Güterwaggonbauer investiert in Fachpersonal

Erste Berufsschüler im Betriebspraktikum

Mittwoch, 22. Juni 2016

Bernd Böse am ersten Praktikumstag der Bediener von CNC-Maschienen

Vor allem die Nachfrage für Schweißer ist erheblich Qualitätsprodukte waren nur durch High-Tech möglich.

Die alten Produktionshallen erfordern hohe Investitionskosten.
Fotos: Zoltán Pázmány

Privatisierung statt Planwirtschaft – dass dies der einzige Weg in Richtung Effizienz ist, das wissen viele. Doch solche Schritte sind meist mit Personaleinschnitten verbunden. Und wenn es in solchen Situationen um den eigenen Job geht, kann die Stimmung leicht kippen und das Verständnis für Wirtschaftlichkeit ist schnell verflossen. Bei den Güterwaggonbauern von Astra Rail war dem nicht so, denn Privatisierung, Erfolgsstraße und neue Arbeitsplätze gingen praktisch Hand in Hand. „Wenn Insolvenzen anstehen laufen meist die guten Fachleute weg. Bei Astra Rail war dies nicht der Fall“, sagt Geschäftsführer Bernd Böse, dessen Unternehmen vor vier Jahren einen insolventen Betrieb mit Niederlassungen in Arad, Drobeta Turnu-Severin und Caracal übernommen hat. Innerhalb von vier Jahren hat sich die Zahl der Mitarbeiter mehr als verdoppelt: Von anfänglichen 1200 Angestellten ist die Personaldecke nach und nach auf derzeitige 2600 gestiegen.

         

Neue Arbeitsplätze

Bei der stetig erfolgten Aufstockung der Mitarbeiterzahlen müssen Fachleute angeworben werden, denn hohe Produktionsstandards sind nur über fachliche Kompetenz möglich. Auch betriebsinterne Schulungen reichten bald nicht mehr. Über den Deutsch-Rumänischen Wirtschaftsverein DRW wurde Astra Rail Impulsgeber für die duale Berufsausbildung in Arad. Derzeit sind die Eleven aus den Parallelklassen des ersten Jahrganges der Berufsschulklassen des Aurel Vlaicu-Kollegs, die vom DRW gefördert werden im Betriebspraktikum. 21 Schweißer und zehn Facharbeiter für CNC-Maschinen hat allein Astra Rail übernommen. Die weiteren Schüler bis um jeweiligen Klassenmaximum von 28 Eleven sind auf die anderen zehn Betriebe aus der Projektpartnerschaft verteilt. Seit Mitte Juni absolvieren die Schüler ihr insgesamt fünf Wochen andauerndes Praktikum zu je sechs Stunden pro Tag. Dieses Praktikum soll die Schüler mit dem Werkzeug, den Maschinen und den Arbeitsabläufen bei Astra Rail vertraut machen. „Unsere Absicht ist, die jungen Leute nicht nur als Handlanger zu benutzen, sondern sie richtig auszubilden“, so Bernd Böse auch Vizepräsident des DRW.

 

Praktikumsplätze für den Nachwuchs

Für das kommende Jahr möchte der Waggonbauer weitere 28 Praktikumsplätze für die Schüler bereitstellen, die ab Herbst am Technischen Kolleg, Aurel Vlaicu den Unterricht beginnen. Bernd Böse weiß, dass die Förderung  und Mitfinanzierung von Praktiumsplätzen „am Anfang Geld kostet“. Möglicherweise suchen sich die Jugendlichen nach dem Abschluss einen anderen Arbeitsplatz. Wenn wir aber solche Unterfangen mit dieser Philosophie angehen, dann haben wir nie Fachkräfte“. Andererseits ist das Unternehmen – trotz Praktikumsvertrag zwischen Schülern, Schule und Betrieb - nicht verpflichtet, alle Absolventen auch einzustellen. Grundsätzlich ist es aber auch so, dass die Unternehmen meist nur für so viele Schüler Praktikumsplätze anbieten, wie viele freie Stellen drei Jahre später auch verfügbar sind. Der Unternehmer hat so überwiegend seine offenen Stellen besetzt, es bleibt ihm  jedoch so viel Spielraum, dass er nicht jeden Absolventen der Berufsschule auch einstellen muss. Wer sich nicht bewährt, wird auch nicht aufgenommen, sagen Werksleiter, die in Sachen Berufsausbildung in Rumänien bereits Erfahrung gesammelt haben.

