„Gut bezahlter Traumjob ohne Sprach- und Fachkenntnisse“

Wie verzweifelte Arbeitslose Opfer von Ausbeutern im Ausland werden

Donnerstag, 25. Oktober 2012

Bischof Reinhart Guib (l.) begrüßte die Veranstaltung der Konferenz: Die Evangelische Kirche A.B. in Rumänien befasst sich schon seit dem Jahr 2000 mit dem Thema Menschenhandel. Senatorin Mihaela Popa (Mitte) fordert höhere Strafen für die Ausbeuter.

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Fotos: Nina May

Eine Anzeige wie im Titel, dazu ein paar Erfolgsgeschichten von denen, die es angeblich geschafft haben – so kann sie aussehen, die Falle, die ein Menschenleben für immer verändern kann. Gesucht werden vorzugsweise bildhübsche Mädchen oder kernige Jungs, denen man ansieht, dass sie kräftig anpacken können. Aber auch gut ausgebildete Verzweifelte – Psychologen, Lehrerinnen, Fachlehrer – die ihre Schulden, ihre Miete oder den Lebensunterhalt für die Familie mit einem rumänischen Gehalt nicht mehr bestreiten können, sind leichte Opfer für Ausbeuter. Zu menschenunwürdigen Bedingungen sind sie bereit, jeden beliebigen Job im Ausland anzunehmen. Dort warten oft unbezahlte Überstunden, miserable Unterkünfte, unvereinbarte Gehaltskürzungen, im schlimmsten Fall der Zwang zur Prostitution. Die Opfer aber schweigen. Entweder sind ihnen ihre Rechte nicht bewusst oder sie haben Angst vor Strafverfolgung wegen illegaler Arbeit – vor allem aber Angst um den Job, der ihnen zumindest das Überleben sichert. Genau davon aber profitieren dubiose Vermittler, die Arbeitskräfte mit reichen Versprechungen ins Ausland schicken, um sie dann vor Ort mit Knebelverträgen, Einschüchterung und Ausnutzung ihrer Zwangslage abzuzocken.

Arbeitsausbeutung ist ein Verbrechen

„Arbeitsausbeutung ist ein Verbrechen und nicht nur ein anrüchiges Mittel zur Kostensenkung“, stellt Dr. Jürgen Stein, Direktor des Diakonischen Werks in Bremen und einer der Moderatoren auf der von AIDRom (Ökumenische Vereinigung der rumänischen Kirchen) und ANITP (Nationale Behörde gegen Menschenhandel)veranstalteten internationalen Tagung klar. Zum Anlass des Europäischen Tages gegen Menschenhandel trafen sich am 17. Oktober im rumänischen Außenministerium Experten aus mehreren EU-Ländern, um sich der relativ neuen Herausforderung, der Prävention des Menschenhandels zum Zweck der Arbeitskraftausbeutung, zu stellen. Die Teilnehmer stammen aus staatlichen und überstaatlichen Einrichtungen, die mittlerweile erkannt haben, dass Menschenhandel nicht nur durch Grenzkontrollen und die Bekämpfung von Illegaler Migration verhindert werden kann und vor allem mehr bedeutet als nur Mädchenhandel für Prostitution.

Arbeitsausbeutung – damit hat bislang kaum eine Institution langjährige Erfahrung gesammelt. Selbst der CBSS (Council of Baltic Sea States), eine von den Außenministern der 11 Mitgliedstaaten gegründete Kooperation, die sich unter anderem prioritär mit Menschenhandel befasst, hat erst im August 2012 eine spezielle Task Force für die Bekämpfung von Arbeitsausbeutung gegründet. Bislang hatte man sich in diesem Zusammenhang nur mit Prostitution beschäftigt. Das Bewusstsein für Arbeitsausbeutung ist in allen Mitgliedsländern noch sehr niedrig, bemerkt CBSS-Vertreterin Vineta Polatside aus Schweden. Staatliche Institutionen befassen sich bisher nur aus der Sicht der Steuerhinterziehung und illegalen Migration mit dem Thema.

