Handwerk feiern im Haferland!

Das Motto der diesjährigen Kulturwoche: lokale Handwerkskunst

Freitag, 15. Juni 2018

Bauernmöbel-Malerin Manuela Ivan demonstrierte ihre Kunst.

Auf der Pressekonferenz im Dorfmuseum (v. li.): Veronica Schmidt, Michael Schmidt, Andreea Marin und der Violinist Alexandru Tomescu
Fotos: die Verfasserin

Unter schattigen Bäumen stehen Bierbänke vor dem schmucken Sachsenhaus, einem typischen Hof aus dem 19. Jahrhundert aus Schönberg/Dealu Frumos. Links eine Riesenleinwand, sie zeigt einen Reigen naiver Trachtenfigürchen mit fröhlichen Fest- und Freizeit-Symbolen. Im Gras rechts davor zwei sächsische Aussteuertruhen, mit bunten Bauernsträußchen dekoriert, auf den mit Blumen bemalten Stühlchen dahinter werden gleich die Hauptpersonen Platz nehmen. Nein, hier wird nicht gefeiert – noch nicht. Auch sind wir nicht in Siebenbürgen, sondern mitten in Bukarest.

„Welcher Ort könnte besser geeignet sein, um für die Haferlandwoche Werbung zu machen, als das Sachsenhaus im Dorfmuseum“, strahlt Andreea Marin in die Kameras. Museumsdirektorin Paulina Popoiu nickt bestätigend, sie weiß um die Kraft dieser Oase in der brodelnden Hauptstadt. Vor zwei Jahren wurde der alte Sachsenhof aus dem Harbachtal dort rekonstruiert und ist seither ein beliebter Anziehungspunkt für sächsische und andere Besucher.

Während der aus Deutsch-Kreuz stammende Unternehmer Michael Schmidt (MHS Truck & Bus Group und Automobile Bavaria Group) seine Geschichte über die Gründung der Haferlandwoche aufrollt, die er erstmals 2013 mit der von ihm 2010 gegründeten Michael Schmidt Stiftung (MHS) realisierte, unterstützt von Peter Maffays Tabaluga Stiftung in Radeln und inzwischen auch vom Mihai Eminescu Trust (MET) in Deutsch-Weißkirch, der Adept-Stiftung in Keisd und der Nowero Stiftung in Reps...

Während er das Motto der diesjährigen Ausgabe bekannt gibt – im letzten Jahr war es Gastronomie gewesen, im Jahr davor Schultradition, heuer ist es die sächsische Handwerkskunst...

Während Veronica Schmidt, Vizepräsidentin der MHS, über ihr Kinderprogramm und die Restauration von Bauernhöfen in Deutsch-Kreuz erzählt...
Während plötzlich Musik aus den Lautsprechern dröhnt und ein packender Trailer für die diesjährige Haferlandwoche über die Leinwand flimmert, voll fröhlicher Szenen aus den Vorjahren und mit Luftaufnahmen der Kirchenburgen...

Während all dessen sitzt Künstlerin Manuela Ivan aus Kronstadt/Brașov still im Hintergrund – und malt. Pinselt Blumen, Herzen, Girlanden und Füllhörner auf kleine Brettchen, die typischen Motive der bemalten Bauernmöbel aus den zehn an der Haferlandwoche teilnehmenden Gemeinden – Arkeden/Archita, Radeln/Roadeș, Keisd/Saschiz, Hamruden/Homorod, Reps/Rupea, Deutsch-Kreuz/Criț, Meschendorf/Meșendorf, Klosdorf/Cloașterf, Bodendorf/Bunești und Deutsch-Weißkirch/Viscri. „Sie werden sie auf der Haferlandwoche unterscheiden lernen“, verspricht Veronica Schmidt. Am Ende der Pressekonferenz darf jeder Teilnehmer ein personalisiertes Bildchen mit nach Hause nehmen. So prägt sich das Motto gleich ein.

Mit Kelle, Pinsel oder Töpferscheibe

Auch Caroline Fernolend aus Deutsch-Weißkirch, Präsidentin des MET und Vorsitzende des Kronstädter Kreisforums, zeigt sich begeistert vom diesjährigen Motto der Kulturwoche: „Das Thema liegt mir sehr am Herzen, denn auch meine Vorfahren praktizierten Handwerkskunst.“ Der MET unterstützt seit Jahren den Erhalt alter Bausubstanz in der Region, engagiert sich für die Bewahrung traditioneller Methoden auch des lokalen Handwerks, hilft Dorfbewohnern, nachhaltige kommerzielle Aktivitäten auf die Beine zu stellen. „Authentizität ist für mich nicht gleichbedeutend mit Vergangenheit, sondern damit, die wahren Werte weiterzugeben“, motiviert Fernolend ihre Bemühungen. So gibt es dort längst wieder lokale Ziegelhersteller und Möbelrestaurateure haben Hochkonjunktur. „Die Herausforderung der heutigen Zeit besteht darin, Kulturerbe neu zu inspirieren“, ergänzt sie mit Verweis auf die hübschen Aussteuertruhen, die im heutigen Haushalt freilich ganz anders genutzt werden. „Man muss alten Dingen neues Leben geben“, regt sie an. Ein Grund, traditionelles Handwerk zu feiern.

