„Hätte ich mir je darüber Gedanken gemacht, dass ich Frau und nicht Dirigentin bin, dann hätte ich diesen Beruf nicht ergriffen“

Interview mit Mihaela Silvia Roşca, der Dirigentin der Rumänischen Oper Temeswar

Sonntag, 08. März 2015

Auf den Geschmack für Musik kam Mihaela Silvia Roşca schon in der Kindheit. „Als ich irgendwann Bedenken hatte, hat mich meine Mutter ermutigt, weiterzumachen“.

Stärke am Dirigentenpult zeigen
Fotos: Zoltán Pázmány

Die Anerkennung des Publikums und der Kollegen

Den Dirigentenstab führen, beweist neben musikalischem Gehör auch Kraft, Ausdauer, Charakter und Autorität. In der Rumänischen Oper Temeswar steht eine Frau am Dirigentenpult, die einzige, die in Rumänien einen ständigen Vertrag mit einer Oper hat: Mihaela Silvia Roşca. Von den Temeswarer Operngängern wird sie geliebt und geehrt. Den Stab schwenkt sie mit Kraft und Feminität zugleich. Mihaela Silvia Ro{ca ist Absolventin des Ciprian-Porumbescu–Konservatoriums in Bukarest, wo sie namhafte Professoren wie Grigore Constantinescu, Constantin Bugeanu und Iosif Conta unterrichtet haben. Ihr Debüt gab sie 1985 in Konstantza/Constanţa. An der Oper Temeswar hatte sie ein Jahr lang auch die Funktion einer künstlerischen Leiterin sowie über mehrere Jahre die Rolle einer künstlerischen Beraterin inne. Ihre Karriere brachte sie in der Jugend nach Deutschland, später, als Dirigentin der Temeswarer Oper, nach Spanien, Belgien, in die Schweiz und in die Niederlande. Im Laufe der Zeit dirigierte sie Kammerorchester, Philharmonien und Opernensembles. ADZ-Redakteurin Ştefana Ciortea-Neamţiu plaudert mit ihr über den Spagat zwischen den Rollen: als Dirigentin in einer Männerdomäne und als Frau.

Frau Roşca, wann wurde Ihnen klar, dass Sie in diesen Beruf einsteigen werden?

Ich habe das George-Enescu-Musiklyzeum in Bukarest absolviert. Damals wollte ich mir noch eine Karriere als Pianistin aufbauen, aber wegen gesundheitlicher Probleme musste ich diese Idee aufgeben. In der Zwischenzeit bot man mir an, mit einem Kammermusikorchester zu arbeiten, das von meiner Mutter geleitet wurde. Meine Mutter war Musiklehrerin. So habe ich als Dirigentin angefangen. Ich begann mich zu spezialisieren bei  Dirigenten, Meistern aus dem In- und Ausland , mit Constantin Bugeanu, Iosif Conta, Otmar Suitner und Igor Markevitch, die mir dazu verholfen haben, zu verstehen, was dieser Akt der musikalischen Koordination in seiner Komplexität bedeutet.

Welcher der großen Dirigenten inspiriert Sie am meisten?

Das ist Georges Prêtre. Ich habe mich gefreut, dass ich letzte Woche auf Youtube eine seiner Aufnahmen aus dem Jahr 2009 mit der „Cavalleria Rusticana“ gesehen habe. Als ich 13 Jahre alt war, hat mir Meister Ion Voicu erlaubt, einer Probe des Meisters Georges Prêtre mit der George-Enescu-Philharmonie beizuwohnen. Ich war von seiner Art zu arbeiten fasziniert, von seiner Persönlichkeit, von seiner Energie und ich habe ihn nach der Probe auch angesprochen; er war sehr begeistert, dass ich Dirigentin werden wollte. Damals wusste ich noch nicht, dass ich Operndirigentin werden sollte, ich war noch für die symphonische Musik begeistert. Im Alter von 17 Jahren habe ich mich endgültig für den Dirigentenstab entschieden. Ich habe an internationalen Musikseminaren teilgenommen, insbesondere in Weimar, wo ich die Chance hatte, namhafte Dirigenten kennenzulernen wie Igor Markevitch und Otmar Suitner, die mich ebenfalls ermutigt haben. Ich habe auch bei den Abschlusskonzerten im Rahmen dieser Sommerkurse dirigiert: mit 18 Jahren habe ich die Jenaer Philharmoniker geleitet, was in dem Alter nicht gerade einfach ist. Es war der dritte Teil von Beethovens IV. Symphonie. Zum selben Zeitpunkt hat mich das Berliner Fernsehen interviewt, das Jahr 1975 stellte somit eine Wende in meiner Karriere dar.

