Handelszentrum und Lager für Tribute

Die Festung von Brăila – das türkische Erbe in Rumänien

Dienstag, 05. April 2016

Archäologe, Museumsdirektor, Universitätsprofessor, Verleger und Autor: Dr. Ionel Cândea bei der Präsentation von „Die Festung von Brăila“ im Kulturhaus „Friedrich Schiller“.
Foto: George Dumitriu

Fast die ganze Stadt ist untertunnelt, wie historische Pläne zeigen. Wissenschaftlich sind die unterirdischen Kavernen noch wenig untersucht, doch die Bewohner Brăilas wussten stets ihren Vorteil daraus zu schlagen: Viele schufen sich Zugang vom Untergeschoss ihres Hauses und nutzten die Tunnel als Vorratskeller. Doch die Hohlräume bereiteten auch Probleme: Erdrutsche, Geländeeinbrüche, ganze Straßen sackten immer wieder ab, sodass einige der Gänge und Kammern in den 1960er Jahren aufgefüllt werden mussten. Oft gegen den Widerstand derer, die den Zugang zu „ihren“ Kellern nicht einbüßen wollten.

Freilich ist das Tunnelsystem auch ein Eldorado für Archäologen. Der bislang spektakulärste Fund kam ans Tageslicht, nachdem elektromagnetische Messungen unter dem Großen Garten das Vorhandensein mehrerer unterirdischer Hohlräume ergeben hatten. Die folgenden Grabungen brachten eine kolossale Überraschung: ein riesiges Hirselager. Sechs Tonnen Hirse schleppten die Archäologen in Säcken an die Oberfläche! Etwa ein Drittel so viel blieb vor Ort unter der Erde. Auch die übrigen Hohlräume sind vermutlich Getreidespeicher und nicht, wie ursprünglich vermutet, abgesackte Tunnel. Ob das gut erhaltene Getreide noch genießbar war oder warum es den Stadtmäusen nicht geschmeckt hat, bleibt unklar.

Eine fast vergessene Festung

Brăila ist eine Stadt voller Geheimnisse. Einst fest in der Hand der Osmanen, entwickelte sie sich zu einem bedeutenden Handels- und Hafenzentrum, wo später die Getreidepreise für ganz Europa verhandelt wurden. Dass die Türken sofort nach der Eroberung dort eine Festung erbaut hatten, deren spärliche Spuren seit 1986 vom Archäologen und Direktor des Stadtmuseums „Carol I“, Dr. Ionel Cândea, erforscht wurden, erfahren wir zum Anlass der Vorstellung seines wissenschaftlichen Bildbandes „Die Festung von Brăila“ im Kulturhaus „Friedrich Schiller“ am 24. März. Einführende Worte sprach der Historiker und Museologe Ioan Opriş. Als Vortragender war auch der Turkologe Dr. Mihai Maxim geladen, Universitätsprofessor und Ehrenmitglied der Türkischen Akademie, der 17 Jahre lang türkische Archive studiert hat. Ein ungewöhnliches Forschungstandem, das der nach der russischen Eroberung im 19. Jahrhundert vollständig zerstörten Festung ihre Geheimnisse entlocken konnte.

In der über Fachkreise hinausgehenden Öffentlichkeit ist über die Festung von Brăila kaum etwas bekannt. Auf Wikipedia findet man die Geschichte der Stadt, doch kein Wort über eine Befestigung. Die ältesten archäologischen Funde der Region datieren auf ca. 4000 v. Chr. zurück. Siedlungen werden erstmals um 1350 erwähnt, darunter auch eine namens Proilabum oder Proilava, woher sich vermutlich Brăila ableitet. Im 14. Jahrhundert wird die Donaustadt als Handelszentrum erwähnt: 1368 erlaubte der walachische Fürst Vladislav I. Kaufleuten aus Kronstadt/Braşov, in Brăila Geschäfte zu machen. 1417-1829 geriet die Stadt dann in türkische Hand: Aus Brăila wurde Ibraila, eines der wichtigsten islamischen Zentren in der Walachei – und mindestens ebenso bedeutend als Zwischenlager der von der Walachei an das Osmanische Reich zu zahlenden Tribute, weshalb die Stadt oft Ziel von Angriffen war. Etwa 1470, als Stefan der Große sie unterwarf, plünderte und niederbrannte (in der Schlacht gegen den mit den Türken verbündeten walachischen Fürsten Radu dem Schönen).

Doch immer wieder gelangte Brăila zurück in die Hand der Hohen Pforte. Bis die Stadt 1828 im Zuge der Russisch-Türkischen Kriege vor der russischen Armee kapitulieren musste. Wikipedia erwähnt interessanterweise noch, dass als Folge die Festungen in der Nord-Dobrudscha der Reihe nach von den Russen besetzt wurden: Măcin, Tulcea und weiter südlich Hârşova und Konstanza/Constanţa. Warum fehlt jeglicher Hinweis auf Brăila? Vermutlich weil die Festung 1831 auf russischen Befehl vollständig zerstört wurde und danach weitgehend in Vergessenheit geriet.