Wertvolle Erfahrungswerte aus der Kirche

Umso mehr konkrete Erfahrungswerte im Umgang mit Betroffenen konnten hingegen die Teilnehmer aus den zahlreichen seelsorgerischen Beratungsstellen beisteuern. In Rumänien befasst sich AIDRom mit der Betreuung von Interessenten für Auslandsjobs und setzt hierbei stark auf Prävention. „Eine informierte Person ist eine geschützte Person“, so auch das Motto der von der Programmmanagerin Elena Timofticiuc ins Leben gerufenen Konferenz. Die aus Rumänien stammende Maria Simo, seit zwei Jahren Beraterin für Frauen im Verein für Internationale Jugendarbeit (VIJ) in Stuttgart, kennt die Sorgen und Nöte der Opfer im Zielland genau. Ihre Statistikfolien zeigen: Seit 2010 ist die Anzahl der betroffenen Rumäninnen in Deutschland stark gestiegen. Einen Anstieg der Opfer des Menschenhandels aus Rumänien um 29 Prozent erwähnt auch Senatorin Mihaela Popa in ihrer Einleitungsrede. Doch die Dunkelziffer ist hoch, so Simo, denn die meisten Opfer sehen sich entweder nicht als solche oder sie können gar nicht beweisen, wie viel sie wann und für wen gearbeitet haben. Da übernimmt kein Anwalt den Fall.

Oder aber sie wollen es nicht beweisen. „Frau Maria, ich brauch doch diesen Job!“ bittet die Rumänin, die in der privaten Altenpflege arbeitet. Den Knebelvertrag mit dem 24-Stunden Tag und einem halben Tag Freizeit pro Woche hatte sie blind unterschrieben. Welchen Unterschied macht es, dass sie den deutschen Text sowieso nicht verstanden hätte? „Häusliche Altenpflege ist noch in keiner Statistik erfasst“, alarmiert  Simo, die mit insgesamt zehn Kollegen aus kirchlichen Beratungsstellen in Bremen, Freiburg und Hannover vertreten war. Und fügt hinzu: „Etwa 50 Prozent der deutschen Senioren bevorzugen eine billige Frau aus Osteuropa gegenüber einem Pflegeplatz im Altersheim“.

Aus Opfern werden Täter

Den Opfern ist schwer zu helfen. Hinzu kommt, dass Schadensbegrenzung den Staat teurer kommt als Prävention, darin sind sich die Experten einig. Massive Aufklärung in Schulen, über Pfarrer, Massenmedien und in speziellen Infozentren ist daher erforderlich. Vor allem aber eine länderübergreifende Kooperation zwischen den staatlichen und nichtstaatlichen Stellen. Elena Timofticiuc erzählt vom Fall einer Ausreisenden, der – wie so vielen – an der Grenze ein Flyer mit einer Notfallnummer in den Pass gelegt wurde. Achtlos warf sie ihn weg und bekannte später, sie hätte nicht gedacht, dass sie jemals in eine Situation kommen könne, in der sie ihn dringend gebraucht hätte. Die Leute glauben, wenn eine Anzeige im Internet erscheint, müsse es sich um einen realen Job handeln, beklagt Frau Timofticiuc. Die Methoden der Vermittler kennt sie nur zu gut. Sie locken mit guten Gehältern ohne Anforderung oder sogar mit der Loverboy-Methode. Oft sind es Bekannte, Nachbarn, Verwandte, die als Jobvermittler fungieren. Wem der offizielle Weg zu einem Arbeitsplatz im Ausland zu schwierig erscheint, der nimmt eher die Hilfe des „Freundes eines Freundes“ an.

Toader Paraschiv von der Gewerkschaft Alfa Cartel erklärt, wie Opfer selbst zu Tätern werden. „Sucht man in Zypern einen legal arbeitenden Rumänen in seiner Unterkunft auf, findet man todsicher drei bis vier Illegale.“ Denn damit der Erste für seine überteuerte Unterkunft überhaupt bezahlen kann, muss er weitere Arbeitskräfte anwerben. Sexuell ausgebeutete Frauen hingegen werden vor allem deswegen zum Täter, weil ihnen die Rückkehr in eine normale Gesellschaft verwehrt bleibt. So bleiben sie der einzigen Branche, von der sie etwas verstehen, treu.

Maria Simo berichtet von einem Pussy Club in Deutschland, einer Art Bordell mit Flatrate für den ganzen Tag. Der Fall kam nur vor Gericht, weil die Sozialabgaben nicht bezahlt wurden. Die Inhaberin und ihre Komplizinnen hatten je zwei Anwälte, während sich die Mädchen allein vertreten mussten. Eine ihrer Kolleginnen nahm ein rumänisches Mädchen an der Hand, beschaffte ihr einen Anwalt und betreute sie während des gesamten Prozesses. Da merkte sie erst, wie tief traumatisiert das Opfer war. In den vier Jahren, die sie in der Zwischenzeit in Rumänien verbracht hatte, hatte sie mit niemandem darüber gesprochen, was ihr in Deutschland widerfahren war.