„Ein Pygmalion mit anderen Mitteln“

Sie sind die einzige Frau, die als Dirigentin einen unbefristeten Vertrag mit einer Oper in Rumänien hat. Ist es schwieriger für eine Frau in diesem Beruf zu arbeiten?

Ich glaube, dass das Problem objektiv betrachtet werden muss. Es gibt im Allgemeinen eine Zurückhaltung, vielleicht auch berechtigt – ich werde gleich erklären, warum – in der Art und Weise, in der die Frauen am Dirigentenpult betrachtet werden. Frau Susanne Kastner hat mir nach einem Konzert anlässlich des Tages der Deutschen Einheit vor ein paar Jahren dieselbe Frage gestellt. Hätte ich mir je darüber Gedanken gemacht, dass ich Frau und nicht Dirigentin bin, dann hätte ich diesen Beruf auch nicht ergriffen. Einer Frau, die Dirigentin sein will, muss klar sein, dass sie sehr gut vorbereitet sein muss. Es ist unwichtig, ob Mann oder Frau, Hauptsache, man beherrscht seine Sache. Man muss sehr entschlossen Entscheidungen treffen, man muss wissen, wie man mit dem Team arbeitet. Man muss die Teampsychologie kennen, denn man muss die Individuen von der eigenen Option überzeugen. Beim Operndirigieren geht es nicht nur um die Einhaltung des Tempos, sondern auch um Aspekte, die von der eigenen Konzeption abhängen, wie man die Gesamtarchitektur der Vorstellung aufbaut. Man muss die unterschwelligen Botschaften der Musik herausfinden und ihnen eine Form geben. Der Dirigent ist ein Pygmalion mit anderen Mitteln.

„Die eigene Persönlichkeit entfalten“

Welche sind die eventuellen Hindernisse, auf die eine Frau in diesem Beruf trifft, welche sind die eventuellen Stärken?

Vergangenes Jahr war ich Jurymitglied beim einzigen internationalen Operndirigierwettbewerb, der alle zwei Jahre in Russe, Bulgarien, stattfindet. Dort haben auch zwei Dirigentinnen kandidiert, eine aus Estland und eine aus Frankreich. Ich habe keine Zurückhaltung des Kollektivs bemerken können, gegenüber der sexuellen Kondition des Dirigenten, sondern eher haben sie die Etappen begrüßt, in denen die Kandidatinnen gezeigt haben, dass sie die Kunst beherrschen. Sie haben zwar keine Preise erhalten, denn leider haben sie in der letzten Wahlrunde nicht mehr beruflich überzeugen können, so wie sie das in den vorherigen Etappen des Wettbewerbs gemacht hatten. Ich glaube, dass es wieder zum Vorschein kam, dass man seine Kunst sehr gut beherrschen, sehr gut vorbereitet sein muss, man soll keine Schwachpunkte haben, die das Kollektiv ausbeuten könnte.

Der Dirigent – egal ob Mann oder Frau –ist ein Faktor für Koordination und sein Gegenüber analysiert ihn ständig und evaluiert deine Entscheidungen. Zum zweiten habe ich bei vielen Frauen einen groben Fehler bemerkt: sie versuchen, ihre eigene Feminität zu verneinen. Ich glaube, das ist der größte Fehler, wenn eine Frau versucht, ein Mann zu werden. Man wird niemals dem Original gleich sein, sondern immer nur eine mehr oder minder wertvolle Kopie sein. Ich glaube, dass die Dirigentin ihre eigenen Mittel hat und dass die Weiblichkeit es ist, die eine starke Waffe sein kann, die gezielt eingesetzt werden kann. Kurz gesagt, man muss man selbst sein. Ein jeder hat Modelle, aber man muss von jeder Persönlichkeit aus der Kunst das nehmen, was mit dem eigenen Temperament, dem eigenen Verstand, auch mit der Kultur, aus der man kommt, zu vereinbaren ist. Dann muss man selber versuchen, seine eigene Persönlichkeit zu entfalten. Metaphorisch gesprochen, ja, es soll nicht heißen, ich habe die Hände von Meisterin Ro{ca gesehen, aber eigentlich hat sie Muti oder Prêtre, Abbado oder Barenboim kopiert! Beim vorhin erwähnten Wettbewerb war ein polnischer Dirigent enttäuscht, nicht gewonnen zu haben: „Ich habe genauso wie Muti dirigiert!“ Meine Antwort war, dass er leider nur den Eindruck gehabt hatte, ihn zu kopieren, vielleicht hätte die eigene Variante die gute Lösung gebracht. Die Schwierigkeit für einen Dirigenten und vor allem für eine Dirigentin besteht darin, die eigene Persönlichkeit zu entfalten.