Rekonstruktion im Tandem

Der Archäologe Cândea lässt mit seinem Buch die Festung von Brăila neu auferstehen: Die historische Lücke füllt sich, doch nicht nur mit Erkenntnissen aus der eigenen Disziplin. Einen wesentlichen Beitrag leisteten die türkischen historischen Archive. Vieles zur rumänischen Geschichte lernte man aus diesen, ergänzt Maxim und erklärt, die Türken seien wahre Meisterarchivare gewesen. Nicht umsonst heißt „Archiv“ auf Türkisch auch „Schatz“! Zahlreiche rumänische Dokumente aus dem Mittelalter sowie sämtliche Festungen der Osmanen in Rumänien sind dort bis heute hervorragend dokumentiert. Zur Festung von Brăila kennt man daher die genaue demografische Struktur (Rumänen, Ungarn, Zigeuner) während der türkischen Besatzung, erhalten sind ihre Inspektionsprotokolle der Burg, Berichte von Militärs und Hofarchitekten, die militärischen Pläne der Verteidigungsanlage – der letzte aus 1819, sodass man weiß, wie die Burg kurz vor der Zerstörung ausgesehen hat, ja sogar der Stadtschlüssel wurde aufbewahrt.

Die Festung von Brăila sei tatsächlich eine rein türkische Errungenschaft, meint Cândea. Vor der Eroberung durch die Osmanen soll es keinerlei Stadtbefestigung gegeben haben. 1546 wurde die Burg auf türkischen Befehl von rumänischen Händen aufgebaut – zuerst eine quadratische Mauer, dann eine in Form eines Pentagons, im 17.-18. Jahrhundert wurde auch die umliegende zivile Siedlung eingefriedet. Und 1831 wurde die Burg auf russischen Befehl abgerissen, „ebenfalls von rumänischen Händen“, fügt Cândea hinzu.

Forschungsergebnisse in Wort und Bild

Dem zweisprachigen Textteil (Rumänisch/Englisch), gegliedert in die Kapitel Aufbau, Rekonstruktion und Ideen zur Wertschöpfung, folgt ein ebenso umfangreicher Bildteil mit historischen Dokumenten, Plänen, Karten, Fotos von Ausgrabungen (z. B. zum Hirselager) und Diagrammen geophysikalischer Untersuchungen (z. B. Messung des elektrischen Widerstandes im Bereich des Großen Gartens). Der Text ist eine Aneinanderreihung von Zitaten aus historischen Quellen und wissenschaftlichen Arbeiten, für den interessierten Laien eher schwer verdaulich, zumal auch der rote Faden fehlt. Im Bildteil beeindrucken die Fotos zu den Ausgrabungen in der Hirsegrube, aber auch die Skizzen des 1812-1814 erbauten, unterirdischen, teilweise noch erhaltenen 65 Meter langen Pulverlagers mit fünf erhaltenen Ventilationslöchern, die Temperatur und Feuchtigkeit des Schießpulvers konstant halten sollten. Leider sind Funde und Karten zum Teil leserunfreundlich auf den Kopf gestellt oder verkehrtrum beschriftet, zudem verwundert die unnötig vergrößerte Darstellung von Diagrammen in extrem schwacher Auflösung.

Restaurierung mit japanischer Hilfe?

Bemerkenswert sind hingegen die Vorschläge des Autors zur Wertschöpfung des historischen Denkmals im dritten Kapitel. Restaurierbar – und damit für den Tourismus zugänglich – wären Cândea zufolge das Hirselager, die Zisternen, die letzte Verteidigungsmauer um die zivile Siedlung, die eindrucksvolle Schießpulver-Depotanlage und eine unterirdische Verbindung zwischen dem christlichen Friedhof zur Bastion, die demnächst als A-Klasse-Monument eingetragen werden soll. Erforscht werden sollten zudem die ausgedehnten unterirdischen Speicher und Keller, die noch Überraschungen, auch im Hinblick auf neue Funde, liefern könnten, so der Autor. Zur Buchvorstellung zitiert dieser den Brief einer Vertreterin der rumänischen Handelskammer in Tokio, die ein eventuelles Interesse japanischer Firmen an einer Restauration in Aussicht stellte. Werden bald abenteuerlustige Reisende die unterirdischen Tunnelsysteme der ehemaligen Burg durchstreifen? Hier ein Museum und dort eine Ausstellung besuchen, dazwischen ein Absacker in einer stimmungsvollen Weinstube im Gewölbe? Mit einem Schlag wäre Brăila – Ibraila – erneut ein Zentrum der Aufmerksamkeit. Und die fast vergessene Burg zu neuem Leben erweckt.

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