Toader Paraschiv kritisiert an dieser Stelle die orthodoxe Kirche in Rumänien, die sexuelle Opfer als Sünder stigmatisiert. Statt dessen könnte sie einen Beitrag zur Wiedereingliederung leisten, aber auch in der Aufklärung zur Prävention.  
Was die Hilfe für Opfer betrifft, existieren in Rumänien theoretisch viele Mittel: Per Gesetz ist psychologische Betreuung vorgesehen, es gibt speziell ausgebildete Ärzte, Psychologen und juristische Assistenten sowie Gesetze zur Wahrung der Vertraulichkeit. Ihre Gehälter sind jedoch miserabel und die Gefahren für Opfer wie Helfer groß, weil am Ende einer Menschenhandelskette meist die Organisierte Kriminalität steht. Es gibt aber auch Gesetzeslücken: Von einer Entschädigung für Kriminalitätsopfer sind die von Menschenhandel Betroffenen derzeit explizit ausgeschlossen. Der Forderung von Senatorin Popa nach schwereren Strafen für Menschenhändler setzt der Gewerkschafter das Argument entgegen, Täter würden aus Furcht vor drakonischen Strafen zur Spurenbeseitigung neigen und damit das Opfer in Gefahr bringen.

EU-Ideologie: Wettbewerb und billig, billig, billig

Valentin Mocanu von der Konföderation der freien Gewerkschaften Frăţia sieht die Ursachen im Armutsgefälle von West nach Ost. In einer früheren Diskussion mit einem Mitglied der EU-Kommission zur Erhöhung des Mindestlohns in Rumänien hatte er diesem vorgerechnet, was einem Arbeitnehmer mit 600 Lei netto nach Abzug von Busfahrt und Essenspaket zum Leben verbleibt. Die lapidare Antwort: Wenn es keine Alternative gibt, werden die Leute das schon akzeptieren. „Ist das nicht auch eine Form von Zwangsarbeit?“ entrüstet sich Mocanu. Nachdem der spontane Beifall abgeebbt war, fügt er ironisch an: „Die Sklavenhalter waren wenigstens darauf bedacht, in einem Mindestmaß auf ihr Gut aufzupassen. Heute hingegen zählt nur noch die Arbeitsleistung. Der Mensch ist austauschbar.“ Ein Alarmzeichen auch von Seiten des Diakonieberaters Wolfgang Herrmann aus Stuttgart: „Deutschland ist Marktführer im Niedriglohnbereich in der EU! Jeder fünfte Arbeitsplatz ist im Niedriglohnbereich angesiedelt, Tendenz steigend.“

Torsten Moritz, Sekretär für EU-Politik im CCME (Churches Commission for Migrants in Europa; www.ccme.be) Belgien, beklagt: „Im Deal der EU gibt es zur Zeit keinen Willen, das Thema menschenwürdige Arbeit überhaupt anzusprechen. Ideologie ist ‚Wettbewerb‘ und ‚möglichst billig‘!

Fünf systematische Schwächen identifiziert er im Zusammenhang mit dem Thema Arbeitsausbeutung:
1. Schwäche der Identifikation: Menschen machen „schlechte Erfahrungen“, ohne sich bewusst zu sein, dass sie Opfer einer kriminellen Ausbeutung sind.
2. Schwäche in der institutionellen Kapazität: Es gibt zu wenige staatliche und freie  Institutionen und zu wenig Erfahrung. Die bisherigen Erfahrungswerte zu sexueller Ausbeutung lassen sich nur sehr eingeschränkt auf Arbeitskräfte übertragen.
3. Schwäche im politischen Willen: Der Mangel an Bereitschaft, sich mit dem Thema zu befassen, wird mit mangelnder Erfahrung begründet. Aspekte der illegalen Migration oder Steuerhinterziehung stehen im Vordergrund, das Opfer wird von vornherein als Täter wahrgenommen.
4. Schwäche im Lobbying: Mit sexuell ausgebeuteten Mädchen sympathisieren Gesellschaftsgruppen eher - kaum  jemand bringt jedoch Sympathie für den „großen, schwitzenden Arbeiter“ auf.
5. Schwäche in Alternativen: gemeint ist die generelle Degradation der Arbeitsbedingungen wegen zunehmender Verknappung an Arbeitsplätzen.