Dazu gehört auch die Töpferkunst, die von der Stiftung Adept vor einigen Jahren in Keisd wiederbelebt wurde. Die filigranen weißen Motive, vor allem Blumen und Vögel, auf tiefblauem Grund, sind typisch für den Ort und begeistern auch heute Liebhaber von schönem Geschirr. Ansonsten setzt sich die Stiftung für den Erhalt der Biodiversität, Unterstützung lokaler Produzenten und nachhaltigen Tourismus ein, erklärt Cristi Gherghiceanu. „Das Gebiet gehört heute zu den Natura 2000-Schutzgebieten, außerdem haben wir die Dörfer des Harbachtals mit Radwegen verbunden.“ Beispiele für Nachhaltigkeit, aber auch für Synergieeffekte, die sich seit der Kooperation im Rahmen der Haferlandwoche zwischen den Akteuren ergeben – und auf die Michael Schmidt bewusst setzte, als er die Idee ins Leben rief.

Stradivarius und Fahrradtour

Als bisher stiller Zaungast und erklärter Fan der Haferlandwoche outete sich überraschend der bekannte rumänische Violinist Alexander Tomescu. Er hatte sich vorgenommen, in diesem Jahr die Stradivarius-Geige nach Deutsch-Kreuz zu bringen! In der dortigen Kirche, die sich hervorragend für Konzerte eignet, weil sie über außergewöhnliche Klangeigenschaften verfügt, wird er am 4. August Johann Sebastian Bach spielen. „Einen Ort zu retten, bedeutet nicht, nur seine Mauern zu retten“, motiviert der Künstler seinen Einsatz in der Kirchenburg.

Einen Freizeit-Kulturtag während der Haferlandwoche organisiert wieder Michael Folberth, Vorsitzender der Regionalgruppe Repser und Fogarascher Land in Deutschland, für den 2. August. Mit dem Fahrrad soll es von Bodendorf über duftende Wiesen und Wälder nach Arkeden und über Radeln wieder zurück nach Bodendorf gehen, wo das Kulturprogramm weiterläuft. Wer nicht mit dem eigenen Rad anreisen möchte, kann sich eines vor Ort reservieren lassen (per Mail unter FreizeitKulturTag@gmail.com).

Neben Vorführungen zu verschiedener Handwerkskunst, die diesmal im Vordergrund stehen, lockt die Haferlandwoche mit vielfältigen kulturellen Attraktionen : Open Air Theater, Jazz- und Orgelkonzerte, Kinderchor, Filme, eine Fotoausstellung mit historischen Bildern aus den Dörfern der Sachsen, eine Ausstellung sächsischer Trachten, sportliche Aktivitäten wie Wandern, Radfahren oder Spazierfahrten mit dem Pferdewagen, der traditionelle Sachsenball, Brunches und Verkaufsstände lokaler Produzenten (Programm: www.haferland.ro). Neugierig geworden? Dann gilt es eigentlich nur noch, den Kalender zu zücken und am Termin zu schmieden: 2. bis 6. August – Handwerk feiern im Haferland!

Kommentare zu diesem Artikel

Winfried, 31.07 2018, 12:46
Handwerk schön und gut. Wie wird die Energiegewinnung betrieben?
dan, 31.07 2018, 12:32
Wenn die Sachsen bei dieser Haferland-Woche nicht als Tänzer, Handwerker, Ausführende dabei sind ---
was ist diese Haferlandwoche, wenn nicht nur eine Folklore-Museums-Woche auf Kosten der Sachsen und ihrer Kultur, dargeboten von maskierten Nichtsachsen der staunend-unwissenden Menge?
dan, 31.07 2018, 12:22
Und was natura 2000 und den Erhalt der Biodiversifität betrifft:
Diese Veranstaltung leistet sicher keinen Beitrag dazu- denn die Wälder, Bäume in der Gegend werden weiterhin abgeholzt, wie schon seit 1990 schon - obwohl es die Haferlandwoche schon lange gibt.
dan, 31.07 2018, 12:20
Wenn dieses Jahr die Haferland-Woche ein Revival des sächsischen Handwerks sein soll- warum ist kein einziger sächsischer Handwerker dabei?
Oder ist das Ganze nur eine Marketing-Veranstaltung, bei der nur die naiven, unwissenden Touristen zugelassen sind, von der M. Schmid & Co. am Meisten profitieren, in der Gegend aber weder Arbeitsplätze noch das sächsische Handwerk revitalisiert werden?

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