschen uns, etwas über den ehemaligen Alltag in diesem ruhigen Ort zu erfahren, der einmal 122 Höfe zählte, mit einem intakten Dorfleben. Der Zufall will, dass wir einer gebürtigen sächsischen Gürtlerin, die in Deutschland wohnt und zurzeit im Elternhaus Urlaub macht, begegnen. Mit großem Interesse hören wir den Erzählungen aus ihrer Kindheit zu. Sie und ihr Mann zeigen uns den großen Hof mit dem stattlichen Bauernhaus und den vielen Anbauten, die früher für das dörflliche Leben nötig waren. Am Ende des Hofes befindet sich die große Scheune, in der noch ein beladener Leiterwagen mit stark ausgebleichtem Heu steht. Vor mehr als zwanzig Jahren wurde dieser hergezogen, erzählt man uns. Die Heugabel auf dem Wagen lässt erahnen, dass mit dem Abladen der Fuhre begonnen wurde – warum der Bauer die Arbeit nicht abschloss, bleibt ein Rätsel.

Die zweite Scheunentür, die in den Garten führt, lässt sich kaum aufstoßen. Der Garten wurde vor langer Zeit das letzte Mal bestellt und nun erobern sich Gras und Unkraut den Acker wieder. Im Hof und in den Schuppen findet man Gegenstände und Gerätschaften, die früher bei der Landarbeit und im Haushalt eingesetzt wurden: ein Brühtrog für die Schweineschlachtung oder das Waschbrett der Bäuerin. Die Sächsin erzählt uns gerne von ihrer Zeit als Schülerin – eine Zeit, die über 40 Jahre zurückliegt. Damals gab es in Gürteln eine Lehrkraft, welche die sächsischen Kinder der 1. bis 4. Klasse zusammen unterrichtete. Ab der 5. Klasse mussten die Schüler in den Nachbarort Martinsberg/Şomartin zum Unterricht. Die Schüler wohnten dort während der Woche unter einem Dach und gingen samstags nach Schulschluss zu Fuß über den Hügel nach Hause.

Die Sommerferien wurden ausschließlich daheim verbracht, jede Hilfe zählte hier. Das Gymnasium besuchte unsere Gesprächspartnerin in dem 70 Kilometer entfernten Schäßburg am „Joseph-Haltrich-Lyzeum“, der bekannten Bergschule. Während dieser Zeit war die Heimkehr nach Gürteln nur noch in den Ferien möglich. Mit der Zeit wanderten immer mehr Dorfbewohner in die umliegenden größeren Gemeinden und Städte aus, um dem harten, oft mühevollen Dorfleben zu entfliehen.

Viele Sachsen zogen nach Deutschland und nun kommen einige von ihnen nur noch in den Sommermonaten in ihre Häuser, die meisten jedoch haben in Deutschland ein neues Zuhause gefunden. So verfielen die Häuser, Stallungen und Scheunen und damit auch der Wert der Höfe, der in wenigen Ausnahmefällen auf ein paar Tausend Euro geschätzt wird. Von Wert sind für die Dagebliebenen nur noch die massiven, über hundert Jahre alten Dachbalken aus den eingestürzten Bauten, die zur eigenen Renovierung oder zum Weiterverkauf mitgenommen werden. Auch gut erhaltene, alte Dachziegeln werden aufgeladen, ebenso die alten Steine und Ziegeln aus dem Mauerwerk finden Verwendung.

Zukunftswunsch

Beim Verlassen des Dorfes auf halber Anhöhe halten wir nochmals an und blicken auf Gürteln. Der Tag neigt sich dem Ende zu, wir sehen auf einer Lichtung zwei Rehe friedlich grasen. Als sie uns entdecken überqueren sie ohne Eile den Weg und verschwinden im Dickicht des Waldes. Die Ruhe, die dieses Dorf ausstrahlt, beeindruckt jeden, der hier-her kommt, ob neugierige Fremde oder frühere Bewohner an Wochenenden und in den Sommermonaten. Sogar ein Bukarester sei letztes Jahr diesem Bann verfallen und wolle hier wohnen. Die Wirkung der Ortschaft auf die Besucher wirft viele Fragen auf, lässt Neugierde über die Dorfbewohner aufkommen und verlockt einen, die Umgebung zu erkunden. 

Man wünscht diesem einst kleinen aber stattlichen Dorf, dem mit den Jahren seine Abgelegenheit zum Verhängnis wurde, einen Prinzen, der es aus seinem Schlaf wachküsst. Oder ist Prinz „La Tei“ schon im Anmarsch?

Kommentare zu diesem Artikel

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Gerhard, 29.06 2014, 17:15
Viel Erfolg
und hoffentlich gibt es Menschen, die sich in ähnlicher Weise betätigen. Da ich kürzlich für den Senior Experten Service im Kreis Timis für eine Inftastrukturmaßnahme beraten habe,kann ich die Problematik der verlassenen Dörfer sehr gut nachvollziehen. Hauptproblem wird die geringe Infrastruktur vor Ort sein. Nicht jeder wünscht sich absolute Weltabgeschiedenheit.
stefan vaida, 03.06 2014, 08:48
ich weiss nicht was ich dazu sagen soll zum " guten Geschmack" der Pension...Rustikal ist eigentlich Falschung...

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