Gute Zuhörer neu definiert

Die Tomatis-Hörstimulation in Bukarest

Sonntag, 10. Februar 2013

Solisten oder das „elektronische Ohr“

Ana Tudorache gilt als Wegbereiterin der Tomatis-Methode in Rumänien.
Fotos: Centrul Mozart

Das vornehme Bukarester Cotroceni-Viertel versteckt viel mehr als Häuser mit besonderer Architektur, die an ältere Zeiten erinnern. Der Ort, an dem wir anhalten, befindet sich in einer der Straßen mit Ärztenamen: Aus der Carol-Davila-Straße biegt man nach rechts auf die Petre-Herescu-Straße, wo das Mozart-Zentrum für Hörtherapie von Ana Tudorache liegt. Es ist das erste Tomatis-Zentrum in Rumänien.

Der Name „Tomatis“ kommt von einem französischen Wissenschaftler, Alfred Tomatis, der die Audio-Psycho-Phonologie entwickelt hat. Dass die Art und Weise, wie wir hören, Wirkungen auf unser Leben hat, das könnte man auch alleine ahnen. Dass es eine Wechselbeziehung zwischen Hören, Körper und Psyche gibt, wurde aber nach intensiven, langwierigen Studien aufgezeigt.

In dem kleinen Büro eines riesigen Hauses zählt Frau Tudorache die Vorteile dieser Therapie durch  Beispiele aus ihrer eigenen Erfahrung auf: Sie spricht über die Fälle, bei denen sie im Ausland während ihrer Tomatis-Ausbildung mitgeholfen hat. Die Therapeutin erzählt von Resultaten der Tomatis-Hörstimulation, die auch nachhaltig seien. Erwähnt werden Fälle von Kindern, die nicht schwimmen oder Rad fahren konnten, Studenten, die vor ihrer Prüfungszeit in ein Tomatis-Zentrum kamen, damit sie sich besser konzentrieren konnten, schwangeren Frauen, alten Leuten mit emotionalen Problemen. Da die Hörfähigkeit viel mit dem Wohlsein des Körpers und der Psyche zu tun hat, könne die Tomatis-Methode im Falle verschiedener Störungen angewandt  werden – von Autismus, Dyslexie und Körperbeherrschungsschwierigkeiten bei Kindern zu Depression und Konzentrationsmangel (ADHS), erklärt Frau Tudorache.

In der Welt gibt es insgesamt mehrere Hunderte Tomatis-Zentren. Eine internationale Tomatis-Gemeinschaft ist schon entstanden, in Verbindung ist Frau Tudorache mit Zentren in Frankreich und Griechenland geblieben. Geschult wurde sie im Tomatis-Herkunftsland. An einem Ausbildungszentrum in Paris hat sie eine gute Weile verbracht, damit sie sich diese Methode aneignet. Seit der Gründung ihres eigenen Therapiezentrums im Herbst nehmen aber nicht viele ihre Hilfe in Anspruch. Der spürbare Mentalitätsunterschied zwischen Frankreich und Rumänien lässt sie nicht kalt. Die Neuigkeit der Therapie wird in Rumänien mit Reserviertheit betrachtet, da von der Tomatis-Hörtherapie nur wenige erfahren haben, erklärt Frau Tudorache weiter.

Der kleinflächige Raum ist ganz schlicht ausgestattet und scheint für Kinder ausgedacht zu sein: mit winzigen Stühlen, allerlei bunten Plastikfiguren auf dem Boden und einem Regal mit Büchern. Auf dem kleinen Tisch vor dem Fenster liegt nur ein einziges Gerät, das einem Smartphone ähnelt. Es ist das Schlüssel-Element der Tomatis-Therapie: Schwarz und glänzend, ohne Knöpfe zum Drücken. Es ist ein Hörsimulator, ein „elektrisches Ohr“, genannt Solisten, das Musik moduliert. Die Therapeutin schaltet es ein und nähert sich mit den Spezialkopfhörern. Die Kopfhörer setzt sie mir zuerst auf den Kopf (und nicht auf die Ohren), die Musik sollte durch die Knochen geleitet werden, erklärt die Therapeutin. Verwirrt aber gehorsam bleibe ich im Sessel sitzen. Erst danach begreife ich, was diese gefilterte Musik ist: Über die jetzt auf die Ohren gesetzten Kopfhörer geht die Melodie weiter, Hochfrequenzabschnitte wechseln sich mit Tieffrequenzabschnitten ab. Benutzt werden Musik von Mozart aber auch gregorianische Gesänge.

Die Theorie dahinter

Tomatis’ Vater war Opernsänger und hat ihn darum gebeten, die Probleme zu lösen, die bei professionellen Sängern auftauchen. Entdeckt wurde, dass bei konstanter Lärmbelastung (wenn Opernsänger zu laut singen) sich ein Abwehrmechanismus auslöst, damit das Innenohr nicht geschädigt wird: Die Muskeln im Mittelohr (eine Art Türsteher) werden schlaff und bedecken den „Eingang“. Wenn der Sänger seine Stimme nicht richtig hört, dann verschlimmert sich seine Stimme automatisch und unbewusst. Eines der Tomatis-Gesetze lautet beispielsweise, dass die Stimme nur das enthält, was das Ohr hören kann.
„Wenn die Muskeln unflexibel sind, dann hat man Schwierigkeiten“, sagt die Therapeutin. Durch die Wechselschaltung von hohen und tiefen Frequenzen kann  man diese Muskeln trainieren. Auf diese Weise vergrößert sich die Skala von Frequenzen, die man wahrnehmen kann. „Je kleiner die Skala ist, desto größer sind die Probleme“, erklärt Frau Tudorache. Jeder Patient wird erst einem Hörtest unterworfen: Das individuelle Hörvermögen wird analysiert und danach wird ein individuelles Programm ausgearbeitet.

Wichtig sei auch, dass das rechte Ohr und nicht das linke dominant ist. Hört man mehr mit dem linken, dann wird die Übertragung der Informationen Verspätung haben, denn die Informationen werden zu der rechten Hemisphäre geschickt, aber die Information wird in der linken Hemisphäre verarbeitet.

Das Gespräch wird plötzlich unterbrochen: Victor, ein blauäugiger Junge, der ein ständiges Geräusch im Ohr hört, kommt in die Praxis, begleitet von seinen Großeltern. Er stürmt ins Zimmer und wartet ungeduldig, dass seine Sitzung beginnt. Die Großmutter bringt die Kleider ihres Enkelkindes in Ordnung – ein ritueller Zeitvertreib, da sie die nächsten zwei Stunden auf dem Flur  verbringen wird. Der skeptische Großvater bleibt aber nicht lange. Nachdem die Großeltern sich über die Zeit der  Abholung einigen, geht der Opa murmelnd weg und lässt die Oma alleine und langmütig auf die Besserung des Gehörs ihres Enkelkindes hoffen.

Die Tomatis-Hörerziehung wird von manchen als eine pseudo-medizinische Therapieform betrachtet. Die Broschüren und Webseiten im Internet versprechen vieles, trotzdem ist die (noch nicht anerkannte) Hörkur immer noch umstritten, da ihre Wirksamkeit – abgesehen von eher subjektiven Einschätzungen – (noch) nicht wissenschaftlich nachgewiesen wurde.

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