Allein in diesem Jahr ersetzt Astra Rail 29 Maschinen durch andere acht leistungsstarke und komplexe Anlagen. Im Unternehmen in der Nähe des Arader Hauptbahnhofes müssen jedoch keine Arbeiter den Folgen der Hochleistungstechnik weichen. „Bisher mussten unsere Mitarbeiter oft von einer zur anderen Maschine übersiedeln um die verschiedenen Abläufe zu bewerkstellingen“, sagt Bernd Böse.

 

Expansion trotz vieler Hürden

Eine bewegte Geschichte hat das Waggonbauunternehmen hinter sich. „Die Märkte sind nicht gleich nach der Wende weggebrochen“, sagt Ioan Weisl, seit Mitte der 1990er Jahre Journalist und bis nach der Wende Ingenieur eben im Waggonbauunternehmen. Erst später erfolgte die Spaltung, eine Erstprivatisierung durch den US-Konzern Trinity, darauf die Übernahme durch einen rumänischen Hauptaktionär, gefolgt von der Insolvenz in der Wirtschaftskrise. Die zum Teil maroden Gebäude stehen noch als Zeichen eines Unternehmens, das nach dem Kommunismus eine bewegte Zeit hinter sich hat. „Jedes Jahr investieren wir hohe Summen allein in die Überdachung unserer Werkhallen“, weist Bernd Böse auf die Folgen der über Jahre hinweg vernachlässigten Gebäude hin. Durch effiziente Zusammenlegung und Straffung der Arbeitsprozesse hat der neue Inhaber Werkhallen aufgeben können, die hohe Wartungs- und Betriebskosten erforderten. Trotz all dieser Nachteile am derzeitigen Standort ist eine Umsiedlung in einen Industriepark oder auf „grüne Wiese“ so gut wie keine Alternative. Die Präsenz des Unternehmens in der Nähe des Bahnhofes ist eine Existentielle, denn Astra Rail braucht ein Testgelände auf Gleisen, um Aufpralltests durchzuführen. Nur so ist es möglich, hochwertige Waggons an die anspruchsvolle Kundschaft, aus Deutschland, Frankreich. Österreich, Polen und der Schweiz zu liefern. Noch ist Rumänien selbst nicht in der Lage, neue Waggons zu kaufen – im Gegenzug gibt es auch ausreichend Gebrauchte aus dem Westen, die deutlich billiger anzumieten sind. Dazu kommt, dass seit Jahren der Verkehr von der Straße auf die Schiene verlagert werden soll, „doch Logistikzentren europaweit werden vorwiegend in der Nähe von Hauptverkehrsstraßen aber nicht entlang von Gleisen gebaut“, hat Bernd Böse ein Manko für die Waggonbaubranche erkannt. „Wahrscheinlich hat der Straßenverkehr die bessere Lobby, sagt der Werksleiter. Kurze Fahrzeiten weisen die Lokführer auf, setzt Bernd Böse. In Europa hat der Personenverkehr Vorrang und Lockführer stehen mit ihrem Güterwaggons meist und müssen auf Durchfahrtssignale oft lange warten. All dies lässt das Unternehmen jedoch nicht von seinem Expansionskurs abweichen – hohe Investitionen in neue Technologien- und Fachkräfteausbildung belegen dies.

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