„Die Kunst erfüllt dieselbe Funktion wie die Religion!“

Woran denken Sie in dem Augenblick, in dem Sie an das Dirigentenpult steigen?

In erster Linie denke ich daran, zusammen mit dem Orchester, den Solisten, den Mitgliedern des Chors und den Balletttänzern, mit dem Bühnen- und Kulissenpersonal, den Bühnenbildnern, den Requisiteuren – dieser gesamten Industrie – Momente der Freude zu schenken, und zwar den Menschen, die mit offenem Herzen zu uns kommen. Wir wollen ihnen diese Sensation schenken, dass sie eine Zeitfahrt machen. Das bedeutet eigentlich Kunst. Die Kunst hat auch die ethische Eigenschaft, den Menschen zu verändern, ihn eher an die positiven Aspekte denken zu lassen, an das, was in der Existenz des Einzelnen ins Gute geändert werden muss. Die Kunst erfüllt dieselbe Funktion wie die Religion. Das versuche ich auch meinen Studenten beizubringen, dass unser Ziel ist, zu schenken. Wenn mir jemand sagt, er habe keinen Erfolg gehabt, weil er nicht verstanden wurde, antworte ich nein, du hattest keinen Erfolg, weil du nicht genug angeboten hast.

Welche Oper erschien Ihnen am schwierigsten zu dirigieren?

Es hat viele Herausforderungen gegeben. Der Kontakt mit der Oper hatte eine große Auswirkung, weil ich symphonische Orchester dirigiert hatte. Die Oper verlangt vom Dirigenten auch andere Eigenschaften, denn man dirigiert nicht nur das Orchester, sondern hat unter seinem Stab ein ganzes Arsenal: den Chor, die Solisten, die Balletttänzer und das Orchester. Man muss alle diese Kreationslabors durchgehen und lernen, mit welchen Problemen sich zum Beispiel ein Solist oder ein Balletttänzer konfrontiert sieht. Es sind Welten, die man im Rahmen einer Vorstellung dann verbrüdern muss.

Welche Oper hat Ihnen am meisten gefallen, zu dirigieren?

Ich glaube, das ist Mozarts „Don Giovanni“ gewesen. Mozart ist allgemein sehr beliebt, bei Schriftstellern, Dramatikern, bei Filmemachern, natürlich auch bei Musikern.

Sie sind auch Universitätsdozentin. Wie viele Studentinnen hatten Sie bisher und was teilen Sie ihnen mit?

In 25 Jahren Lehramt habe ich erkannt, dass die größte Freude, die ein Dirigent haben kann, ist, irgendwann eine Vorstellung aufzubauen, ein Event – ich versuche mich aber von dem Begriff fernzuhalten – denn tatsächlich kommt es sehr selten vor, dass eine Institution den Parnass erreicht. Aber nicht das ist das Problem, ob man das Ziel erreicht, sondern dass man stets diese Richtung anstrebt, den Parnass. Ich glaube, das ist wichtiger. Wenn man an einer Opernvorstellung mit den ehemaligen Studenten arbeitet, ist es viel einfacher, denn man spricht dieselbe Sprache.

Was machen Sie, wenn Sie gerade nicht am Dirigentenpult stehen?

Ich betreue talentierte Kinder, die in diesen Bereich der Kunst hinein schnuppern wollen. Ich arbeite mit Schülern des Ion-Vidu-Musiklyzeums zusammen, aber auch mit anderen Schülern. Zum Beispiel vor einem Jahr „Die Zauberflöte“, eine Produktion mit Studenten und Kindern. Dieses Jahr soll es eine Kinderoper für und mit Kindern sein. Es handelt sich um eine Oper des Amerikaners Daniel Dorff, „Stone Soup“, die einen immensen Erfolg an der Oper in Atlanta hatte, sie wurde über tausendmal gespielt. Wir müssen die Kinder auf den Geschmack bringen, in die Oper zu gehen.

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