Was kann man tun?

Die Betroffenen sind laut Quästor Ioan Căbulea vom Innenministerium vor allem männlich (75 Prozent), aus ländlichem Gebiet, zwischen 20 und 30 Jahren, mit mittlerem Ausbildungsniveau. Sie stammen bevorzugt aus den Landkreisen Jassy/Iaşi, Ialomiţa, Sălaj. Zielländer sind meist Deutschland, Griechenland, Spanien, Tschechien, Zypern und Italien, häufigste Einsatzbereiche Bauwesen, Dienstleistungsbereich, Reinigung, Pflege und Haushalt. Dies ist die Risikogruppe.
Unseriöse Vermittlungsagenturen  profitieren von der Unkenntnis oder Zwangslage der Opfer. Oft wird im Zielland ein schlechterer Vertrag als vorher vereinbart vorgelegt, oder das Opfer muss erst angebliche Schulden durch Transport, Papiere und Unterkunft begleichen; der Lohn wird nur teilweise ausbezahlt (weil der Vermittler die Differenz einstreicht), die Identitätsdokumente werden einbehalten oder der freie Zugang zum Arbeitsmarkt eingeschränkt. Frühe Alarmzeichen sind, wenn angeblich keine Arbeitserlaubnis erforderlich ist, Adresse und Identität des Arbeitgebers im Zielland vor Abreise nicht bekannt sind, kein klarer Vertrag in rumänischer Sprache mit Festlegung von Stundenzahl, Gehalt, Unterkunftsbedingungen und Sozialversicherung vorhanden ist oder der Pass abgegeben werden muss.

Wer eine Arbeitsstelle im Ausland sucht, kann sich vorher bei ANITP unter der Helpline 0800800678 beraten lassen. Wertvolle Tipps zu Risiken und korrekter Vorgehensweise bei der Arbeitssuche in Deutschland liefert die zweisprachige AIDRom-Broschüre „Wer informiert ist, ist geschützt: Was muss ich wissen, um in Deutschland sicher zu arbeiten?“(www.aidrom.ro). Über das Präventionsprogramm SENS unterhält AIDRom vier Beratungszentren in Rumänien - Bukarest, Jassy, Klausenburg/Cluj und Großwardein/Oradea - und steht in Kontakt mit den Diakonischen Zentren in Deutschland. Auf der Webseite des VIJ findet man unter www.vij-stuttgart.de (FairCare Vermittlung) eine seriöse Vermittlung von Arbeitsplätzen in Deutschland.

Arbeitsausbeutung ist so alt wie die Geschichte der Menschheit. Doch erstmals in der Geschichte verfügen wir über das Potenzial, theoretisch den gesamten Planeten – dann erst recht Europa – ernähren zu können. Wir könnten uns also eine hohe Moral leisten. Die Herausforderung, die es zu bewältigen gilt, lautet nur: gerechte Umverteilung.

Kommentare zu diesem Artikel

Norbert Kraft, 28.10 2012, 17:26
Ein herausragender Artikel, der auch auf die Hintergründe der Arbeitsausbeutung in den Herkunfts- und Zielländern eingeht.
ernst, 27.10 2012, 13:25
Was kann man tun?
A) die Lebens/Arbeitsbedingungen in Rumänen schnell und nachhaltung verbessern ; denn dann würden sich die geschilderten Probleme vermindern
B) den Satz:„Etwa 50 Prozent der deutschen Senioren bevorzugen eine billige Frau aus Osteuropa gegenüber einem Pflegeplatz im Altersheim“. ist einfach zu wenig fundiert ; denn da kommt es doch sehr auf den Einzelfall/Pflegebedürftigkeit an.
C) EU ist nicht an allem schuld ; denn vor der EU gab es schon Ausbeuter - auch in Rumänien
Reinhard, 25.10 2012, 14:36
Hut ab Frau May für diesen sehr guten Artikel! Es würde mich freuen, wenn auch deutsche seriösen Zeitungen (Die Zeit+SZ etc.) und Behörden sich mit diesem Thema beschäftigen würden, um Linderung der Betroffenen zu erwirken! Grüße aus Fürth.

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